Dienstag, 16. Juli 2019
Navigation öffnen

Medizin

02. August 2016 CIDP und Guillain-Barré-Syndrom: Antikörper gegen Caspr stören Nervenleitung

Würzburger Neurologen haben Antikörper entdeckt, die an der Entstehung bestimmter Formen von Nervenleiden beteiligt sind. Damit konnten sie auch den Weg für eine erfolgreiche Therapie dieser Krankheiten aufzeigen.

Anzeige:

Patienten mit sogenannten Immun-Neuropathien haben oft eine lange Krankengeschichte: Da es keinen diagnostischen Test gibt, der die Erkrankung sicher nachweisen kann, wird die Diagnose oft sehr spät gestellt, und es kann zu Fehldiagnosen kommen. Entsprechend vergehen oft viele Jahre bis eine Therapie erfolgt. Allerdings sprechen auch bei raschem Therapiebeginn nicht alle Patienten auf die Medikamente der ersten Wahl an.

Als Ursache dieser Neuropathien wird ein Autoimmunprozess angenommen, bei dem sich das eigene Immunsystem gegen Bestandteile der Nervenfasern richtet und diese zerstört. "Wie genau dieser Mechanismus abläuft, ist noch weitgehend unklar. Das erschwert natürlich die Entwicklung zielgerichteter Medikamente", sagt Dr. Kathrin Doppler, Fachärztin an der Neurologischen Klinik und Poliklinik des Würzburger Universitätsklinikums.

Einen potenziellen Auslöser solcher Neuropathien hat Kathrin Doppler zusammen mit der Doktorandin Luise Appeltshauser und Claudia Sommer, leitende Oberärztin und Professorin für Neurologie, jetzt in einer neuen Studie identifiziert. "Wir konnten feststellen, dass bei einem Teil der Patienten Antikörper gegen das Protein Caspr vorliegen", schildert Kathrin Doppler das zentrale Ergebnis dieser Studie. Caspr ist am Aufbau der Ranvierschen Schnürringe beteiligt - einer Struktur an der Nervenfaser, die besonders wichtig für die Weiterleitung von Nervenimpulsen ist. Die Wissenschaftlerinnen konnten zeigen, dass bei Patienten mit Antikörpern gegen Caspr der Aufbau der Ranvierschen Schnürringe zerstört wird und die Nervenleitung stark beeinträchtigt ist.

Erfolgreiche Therapie bei Betroffenen

In ihrer Studie untersuchten die Würzburger Forscherinnen 35 Patienten mit chronisch inflammatorischer demyelinisierender Polyneuropathie (CIDP), einer chronischen Form der Nervenentzündung, und 22 Patienten mit Guillain-Barré-Syndrom, einer akuten Form. Bei jeweils einem Patienten mit CIDP und mit Guillain-Barré-Syndrom konnten die Antikörper gegen das Protein Caspr im Blut nachgewiesen werden. Darüber hinaus konnten die Wissenschaftlerinnen zeigen, dass die Antikörperbildung bei diesen Patienten durch das Medikament Rituximab gehemmt werden kann und die Symptome sich dadurch zurückbilden.

Auch wenn Antikörper gegen Caspr nur bei einem kleinen Teil der Patienten nachweisbar sind, so sind Antikörper-assoziierte Immun-Neuropathien insgesamt vermutlich häufiger als bislang angenommen. Caspr ist nämlich schon das dritte Protein in diesem Bereich des Ranvierschen Schnürrings, gegen das nun Autoantikörper nachgewiesen wurden. Neben den Würzburger Neurologinnen haben in den vergangenen Jahren auch Wissenschaftler aus Spanien und Japan Autoantikörper gegen zwei andere Schnürringproteine, Contactin-1 und Neurofascin-155, bei Patienten mit Immun-Neuropathien nachweisen können.

"Unsere Studie bestärkt die Annahme aus den Vorläuferstudien, dass Patienten mit Antikörpern gegen Proteine des Ranvierschen Schnürrings charakteristische Merkmale aufweisen", sagt Kathrin Doppler. Das heißt: Die Erkrankung entwickelt sich schnell, führt zu schweren Lähmungen und spricht schlecht auf die übliche Therapie mit Kortikosteroiden oder Immunglobulinen an, sehr gut hingegen auf eine Therapie mit Rituximab. Bei den beiden Patienten mit Caspr-Antikörpern konnten die Würzburger Neurologen als weiteres charakteristisches Merkmal starke Nervenschmerzen feststellen. Bei Patienten mit Antikörpern gegen die beiden anderen Proteine – Neurofascin-155 und Contactin-1 – gilt hingegen ein ausgeprägtes Zittern bei zielgerichteten Bewegungen als typisch.

Nach Aussage der Würzburger Wissenschaftlerinnen gibt diese Studie Anlass zur Hoffnung, dass zumindest bei einem Teil der Patienten mit entzündlicher Neuropathie eine Ursache identifiziert werden kann, und dass diese Patienten durch einen einfachen Bluttest auf das Vorliegen der Autoantikörper identifiziert und zielgerichtet behandelt werden können.

