Donnerstag, 27. Juni 2019
Navigation öffnen
Anzeige:

Medizin

02. Mai 2019 Immunsystem: Hygienehypothese bestätigt

Traumatisierte Kinder und Kinder mit mehreren Allergien leiden im Erwachsenenalter eher an chronischen Entzündungskrankheiten und psychischen Beeinträchtigungen. Dies zeigen Forscher der Universitäten Zürich und Lausanne in einer Studie, in der sie 5 Gruppen der frühen Immunsystem-Programmierung identifizieren.
Hygienehypothese

Das Immunsystem wird in der Kindheit geformt: Die Hygienehypothese liefert dazu eine vielbeachtete Perspektive. Sie besagt, dass eine bessere Hygiene, Veränderungen in der Landwirtschaft und die Verstädterung dazu geführt haben, dass unser Immunsystem mit manchen Mikroben weniger oft oder erst später im Leben in Kontakt kommt. Als negative Folgen dieser Entwicklung werden eine Zunahme von chronisch-entzündlichen Erkrankungen, von Allergien und psychischen Erkrankungen wie Depressionen vermutet.

Von der Hygienehypothese ausgehend, untersuchte eine interdisziplinäre Gruppe von Forschern der Universitäten Zürich und Lausanne die epidemiologischen Daten einer Kohorte von knapp 5.000 Mitte des 20. Jahrhunderts geborenen Personen. Dabei konzentrierte sie sich auf die Koinzidenz von Allergien, viralen und bakteriellen Krankheiten sowie psychosozialen Belastungen in der Kindheit. Aus den frühen Krankheitsmustern identifizierten die Wissenschaftler 5 unterschiedliche Gruppen, die sie anhand biologischer Marker (weiße Blutkörperchen, Entzündungsmarker) charakterisierten und in einem weiteren Schritt mit chronischen Entzündungskrankheiten sowie psychischer Störungen im Erwachsenenalter in Verbindung brachten.

Jeder Fünfte hat ein sehr widerstandfähiges Immunsystem

Die Hauptgruppe, die knapp 60% der untersuchten Personen umfasste, verfügte über ein unauffälliges, „neutrales“ Immunsystem. Ihre Krankheitsbelastung im Kindesalter war vergleichsweise tief. Noch stärker traf dies für die zweitgrößte Gruppe mit über 20% der Personen zu: Sie zeigte ein besonders widerstandsfähiges, „resilientes“ Immunsystem. Selbst Symptome typischer und zu jener Zeit unvermeidbarer Kinderkrankheiten wie Masern, Mumps oder Röteln manifestierten sich in dieser Gruppe deutlich weniger als in der neutralen Gruppe.

Der resilienten Gruppe stehen 3 kleinere Gruppen gegenüber: In der „atopischen“ Gruppe (7%) traten mehrere allergische Erkrankungen auf. Die ungefähr gleich große „gemischte“ Gruppe (rund 9%) war gekennzeichnet durch einzelne allergische Erkrankungen – etwa Medikamentenallergien – sowie bakterielle und mit Hautausschlägen einhergehende Kinderkrankheiten wie Scharlach, Keuchhusten oder Röteln. Die kleinste der 5 Gruppen (rund 5%) umfasste Personen, die in der Kindheit traumatisiert wurden. Sie waren anfälliger für allergische Erkrankungen, reagierten aber vergleichsweise resilient bei typischen viralen Kinderkrankheiten.

Chronische Entzündungen nach Trauma

Vergleichende Analysen ergaben, dass die neutrale und die resiliente Gruppe bei älteren Jahrgängen häufiger vertreten sind als bei jüngeren. Genau entgegengesetzt verhielt es sich mit der atopischen Gruppe: Diese hat bei jüngeren Jahrgängen zugenommen. „Damit bestätigt unsere Studie die Hygienehypothese“, so Ajdacic-Gross, „geht zugleich aber über diese hinaus.“

