Narkolepsie/Tagesschläfrigkeit -
Internationaler Erfahrungsaustausch zu Modafinil
Istanbul, 12. September 2000. Zu dem 1998 in Deutschland eingeführten Modafinil liegen inzwischen klinische Erfahrungen aus über 20 Ländern zum Einsatz bei Narkolepsie vor. Anlässlich der 15. Jahrestagung der European Sleep Research Society (ESRS) diskutierten internationale Experten im Rahmen des Symposiums Excessive Daytime Sleepiness: a Public Concern die therapeutischen Möglichkeiten bei Narkolepsie, die klinischen Erfahrungen mit Modadinil und mögliche weitere Einsatzfelder für diesen Wirkstoff.

Fast jeder Gesunde wurde schon einmal mit den Symptomen der exzessiven Tagesschläfrigkeit (Excessive Daytime Sleepiness/EDS) konfrontiert, erklärte Professor Hakan Kaynak, Türkei. Der Grund dafür liege normalerweise in der Übermüdung als Folge des Schlafentzugs. Bei Narkolepsie-Patienten hat die Tagesschläfrigkeit dagegen krankheitsbedingte Ursachen. Die normalen Abläufe von Wachheit am Tag und Schlaf in der Nacht stehen buchstäblich auf dem Kopf. Am Tage überkommt die Pa-tienten der unwiderstehliche Zwang zu schlafen. Nachts dagegen wird der Schlaf von häufigen, teils langen Wachphasen unterbrochen.

Narkolepsie erkennen

Das Erkennen einer Narkolepsie stellt für viele Ärzte ein Problem dar, erklärte Dr. Ian Smith, Großbri-tannien. Unterstützung bietet eine 10-Punkte-Checkliste, die kostenlos angefordert werden kann beim Merckle Narkolepsie Service, Postfach, 54655 Malberg. Die differentialdiagnostische Abklärung sollte jedoch im Schlaflabor erfolgen. Hier stehen verschiedene Messverfahren zur Verfügung wie z. B. der multiple Schlaflatenztest (Multiple Sleep Latency Test, MSLT), der Mehrfach-Wachbleibe-Test (Maintenance of Wakefulness Test, MWT) und der Osler-Test, erklärte Smith. Gebräuchlich sei auch die Epworth Sleepiness Scale (ESS). Eine exzessive Tagesschläfrigkeit liegt vor, wenn der ESS >10 be-trägt. Smith wies darauf hin, dass mehrere Messverfahren und Befragungstechniken angewendet werden sollten, um die Narkolepsie sicher zu diagnostizieren. Die objektive Messung sei aus dreierlei Gründen wichtig: als Grundlage für klinische Entscheidungen und die Forschung sowie aus rechtli-chen Überlegungen. Denn Narkolepsie-Patienten können als Verkehrsteilnehmer ein Risikopotential darstellen. Angesichts der Gefahren des Straßenverkehrs - allein in Europa sterben pro Jahr 40.000 Menschen - muss ausgeschlossen werden, dass diese Patienten aufgrund ihrer Krankheit sich und andere Verkehrsteilnehmer gefährden, erklärte Professor Alan Bodon, Frankreich. Das Führen von Kraftfahrzeugen könne jedoch unter Modafinil möglich sein, wenn bei auftretender Müdigkeit eine sofortige Unterbrechung der aktiven Teilnahme am Straßenverkehr gesichert und Verkehrssituationen mit hohen Aufmerksamkeitsanforderungen gemieden werden können, erklärte Bodon.

