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Medizin

10. Juli 2020 Langzeitbetreuung von Schwerstverletzten: Lücke in der Reha-Versorgung

Viele schwer verletzte Patienten fallen in das sogenannte Reha-Loch. Nach ihrer Akutbehandlung im Krankenhaus bleibt die danach zwingend erforderliche Rehabilitation aus. Sie sind schlichtweg noch zu krank, um die strengen Vorgaben der Deutschen Rentenversicherung zur Rehabilitationsfähigkeit zu erfüllen. Nach ihrem Krankenhausaufenthalt landen deshalb viele zu Hause oder in der Kurzzeitpflege. „Damit entsteht eine Phase des Stillstandes, die den Unfallverletzten in seinem langen Genesungsprozess zurückwirft“, kritisiert Prof. Dr. Michael J. Raschke, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Unfallchirurgie (DGU) und Direktor der Klinik für Unfall-, Hand- und Wiederherstellungschirurgie am Universitätsklinikum Münster die derzeit unzureichenden Strukturen in der Traumarehabilitation. Es sei aber eine nahtlose Weiterversorgung nötig. Daher hat die DGU ein neues Konzept entwickelt, um das Reha-Loch zu schließen. Die speziell auf die Bedürfnisse von Schwerverletzten zugeschnitten Rehabilitationsempfehlungen sind jetzt in der neuen, erweiterten 3. Auflage des Weißbuchs Schwerverletztenversorgung erschienen.
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Basistext
„Nicht rehafähig“: So lautet die Beurteilung vieler Schwerverletzter nach ihrer Krankenhausbehandlung. Eine Auswertung aus dem TraumaRegister DGU® zeigt, dass über 60% der Patienten nach dem Krankenhausaufenthalt nach Hause entlassen werden. „Die häusliche Pflege oder Kurzeitpflege ist für die Fortsetzung der Akutbehandlung nicht geeignet“, kritisiert Raschke. Die Rehabilitationsvorgaben erfüllen nur etwa 15% der Patienten. Dazu zählt beispielsweise, dass sich die Unfallverletzten ohne fremde Hilfe anziehen und essen können. Bei vielen Schwerverletzten liegt jedoch ein sogenanntes Polytrauma vor: Sie sind an mehreren Körperstellen gleichzeitig verletzt, etwa durch schwere Knochenbrüche, mindestens eine Verletzung davon oder die Kombination mehrerer war lebensgefährlich. Diese Mehrfachverletzungen gehen mit langwierigen Heilverläufen einher. Das erschwert in der ersten Zeit nach dem Unfall die Selbstständigkeit der Patienten, sie sind lange auf fremde Hilfe angewiesen. Immer wieder müssen sie nachoperiert werden und kämpfen auch mit psychologischen Folgen. So können sie die Reha-Vorgaben oft erst nach 3-6 Monaten erfüllen. „Die Rehabilitation nach Polytrauma ist ein komplexer Prozess, der nicht mit der Nachbehandlung nach einem künstlichen Knie- oder Hüftgelenk zu vergleichen ist“, sagt DGU-Generalsekretär Prof. Dr. Dietmar Pennig. Daher müssten hier andere Kriterien gelten, die trotz Therapie- und Pflegebedürftigkeit eine möglichst früh einsetzende und nahtlose Rehabilitation ohne größere Unterbrechung ermöglichen. Denn setzen rehabilitative Bemühungen zu spät ein, verschlechtert sich die Chance, dass der Patient in ein möglichst selbstbestimmtes Leben mit hoher Lebensqualität und Wettbewerbsfähigkeit im Beruf zurückkehren kann.

Um die lückenlose Langzeitbetreuung zu verbessern, hat die DGU im Rahmen der Überarbeitung des Weißbuches Schwerverletztenversorgung das Phasenmodell Traumarehabilitation entwickelt. Zusätzliche Schritte in der Behandlungskette schließen die Lücke zwischen der Akutbehandlung im Krankenhaus und der klassischen Rehabilitation. „Das neue Phasenmodell ermöglicht eine frühe Rehabilitation, auch wenn der Patient intensiv therapiert und gepflegt werden muss“, sagt Dr. Stefan Simmel vom Arbeitskreis Traumarehabilitation der Deutschen Gesellschaft für Orthopädie und Unfallchirurgie (DGOU). Zudem sieht es eine Langzeitbetreuung noch viele Jahre nach dem Unfall vor. „Die Patienten brauchen bei Problemen, mit denen sie oft lebenslang zu kämpfen haben, jederzeit eine Anlaufstelle, die sich mit ihrem langwierigen Genesungsprozess auskennt und schnell helfen kann“, sagt Simmel.

Nach Plänen der DGU soll das neue Phasenmodell Traumarehabilitation für schwer betroffene Patienten schnellstmöglich implementiert werden. „Das ist jedoch nicht nur eine medizinische, sondern vor allem auch eine politische Aufgabe“, betont Pennig. Daher sei die DGU schon länger im Gespräch mit verschiedenen Kostenträgern, um das Reha-Loch in der Schwerverletztenversorgung zu schließen.

„Die Versorgung darf nicht an der Klinikpforte des Traumazentrums enden. Daher ist für uns die Frage ‚In welcher Qualität kann der Patient sein altes Leben führen?‘ immer wichtiger geworden“, betont Prof. Dr. Bertil Bouillon, einer der Autoren des Weißbuches Schwerverletztenversorgung. Das 2006 erstmals erschienene 40-seitige Werk enthält Empfehlungen, wie eine Klinik ausgestattet sein muss, um die bestmöglichen Überlebenschancen für Schwerverletzte zu bieten: Dazu zählt beispielsweise die Qualifikation des Personals, die Ausstattung mit diagnostischen Geräten und standardisierte Diagnose-Behandlungsabläufe. Diese Vorgaben erfüllen derzeit über 700 Traumazentren. Sie beteiligen sich an der Initiative TraumaNetzwerk DGU® und sind deutschlandweit in über 50 regionalen TraumaNetzwerken zusammengeschlossen. Damit ist es der DGU innerhalb von 10 Jahren gelungen, dass die deutsche Unfallchirurgie flächendeckend, 365 Tage im Jahr, rund um die Uhr eine leistungsstarke Akutversorgung Schwerverletzter bietet. „Die Überlebenschancen sind in den letzten Jahren deutlich besser geworden“, sagt Bouillon. Nun wolle man daran arbeiten, die Lebensqualität nach dem Unfall weiter zu verbessern. Ziel sei es daher, spezialisierte Rehabilitationskliniken in die TraumaNetzwerk-Struktur zu integrieren – vom TraumaNetzwerk zum Rehabilitationsnetzwerk.

Quelle: Deutsche Gesellschaft für Orthopädie und Unfallchirurgie


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