Die S3-Leitlinie zur unipolaren Depression empfiehlt bei leichten oder mittelgradigen depressiven Episoden einen ersten Therapieversuch mit Johanniskraut, wobei spezifische Nebenwirkungen und Interaktionen beachtet werden müssen. Die Wirksamkeit in dieser Indikation wurde, so Prof. Dr. Hans-Jürgen Möller, Klinik für Psychiatrie München, durch Studien und eine Meta-Analyse (1) bestätigt. Seit 1.4.2009 ist Johanniskraut verschreibungspflichtig, da die Indikation mittelschwere Depression in ärztliche Behandlung gehört.
Abb. 1: STW 3-VI vs. Citalopram vs. Placebo (2)
Mittels Fluoreszenz-Korrelations-Spektroskopie (FCS), eine Methode, mit der molekulare Interaktionen an der lebenden Zelle quantifiziert werden können, konnte an C6-Glioblastomzellen gezeigt werden, warum Johanniskraut gegen Depressionen wirksam ist, so Prof. Dr. Hanns Häberlein vom Institut für Biochemie und Molekularbiologie in Bonn.
Die Johanniskrautwirkstoffe Hyperforin und Hyperosid greifen direkt an der Postsynapse an und führen dort zu einer effektiven Downregulation des humanen β1-adrenergen Rezeptors, ohne dass es einer präsynaptischen Reizung bedarf. Bemerkenswert ist, dass die Rezeptor-Downregulation unabhängig von einer Erhöhung der Konzentration von Signalmolekülen eintrat. „Für uns war das schon eine kleine Sensation, dass Johanniskraut im Gegensatz zu den modernen synthetischen Antidepressiva ohne diesen Stimulus auskommt“, so Häberlein. Im rein postsynaptischen Geschehen werden die Rezeptoren von der Biomembran der Zelle entfernt und internalisiert, so dass es zu einer wirksamen Absenkung der bei depressiven Patienten zum Teil stark erhöhten Rezeptorendichte auf Normalniveau kommt. Dieser Mechanismus – Downregulation ohne zwingende Beteiligung der Präsynapse – war bislang für die Johanniskraut-Inhaltsstoffe Hyperforin und Hyperosid unbekannt. Es handelt sich also um eine hochspezifische Wirkqualität, die als sehr exakt definierte Komponente den bisher für Johanniskraut bekannten Wirkmechanismus in einem wichtigen Punkt ergänzt.
Bis die Downregulation der β1-adrenergen Rezeptoren abgeschlossen ist und damit eine Besserung der depressiven Symptomatik erreicht wird, kann es durchaus zwei bis drei Wochen dauern, so Häberlein. Dies gilt ebenso für synthetische Antidepressiva, die ebenfalls eine Anflutung benötigen. „Wichtig ist also, dem Patienten eine anderslautende Erwartungshaltung zu nehmen, indem man ihm erklärt, dass es eine gewisse Zeit braucht, bis die Wirkung spürbar wird.“
Referenzen:
1) Linde et al. 2008, Cochrane Review „Meta-Analyse zum Wirksamkeitsnachweis von Johanniskrautextrakt bestehend aus 29 Studien mit knapp 5500 Patienten, Indikation Major Depression“, http://www.cochrane.org/reviews/en/ab000448.html
2) STW 3-VI vs. Citalopram vs. Placebo, Phase-III-Studie zur Wirksamkeit und Verträglichkeit von Hypericum-Extrakt STW 3-VI (Laif 900)
Quelle: Pressekonferenz „Aufbruch in eine neue Zeit: Laif® 900 – wie aus Mythen Fakten wurden“, 12.10.09, Wartburg; Steigerwald
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