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Medizin

01. April 2020 COVID-19 und Herz-Kreislauf-Erkrankungen: Höheres Komplikationsrisiko

Angesichts der Infektionsfälle mit dem neuartigen Coronavirus (SARS-CoV-2/Covid-19) herrscht bei Menschen mit Herz- und Kreislauferkrankungen derzeit besondere Verunsicherung über Risiken und zu ergreifende Maßnahmen. Axel Bauer, Direktor der Innsbrucker Univ.-Klinik für Innere Medizin III, Kardiologie und Angiologie, beantwortet dazu die wichtigsten Fragen.
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Warum haben Personen mit Vorerkrankungen des Herzens im Vergleich zu PatientInnen mit anderen Vorerkrankungen ein erhöhtes Risiko für einen schweren Verlauf einer Infektion mit dem neuen Coronavirus CoV-2?

Das hat verschiedene Gründe. Zum einen haben Patienten mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen eingeschränkte Reserven und können die zusätzliche Belastung einer Infektionserkrankung schlechter kompensieren. Zum anderen kann die Immunabwehr bei Patienten mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen geschwächt sein. Des Weiteren kann das Virus neben der Lunge auch das Herz im Sinne einer akuten Herzmuskelschädigung direkt angreifen. In Wuhan war das bei fünf der 41 ersten PatientInnen mit COVID-19 der Fall. Diesen zusätzlichen Angriff stecken PatientInnen mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen schlechter weg. Zuletzt könnte es jedoch auch spezifische Mechanismen geben, die bislang nicht verstanden sind. Insbesondere die Häufung von Bluthochdruck und schweren Verläufen von COVID-19 scheint mir auffällig.
 
Wie reagieren Herz-Kreislauf-Patienten auf die Erkrankung?


Zunächst einmal genauso wie PatientInnen ohne Herz-Kreislauf-Erkrankungen, d.h. mit Unwohlsein, Fieber, trockenem Husten, Kopfschmerzen. Allerdings kommt es, wie Arbeiten aus China zeigen, bei Patienten mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen häufiger zu schwereren Verläufen. Das gilt im Übrigen auch für ältere Patienten ab etwa 60 Jahren. Das Tückische an der Erkrankung ist, dass sich die schweren Verläufe oft erst nach einigen Tagen demaskieren.
 
Wer von der Gruppe der „Herz-Kreislauf-Patienten“ ist besonders gefährdet?


Bisherige Untersuchungen zeigen: Je schwerer die Grunderkrankung, desto gefährdeter der Patient. Ich denke hier insbesondere an Patienten mit fortgeschrittener Herzschwäche und mit akuten Herzerkrankungen wie Herzinfarkten. Wir dürfen aber auch die Gruppe der immunsupprimierten, herztransplantierten PatientInnen nicht vergessen.
 
Warum verlaufen Infektionen mit SARS-CoV-2 so unterschiedlich?

Das bleibt vorerst ungelöst. Möglicherweise spielt die individuelle Immun-Antwort, wie der Organismus auf das Virus reagiert, eine entscheidende Rolle. Möglicherweise gibt es auch eine genetische Prädisposition.
 
Dürfen im Falle einer Infektion die verordneten Medikamente weiter genommen werden?

Das lässt sich nicht pauschal beantworten und ist sehr vom Zustand des Patienten abhängig. Im Falle einer Infektion sollte die Medikation mit dem behandelnden Arzt besprochen werden. Ein selbstständiges, unkontrolliertes Absetzen von Herzkreislaufmedikamenten, beispielsweise bei Herzschwäche, kann schwere Folgen haben.
 
Erhöhen Blutdrucksenker das Risiko für einen ungünstigen Verlauf der Erkrankung durch SARS-CoV-2?

Das wird aktuell kontrovers diskutiert. Hier angesprochen sind die sogenannten ACE-Hemmer bzw. Renin-Angiotensin-Rezeptorblocker – 2 weit verbreitete und bewährte Substanzklassen. Nun ist es so, dass SARS-CoV2 über die ACE2-Rezeptoren in die Zellen gelangt, welche durch ACE-Hemmer und Renin-Angiotensin-Rezeptor-Blocker hochreguliert werden, d.h. diese Rezeptoren kommen dann auf der Zelloberfläche vermehrt vor. Hierdurch könnte die Ausbreitung des Virus im Körper begünstigt werden. Auf der anderen Seite haben diese Medikamente viele günstige Wirkungen – wir haben sie den Patienten ja schließlich aus gutem Grund verschrieben. Die Fachgesellschaften empfehlen den Patienten, die Substanzen weiter einzunehmen und in keinem Fall selbstständig abzusetzen. Allerdings besteht nach wie vor eine große Unsicherheit in der Bevölkerung. Um das optimale Vorgehen bei der Einnahme dieser Blutdrucksenker zu klären, haben wir daher in Innsbruck, zusammen mit der Ludwig-Maximilians-Universität München, eine multizentrische, kontrollierte, klinische Studie geplant, die wir hoffentlich bald starten können. Die Studie wird an vielen Zentren in Tirol und Bayern durchgeführt werden.
 
Sollen Patienten zur Behandlung bzw. Kontrolle überhaupt an die Klinik kommen?

Das halte ich für eine sehr wichtige Frage! Wir müssen auch in den schwierigen Zeiten einer Pandemie wie COVID-19 darauf achten, dass unsere Patienten mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen eine leitliniengerechte Therapie erhalten. Sonst kann es ein böses Erwachen geben. Manche Untersuchungen lassen sich für begrenzte Zeit ohne Nachteil aufschieben, andere jedoch nicht. Das muss individuell entschieden werden. HerzpatientInnen mit Symptomen wie Angina pectoris oder Luftnot müssen abgeklärt und therapiert werden, sonst entstehen durch COVID-19 große Kollateralschäden.
 
Gelten zum Schutz vor einer Ansteckung besondere Vorkehrungen für Patienten mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen?

Patienten mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen zählen zur Risikogruppe, d.h. bei diesen Patienten sind die allgemein empfohlenen Maßnahmen zur Infektionsprophylaxe wie Händedesinfektion, Abstandhalten oder Gesichtsmasken besonders wichtig. Schicken Sie Ihre Enkel zum Einkauf und bleiben Sie zu Hause. Generell gilt: Erhöhte Vorsicht, aber keine Panik!

Quelle: Medizinische Universität Innsbruck


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