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   11.11.2008
Gesundheitspolitik    
 
Deutschland - eine süchtige Gesellschaft?

Kaufen, Spielen, Internetnutzung - zu allen Themen gibt es aktuelle Berichte in der Öffentlichkeit, die darauf hinweisen, dass immer mehr Menschen von diesen Tätigkeiten abhängig werden, ihr Verhalten nicht steuern können. Aber worum geht es genau? Geht es um Sucht, Abhängigkeit oder exzessives Verhalten? Auch ohne eine schlüssige Antwort auf diese Frage muss festgestellt werden, dass in Deutschland neben der Abhängigkeit von Tabak, Alkohol, Medikamenten und illegalen Drogen auch Probleme bis hin zur Abhängigkeit - das „Nicht mehr aufhören können“ - bei vielen Verhaltensweisen zunimmt.



In der Fachkonferenz Sucht 2008 der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen (DHS) treffen sich in Bielefeld momentan mehr als 550 Menschen aus dem Arbeitsfeld „Hilfe für Menschen mit Suchtproblemen“. In Vorträgen, Arbeitsgruppen und Seminaren werden die unterschiedlichen Erscheinungsformen, insbesondere der verhaltensbezogenen Süchte, wissenschaftlich diskutiert und für die Praxis reflektiert.

Auf der einen Seite steigt mit der öffentlichen Beachtung problematischen Konsumverhaltens die fachliche Auseinandersetzung mit dem Thema, - allerdings häufig vor dem Hintergrund der bis jetzt angebotenen Hilfen: Wie können diese auch auf Menschen mit verhaltensbezogenen Problemen umgesetzt werden? Die Frage, wer helfen soll, ist eindeutig. Es sind die Suchtberatungsstellen, die bisher mit herausragenden Erfolgen Menschen mit substanzbezogenen Störungen geholfen haben. Da ist es nur sinnvoll und richtig, wenn diese auch verhaltensbezogene Störungen behandeln. Darüber hinaus sind es die niedergelassenen Psychotherapeuten, die - vereinzelt - Angebote für diese Zielgruppe machen. In diesem Zusammenhang wird häufig von der fehlenden Anerkennung als Krankheit gesprochen. Übermäßiges Kaufverhalten, exzessive Internetnutzung - all das ist aktuell als Krankheit anerkannt. Es wird im ICD- 10, dem Klassifikationssystem der psychischen Erkrankungen, unter „Störungen der Impulskontrolle“ definiert und damit sind psychotherapeutische bzw. ärztliche Leistungen, auch zu Lasten der gesetzlichen Krankenversicherung, begründet.

Aktuell stellt sich die Frage, in wie fern Entwöhnungsbehandlungen der verhaltensbezogenen Suchtformen parallel zu den Alkohol- oder Drogentherapien angeboten werden können. Diese werden in der Regel von der Rentenversicherung finanziert, um die Verbesserung oder Wiederherstellung der Erwerbsfähigkeit zu fördern. Beim pathologischen Glücksspiel gibt es klare Vereinbarungen, dass die Abhängigkeit sowohl in Sucht- als auch in psychosomatischen Rehakliniken behandelt werden kann. Bei der Internetnutzung bzw. Computerspielsucht gibt es dazu erste Überlegungen.

Nach Meinung der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen sollte jedoch vor der Frage der Finanzierung die Frage der Qualifizierung der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter geklärt werden. Wer kann qualifiziert helfen? Wie finde ich Hilfe bei Kauf-, Sex- oder Internetsucht? Rolf Hüllinghorst, der Geschäftsführer der DHS dazu: „Gesellschaftlich muss es darum gehen, mehr Warnsignale in der Öffentlichkeit zu setzten, um Betroffene in die Lage zu versetzen, früher an Hilfe zu denken. Es ist bedrückend, ständig kaufen zu müssen und dann mit einem Berg Schulden und einem schlechten Gewissen dazustehen. Es ist ja nicht die Lösung, sich tage- und wochenlang am Computer mit Spielen im Internet zu beschäftigen, und dabei alle sozialen Kontakte zu verlieren. Und auch die Sexsucht bringt keine dauerhaften Freuden, sondern führt in die Abhängigkeit von oberflächlichen, unbefriedigenden Kontakten.“

Professor Dr. med. Jobst Böning, der Vorsitzende der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen (DHS), befasst sich seit Jahrzehnten mit dem Phänomen der Sucht. Er sagt: „Es geht um den eigentlichen Kern gelernter psychischer Verhaltensabhängigkeiten. Da diese bei stofflichen wie nicht stoffgebundenen Süchten über dieselben neurobiologischen Verhaltenssysteme erworben wird, sind die Gemeinsamkeiten zwischen beiden Formen wesentlich ausgeprägter und die Unterschiede weitaus geringer als vielfach gedacht.“ Professor Böning betont damit auch die Notwendigkeit, dass das Hilfesystem für Menschen mit Abhängigkeiten für alle unterschiedlichen Suchtformen zur Verfügung stehen muss.

Quelle: Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen (DHS) e.V.

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Zuletzt geändert am: 11.11.2008