Samstag, 28. März 2020
Navigation öffnen

Medizin

16. Dezember 2019 Störung des Schlaf-Wach-Rhythmus: Resynchronisation durch retardiertes Melatonin

Der Schlaf-Wach-Rhythmus wird von der sogenannten inneren Uhr vorgegeben. Taktgeber des zirkadianen Rhythmus ist die tageszeitabhängige Sekretion von Melatonin. Im Alter und insbesondere auch bei neurodegenerativen Erkrankungen nimmt die Melatoninproduktion ab, was zu Schlaf- und zirkadianen Rhythmusstörungen führen kann (1). Retardiertes Melatonin (Circadin®) imitiert durch die verzögerte Freisetzung von Melatonin das nächtliche Sekretionsmuster des Neurohormons und kann somit den zirkadianen Rhythmus resynchronisieren. Auf einem Symposium gaben renommierte Experten Einblicke in das neurohormonell gesteuerte Uhrwerk des Gehirns und erläuterten den Zusammenhang von Störungen des Schlaf-Wach-Rhythmus und neurodegenerativen Erkrankungen.
Anzeige:
Alle physiologischen Prozesse, einschließlich des Schlafes, sind auf den geophysikalischen Hell-Dunkel-Wechsel abgestimmt. „Jede Zelle unseres Körpers hat eine innere Uhr, die die Zell- und Organfunktionen tageszeitabhängig steuert“, erläuterte Dr. Bert Maier, Berlin. Für die Synchronisation des endogenen Rhythmus mit dem Tag-Nacht-Rhythmus ist die Master Clock zuständig, eine Gruppe von Neuronen im suprachiasmatischen Nucleus (SCN) des Hypothalamus. Der SCN generiert einen Rhythmus mit einer Phasenlänge von ungefähr 24 Stunden (2). Die Feinjustierung des zirkadianen Rhythmus an den exogenen Hell-Dunkel-Zyklus erfolgt durch Melatonin. Das Neurohormon wird zu Beginn der Nacht aus der Epiphyse freigesetzt und vermittelt den SCN-Neuronen das Signal für Dunkelheit (2). Wenn Melatonin in nicht ausreichender Menge produziert und sezerniert wird, bleibt die synchronisierende Funktion des endogenen Taktgebers aus. Störungen des Schlaf-Wach-Rhythmus, schlechte Schlafqualität und primäre Insomnie sind die Folge.

Die individuelle Body-Time ist messbar

Doch nicht nur für das Schlaf-Wach-Muster sind die Kenntnisse der Chronobiologie relevant. Auch die Expression der Zielstrukturen vieler Medikamente und damit die Therapieeffekte werden von der inneren Uhr zirkadian reguliert (3). Darüber hinaus sind chronomedizinische Aspekte laut Maier für die Bereiche Prävention, Impfung, Wundheilung und Chirurgie von Bedeutung. Die inneren Uhren des Menschen sind interindividuell verschieden. „Gene, Lebensalter, Geschlecht, Lichtexposition und viele weitere Faktoren bestimmen, ob das Individuum ein früher oder ein später Chronotyp, also eine ‚Lerche‘ oder eine ‚Eule‘ ist“, so der Experte. Die exakte Phasenbestimmung der inneren Uhr war bislang eine Herausforderung. Goldstandard ist der Dim-Light Melatonin Onset (DLMO), der jedoch halbstündliche Bestimmungen der Melatoninkonzentration im Speichel erfordert. Eine praxistaugliche Alternative ist der neue, validierte und einfach durchzuführende BodyTime-Test (4). Er erlaubt die Phasenbestimmung der inneren Uhr aus nur einer einzigen Blutprobe und kann die Diagnostik und Differenzialdiagnostik von Störungen des zirkadianen Rhythmus unterstützen (4).

