Ärzte-Funktionär: «Es gibt immer auch eine Eskalationsstrategie»
Showdown bei den Medizinern: Beim Ärztetag ab Dienstag in Kiel will der kampferprobte Funktionär Frank Ulrich Montgomery zum Oberarzt Deutschlands gewählt werden. Der Favorit für die Nachfolge von Ärztepräsident Jörg-Dietrich Hoppe hat mehrere Gegenkandidaten. Im dpa-Interview zeigt sich Montgomery kampfeslustig: Der Bundesregierung droht der Kammer-Vize und frühere Chef der Ärztegewerkschaft Marburger Bund eine Eskalationsstrategie im Ringen um eine neue Gebührenordnung und künftiges Ärztehonorar an.
Warum wollen Sie der oberste Arzt Deutschlands werden?
Montgomery: «Ich will Gesundheitspolitik für Ärzte und Patienten gestalten. Wir haben mit dem Marburger-Bund-Streik der Jahre 2006/2007 viel für die Ärzte erreicht. Wir haben Arbeitsbedingungen und auch Einkommen verbessert. Und auch als Vize-Präsident der Bundesärztekammer habe ich mich nicht nur um medizin-ethische Fragen gekümmert, sondern Vorschläge für bessere Versorgungskonzepte eingebracht. Und genau das ist auch mein Anspruch für das Amt. Nicht Staatsverwalter des Mangels sein, sondern der Politik Alternativen für eine bessere Versorgung aufzeigen.»
In Landpraxen behandeln Ärzte ihre Patienten im Stakkato – in Landkliniken stoßen die Ärzte aus Osteuropa an Sprachbarrieren. Leidet unter dem Ärztemangel bereits die Qualität?
Montgomery: «Es gibt ein Problem bei der Verteilung der Ärzte, ja, aber es gibt im Kern einen gravierenden Ärztemangel – oder besser einen Mangel an Arztstunden. Die jungen Ärzte wollen keine Marathondienste mehr schieben, sie achten mehr und mehr auf eine ausgewogene Work-Life-Balance. Übrigens zu Recht. Zugleich steigt der Versorgungsbedarf. Und wenn dann junge Ärzte nicht in die kurative Medizin gehen, haben wir auf Dauer ein Problem. Der Arztberuf muss also attraktiver werden. Wir müssen sehen, dass die jungen Ärzte hier arbeiten und nicht ins Ausland gehen.»
Droht eine neue Art von Zwei-Klassen-Medizin nach Stadt und Land?
Montgomery: «Weltweit häuft sich hochspezialisierte Versorgung in den Städten an. Umso wichtiger ist die hausärztliche Versorgung in der Fläche. Da brauchen wir jetzt dringend praktikable Instrumente. Mit einer Ärzte-Landverschickung geht es natürlich nicht. Aber es gibt ja durchaus interessante Ideen im geplanten Versorgungsgesetz des Gesundheitsministeriums. Wichtig bleibt, dass es freiwillig und über Anreize geht.»
Reichen die von der Koalition geplanten Anreize wie Zuschläge für einen Einsatz auf dem Land?
Montgomery: «Nein, all das ist wichtig, aber reicht nicht aus. Man muss viel innovativer sein, wenn Ärzte sich auch in der Fläche niederlassen sollen. Nur mit Geld aus der gedeckelten Gesamtvergütung heraus schafft man es nicht, sonst müssen die Ärzte in den Ballungsräumen dafür zahlen. Man muss den Ärzten auch mit Mitteln der Infrastrukturpolitik Angebote machen, bei den Praxisräumen, der Betreuung von Kindern oder durch Bereitstellung von Personal, das den Arzt bei der Arbeit entlastet.»
Wird das Kliniksterben weitergehen?
Montgomery: «Wir werden eine weitere Konzentration von Krankenhausleistungen haben. Die Kernfrage aber ist eine andere: Es gibt Mindestgrößen, ab denen ein Krankenhaus betriebswirtschaftlich tragbar ist. Wenn einzelne Regionen kleinere Krankenhäuser aufrechterhalten wollen, dann muss die Stadt, der Landkreis oder die Kommune bereit sein, das entstehende Defizit zu decken.»
