Ärztestatistik 2002: Im Osten bricht der Nachwuchs weg
"Noch haben wir in vielen Bereichen eine gute Versorgung mit ambulant tätigen Ärztinnen und Ärzten. Doch es ist absehbar, dass dieser Standard auf Dauer nicht mehr zu halten sein wird. Im Osten Deutschlands und hier besonders in den ländlichen Regionen gibt es schon jetzt unübersehbare Tendenzen eines Ärztemangels. Diese Entwicklung sollte auch die Politik alarmieren", so Bundesärztekammer-Präsident Prof. Dr. Jörg-Dietrich Hoppe in einer ersten Bewertung der Arztzahlentwicklung im Jahr 2002. Die Regierung habe sich verpflichtet, ihren Beitrag zu leisten, damit - so der Wortlaut der Koalitionsvereinbarung - »regionale Defizite an Ärztinnen und Ärzten und Pflegepersonal ausgeglichen und unzumutbare Belastungen in Kliniken, Praxen und Pflegediensten vermieden werden«. An diesen Worten müsse sich die Regierung nun messen lassen.
Aus der aktuellen Ärztestatistik (Stand 31.12. 2002) wird ersichtlich, dass die Zahl der ambulant tätigen Ärzte in vier Ärztekammerbezirken (Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen und Sachsen-Anhalt) erstmals gegenüber dem Vorjahr gesunken ist. Dies hat seine Ursache in der rückläufigen Zahl der Hausärzte. In Sachsen-Anhalt ist darüber hinaus auch die Zahl der Krankenhausärzte zurückgegangen, sodass Ende 2002 in diesem Bundesland 1,1% weniger berufstätige Ärztinnen und Ärzte registriert wurden als noch zur gleichen Zeit des Vorjahres. Auch das Saarland verzeichnet einen Rückgang der stationär tätigen Ärzte.
Bis zum Jahre 2010 werden voraussichtlich knapp 23.000 Hausärzte ausscheiden. In den neuen Bundesländern sieht es besonders dramatisch aus. Weil dort in den nächsten zehn Jahren sehr viel ältere Ärzte, etwa 35 - 40%, in den Ruhestand gehen, wird die hausärztliche Versorgung bereits in naher Zukunft elementar gefährdet sein. Vor allem in den ländlichen Regionen wirkt sich der Ärztemangel schon heute aus. Auch viele Assistenzarztstellen in den Krankenhäusern können nicht mehr besetzt werden. Allein in Ostdeutschland sind nach Angaben der Krankenhausgesellschaften 1.000 Arztstellen in den Krankenhäusern unbesetzt, bundesweit sollen es ca. 2.000 Stellen sein.
Die Nachwuchsentwicklung ist nach wie vor alarmierend. Zwar ist die Zahl der Studienanfänger im Fach Humanmedizin in den letzten Jahren relativ konstant geblieben, aber gleichzeitig sinkt seit neun Jahren die Gesamtzahl der Medizinstudenten kontinuierlich (um insgesamt knapp 14%); auch die Zahl der Absolventen ist seit acht Jahren rückläufig (um insgesamt 25%). Dies liegt daran, dass die Zahl der Studienabbrecher bzw. Studienplatzwechsler ständig angestiegen ist. Inzwischen liegt ihre Zahl bei etwa 2.600 jährlich - das entspricht etwa 20% eines Studenten-Jahrgangs.
Verschärft wird die Situation dadurch, dass zunehmend mehr Medizinabsolventen nach anderen Tätigkeitsbereichen als dem Arztberuf Ausschau halten. Seit 1994 ist die Zahl der Ärzte im Praktikum (AiP) um mehr als ein Fünftel gesunken, von 22.131 AiPlern im Jahre 1994 auf 17.350 AiPler im Jahre 2002. Das liegt sicher in der Art der Ausbildung, aber zu einem großen Teil auch in der sinkenden Attraktivität des Arztberufes insgesamt begründet.
Im Vergleich zum Vorjahreszeitraum sank die Zahl der Ärzte im Praktikum im vergangenen Jahr um 0,7%, wobei es erhebliche regionale Unterschiede gibt. Vor allem in Ostdeutschland bricht der Nachwuchs weg: So wurden Ende 2002 in Brandenburg 16,2% weniger AiPler registriert als zur gleichen Zeit des Vorjahres; in Sachsen-Anhalt betrug der Rückgang sogar 19%.