Unterschiede zwischen den Gruppen manifestierten sich nämlich auch hinsichtlich der späteren Gesundheit. Personen, die zur resilienten Gruppe gehören, waren im Erwachsenenalter nicht nur vor chronischen Entzündungskrankheiten, sondern auch vor psychischen Beschwerden besser geschützt. Wer hingegen der atopischen oder der gemischten Gruppe angehörte, war später einem erhöhten Krankheitsrisiko ausgesetzt – im somatischen wie im psychischen Bereich. Die traumatisierte Gruppe zeigte ebenfalls eine höhere Anfälligkeit für psychische Erkrankungen im Erwachsenenalter und – allerdings nur bei den Frauen – ein höheres Risiko für chronische Entzündungskrankheiten. „Die Ergebnisse weisen darauf hin, dass das Immunsystem wie eine Schaltstelle zwischen somatischen und psychischen Prozessen funktioniert“, sagt Erstautor Vladeta Ajdacic-Gross von der UZH. „Sie helfen uns zu verstehen, weshalb auch viele Menschen ohne psychosoziale Vorbelastungen von psychischen Beschwerden eingeholt werden und weshalb umgekehrt traumatisierte Personen zu chronischen Entzündungskrankheiten neigen.“

Quelle: Universität Zürich


Das könnte Sie auch interessieren

Essstörungen bei Diabetes können lebensgefährlich sein

Essstörungen bei Diabetes können lebensgefährlich sein
© weixx - stock.adobe.com

Essstörungen treten bei jungen Patientinnen mit Typ-1-Diabetes zwei- bis dreimal häufiger auf als bei gesunden Frauen. Die Betroffenen hoffen, Gewicht zu verlieren, indem sie zeitweise darauf verzichten, sich Insulin zu spritzen. Damit riskieren sie unumkehrbare Schäden an Nerven und Gefäßen und im schlimmsten Fall sogar ihr Leben. Anlässlich einer gemeinsamen Pressekonferenz am 18. Juni in Berlin rufen Diabetes- und Hormonexperten dazu auf, die Kombination dieser beiden Erkrankungen stärker in den Fokus zu rücken. Insbesondere Ärzte und...

Plötzlicher Blutdruck-Anstieg: Wann den Notarzt (112) rufen?

Plötzlicher Blutdruck-Anstieg: Wann den Notarzt (112) rufen?
© JPC-PROD / Fotolia.com

Regelmäßiges Blutdruckmessen ist die wichtigste Vorsorgemaßnahme, um die schwerwiegenden Folgen eines unbehandelten Bluthochdrucks wie Schlaganfall, Herzinfarkt, Herzschwäche, Vorhofflimmern oder Nierenschädigung zu verhindern. Besonders problematisch ist es, wenn der Blutdruck plötzlich ansteigt und Werte in Ruhe z. B. von 190-200 mmHg (oberer Wert) oder mehr erreicht. Für Patienten entscheidend für das weitere Vorgehen in dieser beunruhigenden Situation ist, ob der hohe Blutdruck nur mit geringfügigen Missempfindungen wie Gesichtsröte,...

Urologen geben Entwarnung: Sorgen vor Zeugungsunfähigkeit sind unbegründet

Urologen geben Entwarnung: Sorgen vor Zeugungsunfähigkeit sind unbegründet
@ deagreez / Fotolia.com

Eine neue Studie zur männlichen Fruchtbarkeit, veröffentlicht in der Fachzeitschrift "Human Reproductive Update", sorgt derzeit für Aufsehen. Die Untersuchungen von Mediziner Hagai Levine und seinem Team der Hebräischen Universität Jerusalem zeigen, dass die Spermienanzahl von Männern aus westlichen Ländern immer weiter abnimmt. Laut den Wissenschaftlern ist die Spermienanzahl pro Milliliter Sperma um etwa 52 Prozent gesunken. Bei der Gesamtzahl der Spermien pro Samenerguss gaben die Forscher sogar einen Rückgang von nahezu 60 Prozent an....

Sie können folgenden Inhalt einem Kollegen empfehlen:

"Immunsystem: Hygienehypothese bestätigt "

Bitte tragen Sie auch die Absenderdaten vollständig ein, damit Sie der Empfänger erkennen kann.

Die mit (*) gekennzeichneten Angaben müssen eingetragen werden!

Die Verwendung Ihrer Daten für den Newsletter können Sie jederzeit mit Wirkung für die Zukunft gegenüber der rsmedia GmbH widersprechen ohne dass Kosten entstehen. Nutzen Sie hierfür etwaige Abmeldelinks im Newsletter oder schreiben Sie eine E-Mail an: info[at]rsmedia-verlag.de.