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   11.04.2003
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Osteoporose: Oft zu spät behandelt und volkswirtschaftlich teuer

Das heutige Gesundheitswesen steht vor großen Herausforderungen. Bemer-kenswerte medizinische Fortschritte stehen immensen finanziellen Problemen gegenüber. Chronische Erkrankungen sind teuer und werden ohne ausrei-chende und rechtzeitige Behandlung zunehmend unbezahlbar. Die Osteoporose ist eine Volkskrankheit, allein in Deutschland leiden 6 Millionen an Osteoporose, 80% der Betroffenen sind Frauen.
Die Osteoporose geht einher mit einem erhöhten Frakturrisiko, bedingt durch eine verminderte Knochenfestigkeit. Typische osteoporotische Frakturen sind Wirbelkörperbrüche, Brüche im Bereich von Handgelenk und, zumeist im höheren Alter, Hüftfrakturen. Wirbelkörperbrüche sind die häufigste und früheste Manifestation der Osteoporose, jährlich erleiden knapp 2 Millionen Frauen und etwa 900.000 Männer neue Wirbelkörperbrüche; Einschränkung der Lebensqualität, Schmerzen, Pflegebedürftigkeit und erhöhte Mortalität sind die Folge. Der heftige, oft als Vernichtungsschmerz erlebte Wirbelkörperbruch führt nicht selten zu hohem Schmerzmittelgebrauch bis zur Medika-mentenabhängigkeit.

Die Hüftfraktur ist von besonders hoher volkswirtschaftlicher Bedeutung. Bei Berechnung aller im 1. Jahr nach der Fraktur auftretenden direkten Kosten ist mit einer finanziellen Belastung von etwa 2,5 Milliarden Euro zu rechnen. Innerhalb des 1. Jahres sterben etwa 20% der Betroffenen und ca.
20% bleiben nachhaltig behindert, pflegebedürftig.


Diagnostik und Therapie der Osteoporose in Deutschland ungenügend

Drei von vier Betroffenen werden nicht behandelt. Der Einsatz von hochwirksamen evidence-basierten Medikamenten liegt unter 10%, selbst bei Patienten mit bereits erlittenen Frakturen nur bei knapp 20%. Nach einem Wirbelkörperbruch ist bereits im 1. Jahr in 20 Prozent der Fälle mit einer weiteren Fraktur zu rechnen. Eine Tertiärprävention (Therapie bei eingetretener Fraktur) ist jetzt obligat. Zögern oder Verweigern einer Behandlung in diesem Stadium der Erkrankung ist als Kunstfehler zu werten.

Im täglichen Alltag sind nachfolgende Probleme zu beobachten:
1. Ungenügende Patientenempfehlungen hinsichtlich Basis einer Behandlung.
2. Keine Risikoerfassung, Risiken nicht als solche wahrgenommen, Ignorieren von Frakturrisiken.
3. Nutzen diagnostischer Maßnahmen ungenügender Evidence, mangelhafte Qualität von Untersuchungen und Fehlinterpretation diagnostischer Befunde.
4. Ungenügende Behandlung Osteoporosekranker, wissenschaftlich nicht ausreichend gesicherte Therapiekonzepte und frühzeitiger Abbruch der Therapie.
5. Die Entscheidung des Bundesausschusses zur Osteodensitometrie und der neue Entwurf der Positivliste entspricht für Osteoporose nicht dem Stand der Wissenschaft.


Zusammenfassung:

1. Osteoporose ist ein bedeutendes sozialmedizinisches Problem.
2. Osteoporose ist eine rasch fortschreitende Erkrankung.
3. Osteoporose ist eine Erkrankung mit großer individueller Krankheitslast.
4. Die Diagnose und Therapie ist derzeitig in Deutschland unzureichend.
5. Patienten mit und ohne Frakturen profitieren von einer Therapie.


Strategien zur qualifizierten Versorgung von Osteoporosekranken:

1. Festlegen des individuellen Zieles unter Beachtung der Vortherapie.
2. Nutzen qualifizierter, wissenschaftlich gesicherter Diagnostik und Therapie.
3. Einbinden der Betroffenen in das Behandlungskonzept (detaillierte Information).

Die Versorgung der Osteoporose bedarf Kompetenzzentren. Notwendig ist eine qualifizierte, individuell notwendige, leitliniengerechte Versorgung unter Abwägen von Nutzen/Risiko und Kosten.

Bei diesem verantwortlichen medizinischen Vorgehen sollte es uns gemeinsam gelingen, trotz eingeschränkter Ressourcen der Osteoporose Herr zu werden, Leid zu lindern und langfristig Kosten zu sparen.

Diesem Ziel sind wir gerade in letzter Zeit ein großes Stück näher gekommen durch Gründung des Dachverbandes deutschsprachiger wissenschaftlicher osteologischer Gesellschaften (DVO) und des Dachverbandes deutsch-sprachiger Osteoporose-Selbsthilfegruppenverbände und patientenorientierter Osteoporose-Organisationen (DOP e.V.).

Die Akzeptanz und Anwendung der wissenschaftlich erarbeiteten und von den Betroffenen übernommenen Leitlinien des DVO werden hoffentlich in Zukunft eine Fehl- und Unterversorgung der Osteoporose in Deutschland weitestgehend vermeiden.

Quelle:
Dr. med. Jutta Semler
Abteilung Stoffwechselerkrankungen / Osteologie
Immanuel Krankenhaus
Rheumaklinik
Akademisches Lehrkrankenhaus der FU Berlin
Königstraße 63
14109 Berlin
E-Mail: j.semler@immanuel.de

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Zuletzt geändert am: 11.04.2003