Modafinil war ein Therapiedurchbruch

Die Narkolepsie ist eine lebenslange Krankheit mit den Hauptsymptomen Tagesschläfrigkeit, Kataplexien, hypnagoge Halluzinationen und Schlaflähmungen. Es hat keinen Sinn, gegen die Krankheit anzukämpfen, erklärte Professor Jean-Daniel Guieu, Frankreich. Statt dessen empfahl er zu versuchen, mit der Krankheit zu leben und die individuellen Lebensabläufe an die Erfordernisse der Krankheit anzupassen. Auf der medikamentösen Ebene sei mit der Einführung von Modafinil, dem ersten Vertreter einer völlig neuen Substanzklassse, ein Durchbruch gelungen. Modafinil habe sich als bislang effektivste Substanz erwiesen. Die gute Wirksamkeit und Verträglichkeit, die fehlende Toleranzentwicklung und das fehlende Sucht- und Abhängigkeitspotential machen Modafinil zum Medikament der ersten Wahl bei Narkolepsie, erklärte Guieu.

Weitere Indikationen wahrscheinlich

Professor Michael Thorpy, USA, erläuterte, dass Modafinil aufgrund seines pharmakologischen Wirkprofils für weitere neurologische Indikationsstellungen geeignet sein könnte. Erste Studien unterstüt-zen diese Hypothese. So kam es bei Multiple Sklerose-Patienten mit einem Fatigue-Syndrom, von dem 90% der MS-Patienten im Verlauf der Erkrankung betroffen sind, unter 200 mg Modafinil zu deutlichen Verbesserungen im Vergleich zu Amantadin. Nach den Ergebnissen einer Pilotstudie könnte die Substanz auch bei der Myotonischen Dystrophie eine wirksame Therapieoption darstellen. Weiterhin scheine Modafinil das Ansprechen auf eine antidepressive Therapie zu verbessern.

Wirkmechanismus über α1-Rezeptoren und das GABAerge-System

Die Ursache der Narkolepsie ist bis heute ungeklärt. Professor Christian Guilleminault, USA, er-läuterte, dass die durch Modafinil induzierte Erhöhung der lokomotorischen Aktivität wahrscheinlich in Zusammenhang mit einer zentralen α1-adrenerg vermittelten Aktivierung steht. Dagegen werden Interaktionen mit dopaminergen Mechanismen ausgeschlossen. Unter Modafinil kommt es über eine Aktivierung der zentralen Serotonin-Übertragung zu einer Reduktion der GABA-Freisetzung im Gehirn. Da Modafinil fast ausschließlich zentral wirkt, treten kaum vegetative und kardivaskuläre Nebenwirkungen auf. Aktuelle Studien weisen auf einen weiteren Mechanismus hin: die Stimulation der Produktion des Neuropeptids Orexin: ein genetischer Defekt des Rezeptors für Orexin löst Narkolepsie bei Hunden aus. Die Experten sind zuversichtlich, dass die der Narkolepsie zugrunde liegenden Mechanismen in absehbarer Zeit gefunden werden können.

Fazit

Modafinil (Vigil®), eine zentralstimulierende Substanz mit neuartigem, nicht amphetaminartigem Wirkmechanismus, zeigte im klinischen Einsatz sowie in offenen, kontrollierten und Langzeitstudien in 22 Ländern weltweit bei Narkolepsie-Patienten eine signifikante Verbesserung der Tagesmüdigkeit, eine ausgeprägte Verbesserung der Lebensqualität und keine Beeinträchtigung des Nachtschlafs. Eine Dosissteigerung zum Erhalt der Wirkung ist nicht erforderlich und beim Absetzen wurde kein Rebound-Phänomen beobachtet. Unter Modafinil kommt es nachweislich zu keiner Sucht- und Abhän-gigkeitsentwicklung. Die Experten kritisierten, das die Substanz in Deutschland dennoch unter das Betäubungsmittel (BtM)-Recht fällt. Damit stellt Deutschland weltweit die einzige Ausnahme dar: in allen anderen 21 Ländern der Welt, in denen Modafinil eingesetzt wird, kann das Medikament ohne BtM-Formular verordnet werden.


Bericht von der 15. Jahrestagung der ESRS, Symposium Excessive Daytime Sleepiness: a Public Concern, Istanbul, Türkei, 12.9.2000


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