Professor Dr. Wolfgang Eich, Schmerzexperte an der Klinik für Allgemeine Innere Medizin und Psychosomatik des Universitätsklinikums Heidelberg und federführend an der Überarbeitung der Leitlinie beteiligt, hat diese im Rahmen einer Pressekonferenz am 4. Juni 2012 am Universitätsklinikum Heidelberg vorgestellt.
Rund vier Prozent der Bevölkerung betroffen
Das sogenannte Fibromyalgiesyndrom ist eine chronische Schmerzerkrankung des Bewegungssystems. In den Industrienationen leiden rund vier Prozent der Bevölkerung an der bislang unheilbaren Erkrankung; betroffen sind hauptsächlich Frauen zwischen 40 und 60 Jahren. Eine ganze Reihe von biologischen, psychischen und sozialen Faktoren ist mit der Entwicklung eines Fibromyalgiesyndroms assoziiert, ohne dass bisher eindeutige Aussagen zur Ursache der Erkrankung gemacht werden können. Die Diagnose ist wegen des weiten Spektrums möglicher Beschwerden schwierig und kann nur durch den Ausschluss anderer Erkrankungen getroffen werden. Betroffene leiden unter anhaltenden Schmerzen in Nacken, Rücken, Brust, Bauch oder Gelenken, je nach Schwere der Erkrankung auch unter Schlafstörungen, Erschöpfung, Reizmagen und –darm sowie psychischen Beschwerden wie Depression oder Angst.
Neue medizinische Erkenntnisse, Erfahrungen von Experten und Patienten einbezogen
Seit 2008 gibt es eine Leitlinie für Diagnose und Therapie des Fibromyalgiesyndroms. Sie soll Ärzte darin unterstützen, wirksame Therapien auszuwählen, und Patienten Behandlungen ohne Aussicht auf Erfolg bzw. Nebenwirkungen ersparen. „Bisher gab es zu vielen Behandlungen noch keine belastbaren Ergebnisse, daher konnten wir 2008 dazu keine klaren Aussagen machen“, erklärt Professor Dr. Wolfgang Eich. Die aktualisierte Version bezieht neue medizinische Erkenntnisse aus wissenschaftlichen Studien sowie Erfahrungen von Experten und Patienten mit ein. An der Überarbeitung waren Vertreter aus neun medizinischen Fachgesellschaften und zwei Patientenorganisationen sowie 50 Ärzte und Wissenschaftler aus ganz Deutschland beteiligt.
Ziel jeder Behandlung muss es sein, Patienten das Leben mit der Erkrankung zu erleichtern, ihre Beschwerden zu lindern und ihre Lebensqualität trotz Schmerzen zu verbessern. „Unsere Recherchen haben gezeigt, dass die Patienten besonders von regelmäßigen Aktivitäten profitieren, die sie eigenständig im Sinne eines Selbstmanagements durchführen können“, so Eich. Neu in der Leitlinie ist daher die Empfehlung für ein individuell angepasstes Ausdauer- und leichtes körperliches Krafttraining. Dazu zählen z.B. 30 Minuten schnelles Spazierengehen, Walking oder Fahrradfahren zwei- bis dreimal in der Woche. „Optimal wäre die Kombination mit Entspannungsverfahren und Psychotherapie-Verfahren, die die Selbstwirksamkeit erhöhen, wie z.B. kognitiven Verhaltenstherapien oder anderen Psychotherapieverfahren“, sagt der Mediziner. Diese Formen der „multimodalen“ Therapie zeigen die besten Ergebnisse.
Experten empfehlen Yoga oder Tai Chi
Enttäuscht zeigte sich der Schmerzexperte von den Ergebnissen der medikamentösen Therapieansätze: „Nur wenige Präparate zeigten langfristigen Nutzen, bei den meisten überwiegen die Nebenwirkungen bei längerer Einnahme.“ Nicht geeignet sind entzündungshemmende Schmerzmittel, Opiode oder Cannabinoide. Bestimmte niedrig dosierte Antidepressiva linderten dagegen die Beschwerden und werden daher für den zeitlich begrenzten Einsatz empfohlen.
Auch verschiedene komplementäre Therapieverfahren standen auf dem Prüfstand. „Es gibt Studien zum Einsatz von Homöopathie und Reiki bei Fibromyalgie. Bei beiden Ansätzen konnte keine Wirkung nachgewiesen werden“, sagt Eich. Anders bei meditativen Bewegungstherapien wie Tai Chi oder Yoga: Die Kombination aus bewusster Bewegung und Entspannung tat vielen Patienten gut und wird in der neuen Leitlinie daher sehr empfohlen.
Leitlinien Fibromyalgie-Syndrom:
www.awmf.org/leitlinien/detail/ll/041-004.html
Universitätsklinikum Heidelberg