Neurodegeneration

Zirkadiane Rhythmusstörungen sind in eine Vielzahl von neuro-psychiatrischen Erkrankungen involviert. Nach den Worten von PD Dr. Dieter Kunz, Berlin, haben sich die Hinweise verdichtet, dass die Funktion der inneren Uhr bei neurodegenerativen Erkrankungen beeinträchtigt ist, insbesondere bei Morbus Alzheimer und Morbus Parkinson. Im Mausmodell konnte gezeigt werden, dass β-Amyloid (Aβ) während des Schlafes aus dem Gehirn ausgespült wird (5). Bei schlafdeprivierten Mäusen kommt es dagegen zu einer vermehrten Formation von Aβ-Plaques (5). Das Interstitium nimmt im Schlaf um ca. 60% zu – begleitet von einem Austausch von Zerebrospinalflüssigkeit und Interstitialflüssigkeit (6). „Alles was tagsüber an Abfall entsteht, wird während des Schlafes ausgeschiedenen – auch Aβ“, so Kunz. Zuständig für die nächtliche Aβ-Clearance ist das glymphatische System, ein effizientes Drainage- und Reinigungssystem im Gehirn (7, 8). Beim Menschen konnte gezeigt werden, dass eine schlechte Schlafqualität bereits im präklinischen Stadium der Alzheimer-Krankheit mit vermehrten Aβ-Ablagerungen einhergeht (9). Letztendlich handelt es sich um einen Circulus vitiosus: Mit zunehmendem Alter verschlechtert sich der Schlaf und damit der glymphatische Abtransport von Aβ, dessen Akkumulation wiederum Schlafstörungen hervorrufen kann (10). „Solange die Ursachen für die Entstehung von Alzheimer nicht sicher geklärt sind und es keine effektive Therapie für die Erkrankung gibt, muss gestörter und fragmentierter Schlaf als eine Ursache bedacht und behandelt werden – gerade beim älteren Menschen“, so Kunz. Bei Morbus Parkinson sind REM-Schlaf-Verhaltensstörungen (REM behaviour disorder, RBD) ein klinisches Zeichen für eine dysfunktionale innere Uhr. Eine polysomnografisch bestätigte RBD ist ein Prädiktor für die spätere Phänokonversion zu Morbus Parkinson (11, 12). „RBD repräsentiert die Prodromalphase einer beginnenden Synucleinopathie und muss diagnostiziert werden.“ Möglicherweise, so der Experte, könnte eine Stärkung des zirkadianen Systems dazu beitragen, die Schlafqualität zu verbessern.

Retardiertes Melatonin: Erholsamer Schlaf, bessere Tagesfunktionalität

Retardiertes Melatonin (Circadin®) imitiert bei abendlicher Einnahme die endogene Freisetzung des Hormons, stimuliert die Melatonin-Rezeptoren und stellt die zirkadiane Rhythmik wieder her (13). Das Chronotherapeutikum ist zugelassen für die Behandlung der primären, durch schlechte Schlafqualität gekennzeichneten Insomnie bei Patienten ab 55 Jahren (13). Die empfohlene Dosis beträgt 2 mg 1-2 Stunden vor dem Zubettgehen über einen Behandlungszeitraum von bis zu 13 Wochen (13). Durch die retardierte Freisetzung von Melatonin wird eine Verbesserung des gestörten Schlaf-Wach-Rhythmus und der Schlafqualität, der Tagesfunktionalität und der Lebensqualität ermöglicht (14-17). Die Ergebnisse der randomisierten kontrollierten Studien werden durch Real-World-Daten bestätigt: In einer Beobachtungsstudie (n=653) erreichten 75% der ≥ 55-jährigen Patienten eine klinisch relevante Verbesserung der Schlafqualität und des Wachheitsgrads am Morgen (18). Überdies zeigen die Ergebnisse einer randomisierten, Placebo-kontrollierten, doppelblinden Studie, dass retardiertes Melatonin (2 mg/Tag) als Begleittherapie zur antidementiven Standardmedikation bei Alzheimer-Patienten zu signifikanten Verbesserungen der Schlafqualität, der kognitiven Leistungsfähigkeit und der Aktivitäten des täglichen Lebens im Vergleich zu Placebo führt (19). Mit der Behandlungsdauer nahmen die Effekte zu (19). Alzheimer-Patienten mit komorbider Insomnie profitierten besonders von der Add-on-Therapie mit retardiertem Melatonin (19). Im Gegensatz zu Benzodiazepinen und Z-Substanzen induziert retardiertes Melatonin selbst nach 6- oder 12-monatiger Einnahme keine Abhängigkeits- oder Toleranzentwicklung, keine Rebound-Phänomene sowie keine kognitiven und psychomotorischen Störungen. In den klinischen Studien war das Nebenwirkungsprofil mit Placebo vergleichbar (14-19).

