Dienstag, 16. Juli 2019
Navigation öffnen

Medizin

10. Januar 2019 Krebs-Patienten: Mangelernährung ist unterdiagnostiziert

Etwa 40% aller onkologischen Patienten mit primär fortgeschrittener Tumorerkrankung weisen einen erheblichen Gewichtsverlust auf (1). Ein eingeschränkter Ernährungsstatus beim onkologischen Patienten ist nicht nur eng mit der Verschlechterung der Prognose korreliert: Bis zu 30% aller Krebspatienten versterben sogar an den direkten Folgen einer Mangelernährung. Durch eine bedarfsgerechte Ernährungsversorgung können Krebspatienten neben einer höheren Lebenserwartung auch eine bessere Lebensqualität erreichen (2). Dennoch wird eine adäquate Ernährungstherapie nur selten und oftmals zu spät als integraler Bestandteil der
Tumortherapie berücksichtigt.
Anzeige:
Wie die länderübergreifend erhobenen Real-world-Daten aus Deutschland, Italien und Frankreich verdeutlichen, fällt der Prozentsatz onkologischer Patienten mit Mangelernährung und Tumorkachexie im klinischen Alltag nach wie vor sehr hoch aus, ohne dass sie adäquat diagnostiziert, noch ernährungstherapeutisch adressiert werden, betonten die Studienautoren. Wie eine große Real-world-Studie aus Deutschland zutage förderte, erhielten im Durchschnitt nur 16% der Krebspatienten eine adäquate parenterale Ernährungstherapie, gab Prof. Dr. Ingolf Schiefke, Leipzig, anlässlich der Jahrestagung der European Society for Medical Oncology (ESMO), zu bedenken. Ausgewertet wurden die Daten von über 4 Millionen Krankenversicherten, um einen aktuellen Einblick in die Demografie und Versorgung von deutschen Krebspatienten mit parenteraler Ernährungstherapie (home parenteral nutrition, HPN) im klinischen Alltag zu gewinnen (1).

Aktuelle Real-world-Daten aus Deutschland

Berücksichtigt wurden insbesondere die postmortal erhobenen Daten der Tumorpatienten im fortgeschrittenen Krankheitsstadium (Stadien IIIb/IV), die mit einem hochprävalenten Tumor diagnostiziert wurden, bzw. einem Tumor mit hoher Prävalenz für Malnutrition: Dazu zählten Patienten mit Kopf-Hals-, Kolorektal-, Ovarial-, Pankreas- oder Magenkarzinom. Eingeschlossen wurden Patienten während der Erstlinien-Tumortherapie ohne Mehrfachdiagnose für verschiedene Tumortypen und ohne vorherige Ernährungstherapie. Wie die tumorspezifische Auswertung ergab, wurden Patienten mit Magenkarzinom am häufigsten additiv über eine HPN behandelt (25%), gefolgt von Patienten mit Ovarialkarzinom (19%). Mit 12-15% wurden Patienten mit einem Kopf-Hals-, Kolorektal-, oder Pankreaskarzinom seltener mit einer HPN versorgt. Bei Patienten mit Magenkarzinom und Tumorkachexie bezifferte Schiefke die ernährungstherapeutische Versorgungslücke auf einen Anteil von bis zu 40% der Betroffenen. Zudem setze die parenterale Ernährungstherapie unabhängig vom Tumortyp mit dem Start von rund 3 Monaten vor dem Todeszeitpunkt viel zu spät ein, als dass ein Patient mit Tumorkachexie von der Maßnahme noch profitiere, betonte Schiefke: Im Schnitt habe es vom Start der Anti-Tumortherapie bis zum Einsatz der HPN 6 Monate gedauert – bei Patienten mit Ovarialkarzinom im längsten Fall sogar 2 Jahre. Eine adäquate Ernährungstherapie hat möglicherweise auch das Potenzial, das Gesamtüberleben beim mangelernährten Tumorpatienten zu verbessern: Patienten, die eine HPN erhielten, lebten durchschnittlich 70 Tage länger als Patienten ohne HPN (1).

