ESC: Soziale Benachteiligung ist schädlich für das Herz/ neue Risikoscores gefordert
Wer unter sozial benachteiligten Bedingungen lebt, dessen Herz-Kreislaufrisiko erhöht sich gegenüber der Durchschnittbevölkerung in gleichem Ausmaß wie das eines Diabetikers. Es sei daher nicht akzeptabel, dass dieser Faktor derzeit in der medizinischen Risikobewertung von Patienten - und somit in der Therapieentscheidung - nicht berücksichtigt werde, kritisierten schottische Forscher auf dem Europäischen Kardiologenkongress (ESC), auf dem von 1. bis 5. September in Wien rund 25.000 Herzspezialisten zusammentreffen. Das Team von der Universität Dundee stellte einen neuen Risikoscore vor ("ASSIGN"), der in Schottland bereits eingesetzt wird und die soziale Situation von Patienten berücksichtigt.
Die Grundlage für ihre neue Bewertungsskala hatte eine groß angelegte Untersuchung von insgesamt 13.000 Männern und Frauen (Scottish Heart Health Extended Cohort, SHHCE) geliefert, in der neben klassischen Risikofaktoren wie Rauchen, Bluthochdruck oder Blutfettwerte anhand eines auf Wohngebieten beruhenden Index auch der Sozialstatus erhoben wurde. Dieser wird in den derzeit üblichen Instrumenten zur Erhebung des individuellen Herz-Kreislauf-Risikos wie etwa der Framingham-Skala nicht berücksichtigt.
"Wenn sich die Therapieentscheidung auf den Framingham-Score stützt, kann das bedeuten, dass sozial Benachteiligte im Verhältnis zu ihrem Krankheitsrisiko weniger präventive Therapie erhalten als Wohlhabende. Das könnte das soziale Gefälle weiter verstärken", gibt Studienleiter Prof. Hugh Tunstall-Pedoe zu bedenken.
Weil sich bestehende Instrumente der Risiko-Einschätzung nicht so leicht durch das Element Sozialstatus erweitern lassen, haben die Forscher mit ASSIGN eine neue Bewertungsskala entwickelt, die in Schottland inzwischen allgemein angewendet wird. Wie die Framingham-Skala berücksichtigt das neue Instrument Lebensstilfaktoren ebenso wie bereits bestehende Herz-Kreislauferkrankungen. Zusätzlich werden auch die sozialen Lebensbedingungen und Herz-Kreislauferkrankungen anderer Familienmitglieder erhoben. Die Verteilungsgerechtigkeit hinsichtlich präventiver Therapie habe sich damit deutlich verbessert, berichtet Prof. Tunstall-Pedoe.
"Die Entwicklung von ASSIGN ist eine Pionierleistung in der Weiterentwicklung der kardiovaskulären Risikoerhebung. Wir erwarten, dass in den nächsten Jahren auch andere Länder dieses Instrument übernehmen oder für die spezifischen nationalen Verhältnisse adaptieren werden", so Prof. Tunstall-Pedoe. "80 Prozent der Personen mit hohem Risiko werden mit der Framingham-Skala genauso identifiziert wie mit ASSIGN. Die restlichen 20 Prozent machen den großen Unterschied."
Quelle: Deutsche Gesellschaft für Kardiologie - Herz- und Kreislaufforschung e.V.