Literaturhinweis:
Doppler K, Appeltshauser L, Villmann C, Martin C et al. Auto-antibodies to contactin-associated protein 1 (Caspr) in two patients with painful inflammatory neuropathy. Brain. 2016 Jul 29. DOI: 10.1093/brain/aww18
http://brain.oxfordjournals.org/content/early/2016/07/25/brain.aww189

Quelle: Julius-Maximilians-Universität Würzburg


Das könnte Sie auch interessieren

Grippeviren im Anmarsch - Tipps zum Schutz vor Ansteckung

Grippeviren im Anmarsch - Tipps zum Schutz vor Ansteckung
© ERGO Group

Jedes Jahr aufs Neue rollen gegen Ende des Jahres die ersten Grippewellen an: Laut dem Robert-Koch-Institut erkranken während einer saisonalen Grippewelle in Deutschland zwischen zwei und zehn Millionen Menschen. Dr. Wolfgang Reuter, Gesundheitsexperte der DKV Deutsche Krankenversicherung, erklärt den Unterschied zwischen Erkältung und echter Grippe, der sogenannten Influenza. Zudem gibt er Tipps zu Schutzmaßnahmen gegen Grippeviren.

Lymphknoten–Transplantation: Hilfe bei Lymphödemen

Lymphknoten–Transplantation: Hilfe bei Lymphödemen
© pixologic / fotolia.com

Neues Verfahren bietet erstmals Heilungschance bei Lymphstauungen. Vor allem Krebspatienten haben darunter zu leiden: Zwar ist der Krebs erfolgreich behandelt, doch zurück bleiben Folgen wie beispielsweise Lymphstauungen an Armen und Beinen. Meist handelt es sich um geschwollene, schmerzende Extremitäten, in denen die Lymphflüssigkeit nicht mehr abfließen kann, weil das feine System der dafür nötigen Kanäle beschädigt wurde. Bisher konnten nur die Symptome gelindert werden, oft eine unbefriedigende und lebenslang leidvolle Situation für die...

Ängste und Zurückweisung beim Thema AIDS abbauen

Ängste und Zurückweisung beim Thema AIDS abbauen
© psdesign1 / Fotolia.com

Dank moderner Medikamente können die rund 87.000 Menschen in Deutschland mit HIV beziehungsweise AIDS heute fast normal leben. Stattdessen belasten mitunter Ausgrenzung, Zurückweisung und Angst Betroffene heute schwerer als die eigentliche Erkrankung. „Vorurteile und mangelndes Wissen sind oft die Hauptursachen für Ausgrenzung und Zurückweisung von HIV-Positiven. Dem wollen wir unter anderem mit einer Telefon-Hotline entgegenwirken“, so Dr. Ursula Marschall, leitende Medizinerin der BARMER.

Rolle der Selbstmotivation bei schweren Lungenerkrankungen wie Asthma und COPD

Rolle der Selbstmotivation bei schweren Lungenerkrankungen wie Asthma und COPD
© Sebastian Kaulitzki / Fotolia.com

Neben den oft schweren körperlichen Einschränkungen leiden Patienten mit einer chronischen Lungenerkrankung häufig auch an starken seelischen und psychischen Belastungen. Die Angst vor Atemnot, vor dem Fortschreiten der Krankheit oder vor sozialer Ausgrenzung kann auf Dauer Mutlosigkeit und Depressionen nach sich ziehen. Ein Teil der Therapie kann daher auch die Behandlung psychischer Belastungen sein sowie das Erlernen von Ansätzen, sich in schwierigen Zeiten selbst zu motivieren.

Tagebuch hilft Pflegenden beim Erkennen eigener Bedürfnisse

Tagebuch hilft Pflegenden beim Erkennen eigener Bedürfnisse
© Sandor Kacso / Fotolia.com

Viele pflegende Angehörige nehmen ihre eigenen Bedürfnisse kaum mehr wahr. Die Sorge um den Angehörigen oder die Angst, der Aufgabe nicht gerecht zu werden, können den Blick auf sich und eigene Wünsche verstellen, erklärt Daniela Sulmann vom Zentrum für Qualität in der Pflege (ZQP). "Als erstes gilt es dann zu versuchen, sich selbst wieder stärker in den Fokus zu nehmen und zu formulieren, was man braucht." Das jedoch sei leichter gesagt als getan. Sulmann empfiehlt Pflegenden daher, ein Tagebuch zu führen.

Sie können folgenden Inhalt einem Kollegen empfehlen:

"CIDP und Guillain-Barré-Syndrom: Antikörper gegen Caspr stören Nervenleitung"

Bitte tragen Sie auch die Absenderdaten vollständig ein, damit Sie der Empfänger erkennen kann.

Die mit (*) gekennzeichneten Angaben müssen eingetragen werden!

Die Verwendung Ihrer Daten für den Newsletter können Sie jederzeit mit Wirkung für die Zukunft gegenüber der rsmedia GmbH widersprechen ohne dass Kosten entstehen. Nutzen Sie hierfür etwaige Abmeldelinks im Newsletter oder schreiben Sie eine E-Mail an: info[at]rsmedia-verlag.de.