Real-world-Daten aus Italien und Frankreich

Trotz des bei onkologischen Patienten weit verbreiteten Status der Mangelernährung würden Ernährungsprobleme immer noch mehrheitlich unterschätzt und vernachlässigt, bestätigte auch Dr. Elisa Giommoni, Careggi-Universitätsklinikum, Florenz: In Italien liege der Anteil der onkologischen Patienten, die eine additive Ernährungstherapie erhielten, nur bei 8,4%. Ein Trend zum besseren Überleben unter einer klinischen Ernährungsintervention zeichnete sich auch in der italienischen Real-world-Analyse retrospektiv erhobener Daten bei Krebspatienten ab (n = 260.000): So profitierten mangelernährte Patienten mit metastasierten Karzinomen des Gastrointestinal- oder Urogenitaltrakts gegenüber Patienten ohne zusätzliche Ernährungstherapie von einer über 3-monatigen Überlebenszeitverlängerung, berichtete Giommoni. Eine Verlängerung der Überlebenszeit zeigte sich zudem mit dem Zeitpunkt des Beginns der Ernährungsintervention korreliert: Je frühzeitiger die Ernährungstherapie begonnen wurde, desto größer fiel der Überlebensvorteil sowohl
beim metastasierten als auch nicht-metastasierten Krebspatienten aus (3).

Bei einer Auswertung von Real-world-Daten bei mehr als 3 Millionen Krebspatienten in Frankreich, die zwischen 2013 und 2016 wegen ihrer Tumorerkrankung stationär behandelt wurden, lag der Anteil der Patienten mit diagnostizierter Mangelernährung im Schnitt bei 12,5%. Dabei wurden Patienten, bei denen die Mangelernährung frühzeitig erkannt wurde, d.h. während des ersten Krankenhausaufenthalts, seltener erneut stationär als Patienten, bei denen die Diagnose Mangelernährung erst nach dem ersten stationären Aufenthalt erfolgte (deskriptive Analyse), so François Goldwasser, Cochin-Klinikum, Paris (4).

„Die hier vorgestellten Real-world-Daten sind als 'Big Data' zu werten und liefern eine wichtige Diskussionsgrundlage, um mit den Verantwortlichen aus der Gesundheitspolitik sowie Versicherungsträgern ins Gespräch zu kommen und künftig den Zugang zu einer angemessenen Ernährungsversorgung in der Onkologie zu verankern“, resümierte Schiefke.

Quelle: Baxter

Literatur:

(1) Real World Insights on Current Practice of Home Parenteral Nutrition in Germany”, Vortrag von Prof. I. Schiefke im Rahmen des Symposiums “Too Little, Too Late. Nutrition in Oncology” auf der ESMO-Jahrestagung am 20.10.2018, München.
(2) Arbeitsgemeinschaft Prävention und Integrative Onkologie (PRIO). Improving nutritional care for cancer patients in Germany. Ernährungs Umschau 2016; 63: 43-47 (Joint position paper from the German Cancer Society's (GCS) Working Group on Prevention and Integrative Oncology (PRIO) & other associations).
(3) Current use of clinical nutrition in oncology patients – real world evidence from big data in Italy, Vortrag von Dr. E. Giommoni im Rahmen des Symposiums “Too Little, Too Late. Nutrition in Oncology” auf der ESMO-Jahrestagung am 20.10.2018, München.
(4) Malnutrition in cancer patients: is a late diagnosis a missed opportunity to improve care?, Vortrag von Prof. F. Goldwasser im Rahmen des Symposiums “Too Little, Too Late. Nutrition in Oncology” auf der ESMO-Jahrestagung am 20.10.2018, München.


