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Medizin

17. Oktober 2019 Diabetische Neuropathie: So vermeiden Sie diagnostische und therapeutische Fallstricke!

Die diabetische Neuropathie hat erhebliche Auswirkungen auf die Lebensqualität, Morbidität und Mortalität der betroffenen Patienten. Trotzdem wird sie im Praxisalltag oft zu spät erkannt und behandelt. Lesen Sie hier, wie Sie häufige Fallstricke im Management der diabetischen Neuropathie umgehen.  
Frühzeitig Screenen!

Die diabetische Neuropathie wurde lange Zeit als „Spätkomplikation“ des Diabetes bezeichnet. Das ist eine gefährliche Fehleinschätzung, wie Experten beim Diabetes Kongress in Berlin betonten: Tatsächlich entwickelt sich die Nervenschädigung schon in sehr frühen Stadien des Diabetes. Neueren Erkenntnissen zufolge ist bereits bei Prädiabetes die Prävalenz der Neuropathie erhöht, erklärte Prof. Dr. Dan Ziegler, Stv. Direktor am Institut für Klinische Diabetologie des Deutschen Diabetes-Zentrums an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf. Insbesondere bei gleichzeitigem Vorliegen einer gestörten Nüchternglukose und Glukosetoleranz sei mit einer ähnlich hohen Neuropathie-Rate zu rechnen wie bei bekanntem Diabetes (1). Daher sollte ein erstes Neuropathie-Screening bei Patienten mit Typ-2-Diabetes bereits zum Zeitpunkt der Diabetes-Diagnosestellung erfolgen (2).

„Stumme“ Neuropathien nicht unterschätzen

Etwa jeder dritte Diabetiker ist von einer Neuropathie betroffen. Bei etwa der Hälfte der Patienten macht sie sich durch Missempfindungen an den Füßen wie Kribbeln, Brennen oder Schmerzen bemerkbar. Die andere Hälfte ist von einer asymptomatischen Form der Neuropathie betroffen (3), die angesichts der fehlenden Beschwerden häufig unterschätzt wird. Der „stumme“ Sensibilitätsverlust in den Extremitäten ist aber mit einem hohen Risiko für die Entwicklung eines diabetische Fußsyndroms verbunden, das häufig Amputationen nach sich zieht. Auch bei beschwerdefreien Patienten sollte daher mithilfe einfacher neurologischer Tests überprüft werden, ob Defizite bei der Wahrnehmung von Berührungen, Vibration, Temperaturen oder Schmerzen bestehen.

Alle Neuropathie-Ursachen im Blick

Im Rahmen der Diagnose und Therapie gilt es zu bedenken, dass Neuropathien bei Diabetikern häufig nicht ausschließlich durch den Diabetes verursacht werden. Es können auch andere Neuropathie-Ursachen wie Alkoholabusus, Hypothyreose, bestimmte neurologische Erkrankungen u.a. vorliegen, so Privatdozent Dr. Ovidiu Alin Stirban, Chefarzt der Abteilung für Innere Medizin – Endokrinologie & Diabetologie an der Schön Klinik Nürnberg Fürth. Insbesondere ist an Neuropathie-Ursachen zu denken, die durch den Diabetes gefördert werden. Dazu zählt ein Mangel an Vitamin B1, der aufgrund einer erhöhten renalen Ausscheidung des Vitamins bei vielen Diabetikern auftritt und Neuropathien verursachen oder verstärken kann. Bei Diabetikern wurden um 75% niedrigere Vitamin B1-Plasmaspiegel nachgewiesen als bei Gesunden (4).

Multikausal behandeln

Eine Neuropathie wird häufig nur symptomatisch behandelt, wodurch die Progression der Nervenschädigung aber nicht aufgehalten wird. Die moderne Therapie der Neuropathie basiert hingegen auf einem multikausalen Ansatz nach dem 3-Säulen-Schema: Die erste und wichtigste Säule ist eine Optimierung der Stoffwechseleinstellung, die auch das Management von Risikofaktoren wie Bluthochdruck und Fettstoffwechselstörungen sowie eine Veränderung des Lebensstils beinhaltet. Ergänzend kommt die zweite Therapiesäule zum Tragen. Sie hat zum Ziel, sowohl die Pathomechanismen der Neuropathie als auch die Symptome zu behandeln. „Klinisch einsetzbar sind aktuell die Therapie mit dem Vitamin B1-Prodrug Benfotiamin und dem Antioxidanz alpha-Liponsäure“, sagte Stirban. Benfotiamin (z.B. milgamma® protekt) verfügt über eine fünffach höhere Bioverfügbarkeit als herkömmliches Vitamin B1 (5). Dadurch kann es einen nervenschädigenden Vitamin B1-Mangel nach oraler Gabe ausgleichen und auf diese Weise neuropathische Symptome wie Kribbeln und Schmerzen in den Füßen lindern. Die dritte Therapiesäule bildet die symptomatische Therapie mit Antikonvulsiva, Serotonin-Noradrenalin-Wiederaufnahmehemmern oder Opioiden. Auch bei symptomatischer Schmerztherapie sollten parallel immer alle kausal wirksamen Maßnahmen angewendet werden.

Praxisrelevante Infos über die Diagnostik und moderne Therapie der Neuropathie finden Sie auf der Webseite der Nationalen Aufklärungsinitiative zur diabetischen Neuropathie „Diabetes! Hören Sie auf Ihre Füße?“ >>  Praxisrelevante Infos

Quelle: Pressekonferenz „Aktuelles zur diabetischen Neuropathie“ am 29. Mai 2019 anlässlich des Diabetes-Kongresses 2019 in Berlin; Veranstalter: Nationale Aufklärungsinitiative zur diabetischen Neuropathie „Diabetes! Hören Sie auf Ihre Füße?“ und WÖRWAG Pharma

Literatur:

(1) Herder C et al. Trends in Endocrinology and Metabolism 2019; 30 (5): 286-298
(2) Ziegler D et al. Diabetologie 2018; 13 (Suppl. 2): S230-S243
(3) Pop-Busui R et al. Diabetes Care 2017; 40:136-154
(4) Thornalley PJ et al. High prevalence of low plasma thiamine concentration in diabetes linked to a marker of vascular disease. Diabetologia 2007; 50: 2164-2170
(5) Schreeb et al. Comparative bioavailability of two vitamin B1 preparations: benfotiamine and thiamine mononitrate. Eur J Clin Pharmacol 1997, 52:319-320


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