Medizinische Behandlungsmöglichkeit für Zöliakie in Sicht?
Die Resultate einer neuen Studie könnten zur ersten medizinischen Behandlungsmöglichkeit für Zöliakie führen, einer erblichen Verdauungsstörung, welche den Dünndarm schädigen und die Resorption der in der Nahrung enthaltenen Nährstoffe stören kann. An Zöliakie leidende Personen können kein Gluten vertragen, ein in Weizen, Gerste und Roggen vorkommendes Protein. An Zöliakie leidet schätzungsweise einer von 250 US-Amerikanern, darunter vornehmlich Personen europäischer Abstammung, und es gibt derzeit keine medizinische Behandlungs- oder Heilungsmöglichkeit. Für Deutschland wird von einem Betroffenen unter 1000 ausgegangen.
Forscher entdeckten, dass eine synthetische Form des Alpha-melanozytenstimulierenden Hormons (Alpha-MSH) eine entzündungshemmende Wirkung auf die Bauchhöhlenschleimhäute hat, d.h. auf die Darminnenwand, durch welche der Körper Nährstoffe resorbiert. Alpha-MSH ist ein natürlich vorkommendes Molekül, das entzündliche Reaktionen und Immunreaktionen moduliert. Daten, welche das Vorhandensein von Alpha-MSH in den Bauchhöhlenschleimhäuten bestätigen, lassen eine lokale Molekülreaktion zur Eindämmung der durch Gliadin hervorgerufenen entzündlichen Reaktion vermuten. Gliadin ist die bei Zöliakie-Kranken toxisch wirkende Gluten-Subfraktion. Das Toxin ruft eine Immunreaktion hervor, die zur Schädigung des Dünndarms führt und damit den Aufschluss und die Resorption von Nährstoffen unmöglich macht, welche für Gesundheit und Wachstum benötigt werden (Malabsorption).
Die Erkenntnisse werden unter dem Titel "Anti-Inflammatory Effects of alpha-Melanocyte-Stimulating Hormone in Celiac Intestinal Mucosa" am 20. Februar 2003 veröffentlicht, in NeuroImmunoModulation, dem offiziellen Journal der International Society for Neuroimmunomodulation.
Ein lokal produziertes Alpha-MSH moduliert Entzündungen und begrenzt möglicherweise die Epithelschädigung bei Zöliakie-Patienten.
Für die Studie wurden kultivierte Human-Bauchhöhlenschleimhautzellen verwendet. Die Forscher entnahmen Zwölffingerdarm-Biopsieprobenpaare von 53 erwachsenen Zöliakie-Patienten (34 unbehandelte Patienten und 19 glutenfreie Diät lebende Zöliakie-Patienten) sowie von 14 normalen Probanden und führten drei Versuchsreihen durch, um Folgendes zu ermitteln: (1) Schleimhaut-Immunreaktivität für Alpha-MSH und Melanokortin-Rezeptoren (MCR) und Genexprimierung der Alpha-MSH-Vorstufe Proopiomelanokortin und MCR; (2) Produktion von Alpha-MSH und Entzündungszytokinen durch Zwölffingerdarm-Proben in vitro sowie Einfluss von synthetischem Alpha-MSH auf eine derartige Zytokinproduktion; und (3) Einfluss einer Gliadin-Anregung auf Alpha-MSH- und Zytokinproduktion in vitro sowie Wirkung von Alpha-MSH auf durch Gliadin angeregte Zytokinproduktion.
Die Resultate deuten auf einen lokalisierten entzündungshemmenden Einfluss, basierend auf Alpha-MSH und dessen Rezeptoren, hin: die Zwölffingerdarm-Schleimhaut zeigte Anzeichen von Alpha-MSH sowie von zwei seiner Rezeptor-Subtypen, MC1R und MC5R. Ferner war die Alpha-MSH- und die MC1R-Immunreaktivität intensiver in Zellproben von Zöliakie-Patienten, und die Freisetzung von Interleukin 6 (einem Entzündungsreaktionen stimulierenden Lymphokin) aus der Zwölffingerdarm-Schleimhaut nach Gliadin-Anregung wurde durch synthetisches Alpha-MSH gehemmt.
An Zöliakie leidende Patienten haben gegenwärtig keine medizinischen Optionen außer der lebenslangen Einhaltung einer strikten glutenfreien Diät. Wenn sich die bei der Zöliakie eine erhebliche Rolle spielenden entzündlichen Reaktionen eindämmen und die Immunsuppression begrenzen ließen, könnte dies zu einer medizinischen Behandlungsmöglichkeit führen.
Die neuartige Moleküle sind das Resultat von Forschungen an Peptidmolekülen aus Alpha-melanozytenstimulierendem Hormon (Alpha-MSH) in den USA, in Europa und in Asien. Es wurde erstmals nachgewiesen, dass Alpha-MSH entzündungshemmende Eigenschaften besitzt und die spezifische Aktivität der Carboxy-Terminierung-Tripeptid-Region (C-Terminierung-Peptid) des Alpha-MSH-Peptids entdeckt.
Zöliakie: häufig fehldiagnostiziert
Laut Angaben des US-amerikanischen Instituts für Diabetes, Verdauungs- und Nierenleiden (National Institute of Diabetes and Digestive and Kidney Diseases, NIDDK) des National Institutes of Health (NIH) leidet einer von 250 US-Amerikanern an Zöliakie (auch als glutenindizierte Enteropathie oder Herter-Heubner-Syndrom bekannt). Zöliakie ist eine Erkrankung, bei der es zu einer chronischen Reaktion auf Proteine, sogenannten Glutenen, kommt, welche zur Zerstörung der Dünndarmzotten und damit zur Malabsorption von Nährstoffen führt. Diese genetisch bedingte Erkrankung kann bei entsprechender erblicher Vorbelastung in jedem Lebensstadium auftreten.
Zöliakie wird häufig fehldiagnostiziert, die Symptome sind verschiedenartig, und es gibt derzeit keine medizinische Behandlungs- oder Heilungsmöglichkeit. An Zöliakie leidenden Patienten bietet sich gegenwärtig nur eine einzige Alternative - lebenslange Einhaltung einer glutenfreien Diät. Ohne Behandlung kann Zöliakie zu Malabsorption und damit zu Mangelernährung führen. Zöliakie ist besonders gefährlich für Kinder und Heranwachsende, die eine ausreichende Nährstoffversorgung für ihre gesunde Entwicklung benötigen. Darüber hinaus haben Zöliakie-Kranke, die keine strikte glutenfreie Diät einhalten, ein höheres Risiko für verschiedene Krebserkrankungen, insbesondere Magen-Darm-Lymphom. Zu den weiteren langfristigen Komplikationen zählen Anämie, Diabetes mellitus, Schilddrüsenunterfunktion, Osteoporose, Krampfanfälle und periphere Neuropathie.