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   03.06.2004
Infos für Ärzte    
 

Künstliche Ernährung – Möglichkeiten, Grenzen und Gefahren

Wenn man aufgrund von Krankheiten nicht mehr ausreichend essen und trinken kann oder darf, wird die künstliche Ernährung zu einem elementaren Teil der medizinischen Hilfe. Heute stehen uns hierfür Trinknahrungen, Sondennahrungen und Infusionslösungen verschiedenster Zusammensetzung zur Verfügung, die es ermöglichen, dass man Patienten über Monate künstlich ernähren kann, ohne dass Mangelzustände auftreten.


Am Beispiel der Intensiv- und operativen Medizin lassen sich fünf Zeitpunkte mit Möglichkeiten, Grenzen und Gefahren am besten und einfachsten aufzeigen.

1) Vor allem nach Operationen und Verletzungen bauen Patienten ihre Eiweißreserven ab, die sie dringend zur Regeneration benötigen. Dann ist entscheidend, dass sie ausreichend Kohlenhydrate, Eiweiß, Fette, Vitamine und Spurenelemente über die Sonde oder als Infusionslösung erhalten. Je nach Ausgangssituation sollte mit der Intervention und Gabe von künstlicher Ernährung schon am ersten Tag begonnen werden bis der Patient sich ausreichend oral ernährt und 70% seines Bedarfs deckt. Dabei haben wir gelernt, dass längere Nüchternperioden nach Operationen heute nicht mehr gelten und selbst nach einer Darmoperation der Patient schon am ersten Tag trinken und essen kann.

2) Besonders gravierend wird eine unzureichende Ernährungstherapie, wenn schon eine Mangelernährung vorliegt. Bei etwa 20% der Tumorpatienten, vor allem bei alten Patienten, liegt vor einer Operation schon eine Mangelernährung vor.

Die Komplikationsrate einer Operation steigt dann signifikant an, die Patienten benötigen längere Zeit und damit verbunden sind höhere Kosten, um sich zu erholen. Leider wird nach europäischen Untersuchungen immer noch bei der Mehrzahl der Betroffenen der Ernährungszustand nicht standardisiert erhoben und es erfolgt überwiegend keine suffiziente Intervention mit Ernährungsberatung, Trinknahrung oder Infusionstherapie. Dies, obwohl klar gezeigt wurde, dass eine fünftägige präoperative Ernährung mit Substanzen, die das Immunsystem beeinflussen, die Komplikationsrate nach Operationen mehr als halbierten kann.

3) Neu ist auch der Befund, dass durch die Verabreichung einer kohlenhydratreichen Trinknahrung am Vorabend und Morgen einer Operation die Stressreaktion des Organismus gegenüber dem herkömmlichen Nüchternsein über Nacht deutlich reduziert. Eine Situation, wie sie uns von der Sportmedizin schon lange vertraut ist. Aber noch immer versäumen wir zumeist, diese einfache Hilfe der künstlichen Ernährung einzusetzen. Auch bei kleinen Operationen können dadurch das postoperative Unwohlsein, Übelkeit und Schwäche positiv beeinflusst werden.

4) Nach einer Operation oder bei Trauma und kritischer Erkrankung wurden bisher viele Patienten mit Infusionslösungen ernährt. Wird aber zuviel an Kalorien verabreicht, droht ein erhöhter Blutzucker mit seinen Nachteilen. In Studien aus Belgien konnte bei Intensivpatienten gezeigt werden, dass die Beachtung eines normalen Blutzuckerspiegels und die Gabe von Insulin zur Normalisierung des Blutzuckers für die Intensivpatienten ein entscheidender Faktor ist. Die Ernährungsintervention ist kostengünstig, erfordert aber ein standardisiertes Vorgehen mit Weiterbildung aller Beteiligten.

Weitere Studien, auch im eigenen Bereich belegen, dass heute der enteralen Ernährung wenn möglich der Vorzug vor der Infusionslösung zu geben ist und so Infektionen vermindert werden können. Auch in diesem Bereich gilt es, Ärzte und Pflegepersonal noch intensiver aufzuklären und die Versorgung zu optimieren.

5) Ein besonderes Problem stellen die Patienten dar, die sich länger erholen müssen und noch nicht ausreichend essen. Die Zusatzgabe von eiweiß- und energiereichen Supplementen, d.h. Trink- oder Sondennahrung, wird bei Verlegung oder Entlassung aus dem Krankenhaus vielfach nicht beachtet. So werden kosteneffiziente Maßnahmen der Ernährungsintervention in der Therapie und in der Prävention vernachlässigt.

Durch die Entwicklung von Leitlinien der DGEM (Deutsche Gesellschaft für Ernährungsmedizin) hoffen wir, die bundesweite Situation entscheidend verbessern zu können.

Rückfragen:

Professor Dr. Karl-Walter Jauch
e-mail: Karl-Walter.Jauch@med.uni-muenchen.de

Quelle: Deutsche Gesellschaft für Ernährungsmedizin (DGEM)

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Zuletzt geändert am: 03.06.2004