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Gesundheitspolitik

20. Dezember 2019
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"Jeder Mensch hat das Recht, vor Krankenhausinfektionen geschützt zu werden"

Bei der Vermeidung von Krankenhausinfektionen kommt der Prävention durch konsequente Hygienemaßnahmen ein herausragender Stellenwert zu. Diese besteht aus einem ganzen Bündel an Maßnahmen, die richtig kombiniert werden müssen, um bestmögliche Hygiene zu erreichen. Das verdeutlichten die Experten des 8. BVMed-Hygieneforums "Prävention von Krankenhausinfektionen" am 10. Dezember 2019 mit rund 130 Teilnehmern in Berlin.
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Aktuelle Zahlen des Robert Koch-Instituts (RKI) sprechen von 400.000 bis 600.000 Krankenhausinfektionen jährlich in Deutschland – davon bis zu 20.000 Todesfällen. "Wir müssen deshalb einen besseren Infektionsschutz etablieren. Jeder Mensch hat das Recht, vor nosokomialen Infektionen geschützt zu werden", fasste Moderatorin Delia Strunz die Forderungen der BVMed-Experten zusammen. Nach Ansicht der Hygieneexpertin Prof. Dr. Christine Geffers von der Charité sei es für Kliniken und Arztpraxen wichtig, alle erforderlichen Präventionsmaßnahmen in einem Maßnahmenbündel zusammenzufassen und deren Einhaltung regelmäßig durch Checklisten sicherzustellen. Dr. Nicole Steinhorst vom BVMed-Fachbereich "Nosokomiale Infektionen" (FBNI) verwies auf die unterstützenden Infografiken und Informationsmaterialien des BVMed zur Vermeidung von Krankenhausinfektionen auf der Webseite www.krankenhausinfektionen.info.

Prof. Dr. Christine Geffers vom Nationalen Referenzzentrum für Surveillance von nosokomialen Infektionen des Instituts für Hygiene und Umweltmedizin der Charité beleuchtete Maßnahmen zur Prävention beatmungsassoziierter Pneumonien (Lungenentzündungen). Die Kommission für Krankenhaushygiene und Infektionsprävention (KRINKO) am Robert Koch‐Institut (RKI) hat hierzu bereits 2013 Empfehlungen vorgelegt. Der Anteil dieser Infektionsart an den gesamten nosokomialen Infektionen beträgt rund 23% und ist damit genauso hoch wie der der Harnwegsinfektionen. "Bei den nosokomialen Lungenentzündungen handelt es sich also um eine sehr große Krankheitslast", so die Expertin. Die KRINKO-Empfehlungen beziehen sich dabei ausschließlich auf beatmungsassoziierte Pneumonien. Es gibt beispielsweise keine aktuellen Empfehlungen für narkoseassoziierte Pneumonien und für nicht mit einer Beatmung im Zusammenhang stehenden Pneumonien. Von den 32 Einzelempfehlungen der KRINKO ist rund ein Viertel evidenzbasiert. Eine der effektivsten Maßnahmen ist dabei nach wie vor die Händedesinfektion. "Händehygiene ist kein neues Konzept, aber sehr effektiv!", so Geffers. Bei den speziellen Maßnahmen spricht sich die KRINKO dafür aus, eine invasive Beatmung zu vermeiden, wenn dies möglich ist. Zudem sollten die Beatmungsschläuche nicht häufiger als alle 7 Tage gewechselt werden. Bei den Befeuchtungssystemen – aktiv oder passiv – ist kein System in Bezug auf die Vermeidung von Pneumonien überlegen. Bei einer erwarteten Beatmungsdauer von mehr als 72 Stunden empfiehlt die KRINKO "die Verwendung von Endotrachealtuben zur subglottischen Sekretdrainage". Die Rolle der Lagerung des Patienten für die Prävention der beatmungs-assoziierten Pneumonie ist dagegen ungeklärt. Wichtig sei es, alle Präventionsmaßnahmen in einem Maßnahmenbündel zusammenzufassen und deren Einhaltung regelmäßig durch Checklisten sicherzustellen.

Auf Implantat-assoziierte Infektionen ging Prof. Dr. Dirk Stengel vom Klinikverbund der gesetzlichen Unfallversicherung (BG Kliniken) ein. Aktuelle wissenschaftliche Studien zeigen, dass der Body-Mass-Index (BMI) ein wesentlicher Risikofaktor für periprothetische Infektionen bleibt: Übergewichtige Patienten haben höhere Infektionsraten. "Aktuelle Fast-Track-Programme beim Gelenkersatz sollten diesen Zusammenhang berücksichtigen", so Stengel. Moderne laborchemische Testverfahren, insbesondere der Alpha-Defensin-Test, bieten nach Ansicht des Experten "eine hohe Sensitivität zum Ausschluss und eine hohe Spezifität zum Nachweis einer Infektion". Einen zentralen Stellenwert für das Risiko einer Implantat-assoziierten Infektion nehmen der chirurgische Wundverschluss und die Wahl des Nahtmaterials ein. Klammernähte seien hier, besonders beim Trauma, eher ungünstig. Hier sei konventionelles Nahtmaterial besser. Interessante moderne Konzepte drehen sich vor allem um die antiseptische Beschichtung von Implantaten, so Stengel.

Dr. Thomas Grünewald, Leitender Oberarzt der Klinik für Infektiologie und Tropenmedizin am Klinikum St. Georg in Leipzig, gab einen epidemiologischen Überblick zu "importierten Infektionen". Relevant sind vor allem sogenannte Hochkonsequenz-Infektionskrankheiten (HCID) wie Ebola oder Lassa-Fieber. Sie sind besonders ansteckend und haben hohe Sterblichkeitsraten. In den letzten Tagen gab es über 80 HCID-Ausbrüche weltweit, beispielsweise Pestausbrüche in den USA. Aber es gibt auch viele Erreger, die man kaum kennt.

Beispiele sind MERS-Infektionsausbrüche in Saudi-Arabien oder kürzlich in Südkorea. Der Ausbruch in Südkorea beruhte auf drei Patienten und lag an den Hygieneproblemen, die es oft in Notaufnahmestationen in südostasiatischen Krankenhäusern mit sehr hohen Kontaminationsrisiken gibt. Die Ausbrüche könnten hier durch ganz einfache Hygienemaßnahmen verhindert werden. Ganz massiv gibt es HCID-Ausbrüche in Nigeria – mit Lassa-Fieber, Gelbfieber, Affenpocken, Cholera, wie auch Malaria und Durchfallerkrankungen. Die gute Nachricht: "Die Standardhygiene reicht oft aus, um Ausbrüche zu vermeiden. Zudem weiß man heute sehr viel mehr über epidemiologische Ausbrüche, so dass man mit modernen Behandlungsverfahren und Impfmethoden viel erreichen kann."
 
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