Lebensversicherung im «Schlussverkauf» - Verbraucherschützer warnen
Die einen probieren es mit einem Besuch an der Haustür, die anderen mit Werbung direkt vor der «Tagesschau», die dritten mit einem Sekundenzähler im Internet. Mit allen Mitteln versucht die Versicherungsbranche gegenwärtig, auf die Schnelle noch einige hunderttausend Lebensversicherungen zu verkaufen. Denn am 1. Januar fällt das Steuerprivileg für die bislang liebste private Altersvorsorge der Bundesbürger. Künftig müssen Gewinne versteuert werden. Trotzdem warnen Verbraucherschützer vor übertriebener Eile.
Mit einem Bestand von rund 91,5 Millionen Verträgen ist die Lebensversicherung in Deutschland der Vorsorge-Klassiker schlechthin. Und für die Branche selbst der mit Abstand wichtigste Versicherungszweig: Allein in diesem Jahr werden sich die Beitragseinnahmen voraussichtlich auf 70 Milliarden Euro summieren. Von den Gewinnen, die die angelegten Milliarden abwerfen, lebten bislang nicht nur die bundesweit 110 Lebensversicherer gut. Auch die Kunden konnten zufrieden sein: Jahresrenditen von sechs oder sieben Prozent waren keine Seltenheit - und das bislang steuerfrei.
Allerdings sind die besten Jahre vorbei. Viele Versicherungen werden vorzeitig gekündigt, so dass den Sparern Geld verloren geht. Die Stornoquote liegt derzeit bei 5,6 Prozent. Aber auch, wer die gesamte Laufzeit durchhält, kann sich nicht mehr so sicher sein: Der Börsen-Crash hat der Branche schwer zugesetzt. Viele Policen halten längst nicht mehr, was die Vertreter beim Abschluss einst in Aussicht stellten. Der garantierte Mindestzins liegt gerade noch bei 2,75 Prozent, die durchschnittliche Gewinn-Beteiligung bei 4,3 Prozent.
Und mit der Besteuerung verliert die Anlage weiter an Wert. Künftig müssen bei der Auszahlung einer Kapital bildenden Lebensversicherung auf die Erträge Steuern gezahlt werden - wie bei anderen Anlageformen auch. Steuerfrei bleiben nur die Beiträge, die man die Jahre über selbst angespart hat. Einzige Erleichterung: Läuft die Versicherung länger als zwölf Jahre und wird sie erst nach Ende des 60. Lebensjahres ausgezahlt, zieht der Fiskus nur die Hälfte ab.
Klar, dass die Versicherer jetzt noch einmal so richtig die Werbetrommel rühren. Das Branchenmotto lautet: «Lebensversicherung im Schlussverkauf». Dazu lässt der Branchen-Primus Allianz auf seiner Internet-Seite die verbleibende Zeit bis zum Jahresende auf die Sekunde genau herunterzählen. Der Direktversicherer Cosmos hat das «Sparfinale» ausgerufen. Die Volksfürsorge macht mit den Worten «Seien Sie schneller als die Steuer» in Eile. Und die Postbank wirbt mit dem Slogan «Ich bin doch nicht besteuert» um neue Kundschaft.
Der Gesamtverband der Versicherungswirtschaft hofft, dass so das bislang schwache Geschäft in diesem Jahr noch wettgemacht werden kann. Und es scheint zu gelingen. «Einige Gesellschaften arbeiten bereits am Samstag», sagt Verbandspräsident Bernhard Schareck. Zudem wurde mit dem Bundesfinanzministerium ausgehandelt, dass Neuverträge wirklich bis zum letzten Tag des Jahres abgeschlossen werden können, wenn die erste Prämie dann bis zum 31. März eingeht. Dem Drängeln für einen Abschluss noch im November muss also keiner nachgeben.
Verbraucherschützer raten deshalb zu besonders viel Vorsicht, wenn in diesen «Schlussverkaufs»-Tagen ein Versicherungsvertreter in der Tür steht. Nur in den wenigsten Fällen sei der Abschluss einer Lebensversicherung wirklich sinnvoll, sagt Wolfgang Scholl vom Bundesverband der Verbraucherzentralen. «Ich kann nur allen Leuten raten, jetzt nicht auf Panikmache reinzufallen», warnt der Versicherungsexperte. «Der Steuervorteil darf nie der Grund für einen Abschluss sein - höchstens das I-Tüpfelchen obendrauf.»