13. März 2001
Neue Hilfe für "zwanghaft Zerstreute"?
Das "Zappelphilipp-Syndrom" wächst sich keineswegs immer mit zunehmendem Alter aus. Rund 3 % aller Erwachsenen leiden weiterhin unter einer "Aufmerksamkheitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung" (engl. abgekürzt: ADHD). Durch ihre Nervosität, leichte Ablenkbarkeit, vermehrte Vergesslichkeit, Stimmungsschwankungen, Reizbarkeit, niedrige Frustrationstoleranz, Ungeduld und Impulsivität fallen sie auch ihrer Umwelt unangenehm auf. Wie Dr. med. Michael Colla (Mannheim) auf einem Symposium in Berlin erläuterte, lässt sich vielen Betroffenen mit dem selektiv noradrenerg wirkenden Antidepressivum Reboxetin (Edronax®) helfen.

Noch ist eine entsprechende Indikation für Reboxetin nicht zugelassen. Die bisherigen Erfahrungen der Mannheimer ADHD-Ambulanz und vergleichbare Resultate mit anderen noradrenerg wirkenden Substanzen ermutigen jedoch sehr. ADHD-Patienten der Mannheimer Ambulanz erhalten daher nach intensiver Aufklärung über das neuartige Vorgehen Reboxetin bereits als Mittel der ersten Wahl. Erst wenn eine Wirkung ausbleibt, wird das bisherige und der Betäubungsmittelverordnung unterliegende Standardmedikament Methylphenidat verordnet. Die durchschnittliche Symptomreduktion im Verlauf von vier Behandlungswochen ist unter beiden Substanzen vergleichbar.

Colla betonte, dass Reboxetin bei Depressiven und bei Patienten mit ADHD unterschiedlich wirkt. So entfalten bei ADHD schon niedrigere Tagesdosen (4 bis 6 mg Reboxetin) den erwünschten Effekt. Dieser tritt zudem meist schon zwei bis drei Tage nach Therapiebeginn ein. Dagegen lässt er in der Depressionsbehandlung nicht selten zwei bis drei Wochen auf sich warten. Noch fehlen ausreichende Erfahrungen zur Langzeittherapie des ADHD mit Reboxetin, räumte Colla ein. Vorerst empfiehlt die Mannheimer ADHD-Ambulanz ihren Daueranwendern von Reboxetin daher regelmäßige "Pillenpausen" (z.B. zwei Tage alle zwei Wochen). Solche sind bei Dauereinnahme von Methylphenidat die Regel. Auf diese Weise hofft man, die Empfindlichkeit bzw. Ansprechbarkeit der Zielrezeptoren zu erhalten.

Auch für ADHD-Patienten gibt es bislang keine medikamentösen "Wundermittel". Deswegen kann eine Verhaltenstherapie das Behandlungsprogramm sinnvoll ergänzen. Zur Überraschung der Mannheimer ADHD-Experten berichteten viele ADHD-Patienten, dass sie unter Reboxetin viel empfänglicher für eine Verhaltenstherapie seien. Warum sollte die Kombination beider Maßnahmen nicht in der Lage sein, dauerhafte Änderungen zu erzielen und so weitere Behandlung entbehrlich machen? fragte sich der Referent.

Zusammenfassend unterstrich Colla, dass ADHD heute eine eigenständige psychiatrische Störung darstellt. Diese werde allerdings unzureichend erkannt und behandelt. In der Therapie sollten Alternativen zu Methylphenidat stärker berücksichtigt werden, zumal entsprechende Substanzen heute verfügbar und nachweislich gut wirksam sind.


Quelle: Pharmacia


Zum Seitenanfang
Home