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Den Gegner retten? Medizinethik im Konflikt

6. Oktober 2014

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   03.04.2003
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Kassen nehmen Folsäure aus der Erstattung: Diskussion zu Lasten Schwangerer

Die Erstattungspolitik der Krankenkassen treibt bizarre Blüten: In Nord- und Ostdeutschland weigern sich einige Kassen, die Substitution von Folsäure bzw. der Kombination von Eisen und Folsäure bei einer Schwangerschaft weiterhin zu erstatten. Eine gespenstische Diskussion hat begonnen. Die Kosten für Folgebehandlungen dürften um ein vielfaches höher sein als der kurzfristige Spareffekt der Kassen. Aus Sicht der Medizin führt an der Substitution dieser beiden Mangelsubstanzen kein Weg vorbei. Das sieht auch das Bundesamt für gesundheitliche Aufklärung so – wie übrigens alle anderen nationalen und internationalen Einrichtungen, die sich mit dem Thema befassen. Den Schaden hat wie so oft die Patientin und – in diesem Fall möglicherweise besonders fatal – das ungeborene Kind.


Das Argument der Kassen: Folsäure sei ein Vitamin. Unterstellt wird faktisch, dass es sich deshalb um eine Nahrungsergänzung handele. Die Konsequenz: Die Verordnung von Folsäure-Präparaten ist in den betroffenen Bezirken Nord- und Ostdeutschlands eingebrochen. Das Argument der Kassen ist umso bizarrer als es kaum einen Bereich der Forschung gibt, in dem die Aussagen so eindeutig sind, der Nutzen so umfassend dokumentiert ist. Man mag in der Medizin über Tabellen oder gar Ranglisten für die zu substituierenden Substanzen streiten; Eisen und Folsäure tauchen in jeder auf. Und dies mit übereinstimmenden Dosierungsempfehlungen der zuständigen Institutionen, welt- und bundesweit: WHO, DGE, BfArM, BGVV. Dies ist zumal in der Substitutionstherapie nicht selbstverständlich, spiegelt aber den Stellenwert wider, den eine ausreichende Versorgung mit beiden Stoffen besitzt.


Zynische Ausnahme

Die Substitution der Mangelsubstanzen Eisen und Folsäure bleibt eine der wichtigsten Maßnahmen in der Schwangerschaft. Ganz unabhängig von der Erstattungsfähigkeit. Beide Substanzen sollten vor, während und nach der Schwangerschaft substituiert werden. Nur so ist der Schutz für das ungeborene Leben, die Schwangere und die Zeit post partum komplett.

Regelrecht zynisch ist die Ausnahmeregelung, die von den Kassen – immerhin – vorgesehen ist: Nur wenn die Frau bereits ein Kind mit Neuralrohrdefekt geboren hat, wird die Erstattung von Folsäure zugestanden.
Über die Behandlungskosten einer Anämie bei der Mutter oder eines Neuralrohrdefektes des Kindes mit Operation sowie orthopädischer und neurologischer Rehabilitation scheinen sich die Kassen keine Gedanken gemacht zu haben.

Medizinisches Faktum bleibt: Die Versorgung mit essenziellen Vitaminen, Mineralien und Spurenelementen muss rechtzeitig gesichert sein – und nicht erst dann, wenn Symptome oder Defekte auftreten. Übrigens erstatten die Kassen Folsäure auch, wenn ein Mangelnachweis erbracht ist. Nur kostet der Nachweis die Kassen mehr als die Erstattung der Folsäure während der gesamten Schwangerschaft.


Nimm Zwei

Die alimentäre Bedarfsdeckung für Eisen und Folsäure konnte bis heute nicht entscheidend verbessert werden. Die Gründe liegen teilweise in Bereichen, die wir unmittelbar beeinflussen könnten, die Landwirtschaft und der überwiegende Teil der Bevölkerung mit seinen Ernährungsgewohnheiten tun es aber nicht. Dies führt bei Bedarfsspitzen, z.B. der Schwangerschaft, fast zwangsläufig zu einer Mangelsituation. Die Notwendigkeit einer Substitution besteht schon vor der Schwangerschaft bei der Kinderplanung. Nicht nur dass viele werdende Mütter einen Mangel bereits mit in das 1. Trimenon bringen und so die kommenden Monate komplizieren. Für die sichere Ausschaltung des Spina-bifida-Risikos für das Ungeborene kann es beim

Schwangerschaftsnachweis schon zu spät sein. Hier muss bereits ein ausreichender Folsäurespiegel existieren, weil der möglicherweise angerichtete Schaden nicht reversibel ist.

Die Abwägung zwischen Nutzen, Risiken und Kosten fällt bei Eisen und Folsäure eindeutig aus: An einem Ausgleich des Defizits führt kein Weg vorbei.

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Zuletzt geändert am: 03.04.2003