Im Schnitt haben die Versicherten acht Minuten beim niedergelassenen Arzt – in Mangelregionen sind es noch weniger. Wie lange sollte denn ein Arzt-Patienten-Kontakt im Schnitt dauern?
Montgomery: «Hier einen Durchschnittswert zu nennen, ist schwierig, weil die Dauer des Arzt-Patienten-Kontakts je nach Fachgebiet und Art der Erkrankung stark variiert. Fest steht aber, dass niedergelassene Hausärzte in keinem Land der Welt im Schnitt so viele Stunden arbeiten wie in Deutschland – nämlich über 50. In keinem Land der Welt haben sie so viele Patientenkontakte. Dass dabei nur wenig Zeit bleibt, ist die logische Folge eines Honorarsystems, das pauschalisiert. Sie lösen als Patient aber nur einmal eine Pauschale aus, auch wenn sie mehrfach im Quartal zum Arzt gehen. Das System ist darauf angelegt, möglichst viele Patienten zum Arzt zu bringen. Das ist das Erbe der verfehlten Politik von Ulla Schmidt.»
Braucht es mehr Geld für das Gespräch beim Arzt?
Montgomery: «Das Gespräch muss mit Sicherheit höher bewertet werden. Aber es ist immer ein Kampf zwischen Skylla und Charybdis. Durch die Pauschalierung sollten kalkulierbare Honorare erreicht werden. Aber die Kehrseite ist Masse statt Klasse. Wir brauchen eine bessere Mischung aus Leistungen, die man pauschal bezahlen kann, wie etwa ein Erstkontakt beim Arzt, und dann der Vergütung nachfolgender einzelner Leistungen in Euro und Cent.»
Neben der Bezahlung der Kassenärzte soll nach 28 Jahren auch die Gebührenordnung für privatärztliche Leistungen reformiert werden – zuletzt hörte man von der Bundesregierung hier allerdings wenig.
Montgomery: «Wir brauchen die Reform der Gebührenordnung ohne Öffnungsklausel. Und zwar noch in dieser Legislaturperiode, auf der Basis des von der Ärztekammer vorgelegten durchkalkulierten Vorschlags. Wir werden den Gesundheitsminister auf dem Ärztetag an seinen Mut erinnern, diese Reform jetzt auf den Weg zu bringen. Das ist eine zentrale Aufgabe des neuen Präsidenten der Bundesärztekammer.»
Welche Druckmittel haben Sie?
Montgomery: «Beim Marburger Bund haben wir vorgemacht, wie so etwas geht. Natürlich kommt vor der Konfrontation die Verhandlung. Aber es gibt immer auch eine Eskalationsstrategie.»
In welchem Stadium der Eskalation sind die Ärzte beim Honorar?
Montgomery: «Wir sind bei der Gebührenordnung im Status der Verhandlungen und wir hoffen, der Politik nicht klarer machen zu müssen, welche Möglichkeiten der öffentlichen Auseinandersetzung es gibt.»
Nämlich?
Montgomery: «Wenn man den Ärzten auf Dauer kein angemessenes Honorar und keine ausreichenden Gehälter bietet, darf man sich nicht wundern, wenn die Ärzte das Land oder die Medizin verlassen. Es gibt andere Länder, in denen die Ärzte willkommen sind.»
Wir groß ist der Unmut der Ärzte – die Honorare steigen doch ständig?
Montgomery: «Wenn sie anfangen, ein Defizit auszugleichen, können Sie diese Bemühungen nicht als Überschuss darstellen. Bezogen auf das Nettoeinkommen hat die Ärzteschaft in einem Zeitraum von 25 Jahren über alle Berufsgruppen hinweg am meisten verloren. Deshalb versteht man vielleicht auch, warum sich die Dankbarkeit der Ärzte über die Honorarangleichung in Grenzen hält.»
Müssen die Deutschen Mitleid mit ihren Ärzten haben?
Montgomery: «Es geht nicht um Mitleid. Es geht um gesellschaftliche Anerkennung ihres Engagements, es geht um vernünftige Arbeitsbedingungen und angemessene Honorierung. Andere Länder bieten das.»