Das könnte Sie auch interessieren

Handhygiene stärken – Krankenhausinfektionen vermeiden

Handhygiene stärken – Krankenhausinfektionen vermeiden
© Picture-Factory / fotolia.com

Es ist die denkbar einfachste Hygienemaßnahme der Welt: das Händewaschen. Vielleicht wird seine Effizienz gerade deshalb oft unterschätzt. Anlässlich des Internationalen Tages der Händehygiene, den die WHO am 5. Mai begeht, erinnert die Deutsche Gesellschaft für Infektiologie (DGI) daran, dass eine sorgsame Händehygiene das mit Abstand wichtigste und effektivste Mittel ist, um die Übertragung und Ausbreitung von Infektionen zu begrenzen. Dies gilt nicht nur im Alltag, sondern gerade auch in Kliniken und Gesundheitseinrichtungen. Anstatt ineffiziente...

Opioid-Abhängigkeit: Notstand in USA ausgerufen

Opioid-Abhängigkeit: Notstand in USA ausgerufen
© Eisenhans / Fotolia.com

Nachdem der amerikanische Präsident Donald Trump aufgrund der massiven Zunahme an Drogentoten den nationalen Notstand bezüglich Opioiden erklärt hat, gibt die Deutsche Gesellschaft für Schmerzmedizin e.V. (DGS) Entwarnung: In Deutschland sei aktuell kein Gesundheitsnotstand aufgrund von Opioid-Abhängigkeit zu befürchten. Die gesetzlichen Regelungen sowie die vorhandenen Leitlinien zum Einsatz von Opioiden verhinderten in den meisten Fällen die Entwicklung einer Abhängigkeit.

Mehr allergische Reaktionen nach Wespenstichen

Mehr allergische Reaktionen nach Wespenstichen
© abet - stock.adobe.com

Experten warnen in diesen Tagen in den Medien vor einem extremen Wespen-Sommer 2019. Normalerweise gehen uns die schwarz-gelben Insekten erst im August und September auf die Nerven, doch dank der Saharahitze gehen Fachleute nun von einer verfrühten Saison mit mehr Wespen aus. In den vergangenen beiden Sommern hielt sich die Plage laut einer aktuellen Forsa-Umfrage im Auftrag der KKH Kaufmännische Krankenkasse dagegen in Grenzen: Demnach wurde knapp jeder Fünfte von rund 1.000 Befragten mindestens einmal von einer Wespe gestochen. Nur 13 Prozent der Betroffenen sagten, dass...

Aktionsbündnis Patientensicherheit e.V. (APS) vergibt Deutschen Preis für Patientensicherheit 2018

Aktionsbündnis Patientensicherheit e.V. (APS) vergibt Deutschen Preis für Patientensicherheit 2018
© psdesign1 / fotolia.com

In deutschen Krankenhäusern sterben jährlich etwa 15 000 Patienten an Infektionen. Damit diese weitestgehend vermieden und Patienten schnellstmöglich behandelt werden können, ist ein gutes Infektions-management notwendig. Das Kompetenzzentrum „Mikrobiologie und Hygiene" der St. Franziskus-Stiftung Münster verfolgt dazu seit 2014 ein umfassendes interdisziplinäres Gesamtkonzept für mehr Patientensicherheit. Der Fokus liegt dabei auf der Infektionsvermeidung, dem Infektionsmanagement und sowie dem Schutz vor Keimübertragung. Das...

Sie können folgenden Inhalt einem Kollegen empfehlen:

"Krebs-Patienten: Mangelernährung ist unterdiagnostiziert "

Bitte tragen Sie auch die Absenderdaten vollständig ein, damit Sie der Empfänger erkennen kann.

Die mit (*) gekennzeichneten Angaben müssen eingetragen werden!

Die Verwendung Ihrer Daten für den Newsletter können Sie jederzeit mit Wirkung für die Zukunft gegenüber der rsmedia GmbH widersprechen ohne dass Kosten entstehen. Nutzen Sie hierfür etwaige Abmeldelinks im Newsletter oder schreiben Sie eine E-Mail an: info[at]rsmedia-verlag.de.