Internationale Klassifikation von Schlafstörungen

Im Entwurf der neuen ICD-11, die ab 2022 in Kraft treten soll, sind erstmalig Schlafstörungen in einem eigenen Kapitel 7 als Schlaf-Wach-Störungen aufgeführt. „Das ist für die Zukunft extrem wichtig“, betonte Prof. Dr. Peter Young, Bad Feilnbach. „Wir haben jetzt erstmals eine eigenständiges Kapitel zum Bereich der Schlafstörungen.“ Das wiederum lässt hoffen, dass der Krankheitswert von Schlaf-Wach-Störungen in Zukunft ernster genommen wird und die betroffenen Patienten einer sorgfältigen Diagnostik unterzogen werden. Die Polysomnografie wird nach Auffassung von Young ihre Bedeutung behalten. Wichtig für das Management von Schlafstörungen sei aber auch das schlafmedizinische Gespräch. Die Klassifikation der Schlaf-Wachstörungen anhand der ICD-11 wird im Vergütungssystem eine neue eigene Gruppe darstellen, was wiederum die spezifische Kodierung ermöglicht und Einfluss auf die Vergütung in der Schlafmedizin haben wird.

Quelle: Medice

Literatur:

(1) Zisapel N. Br J Pharmacol 2018; 175: 3190-3199.
(2) Scheiermann C et al. Nat Rev Immunol 2013; 13: 190-198.
(3) Dallmann R et al. Trends Mol Med 2016; 22: 430-445.
(4) Wittenbrink N et al. J Clin Investigation 2018; 128: 3826-3839.
(5) Kang JE et al. Science 2009; 326: 1005-1007.
(6) Xie L et al. Science 2013; 342: 373-377.
(7) Iliff JJ et al. Sci Transl Med 2012; 4: 147ra111.
(8) Rasmussen MK et al. Lancet Neurol 2018; 17: 1016-1024 .  
(9) Ju YE et al. JAMA Neurol 2013; 70: 587-593.
(10) Boespflug EL, Iliff J. J Biol Psychiatry 2018; 83; 328-336.
(11) Galbiati A et al. Sleep Med Rev 2019; 43: 37-46.
(12) Postuma R et al. Brain 2019; 142: 744-759.
(13) Fachinformation Circadin®, aktueller Stand.
(14) Luthringer R et al. Int Clin Psychopharmacol 2009; 24: 239-249.
(15) Lemoine P et al. J Sleep Res 2007; 16: 372-380.
(16) Wade AG et al. Curr Med Res Opin 2007; 23: 2597-2605.
(17) Wade AG et al. Curr Med Res Opin 2011; 27: 87-98.
(18) Hajak G et al. Int Clin Psychopharmacol 2015; 30: 36-42.
(19) Wade AG et al. Clin Interv Aging 2014: 9: 947-961.


Das könnte Sie auch interessieren

Handhygiene stärken – Krankenhausinfektionen vermeiden

Handhygiene stärken – Krankenhausinfektionen vermeiden
© Picture-Factory / fotolia.com

Es ist die denkbar einfachste Hygienemaßnahme der Welt: das Händewaschen. Vielleicht wird seine Effizienz gerade deshalb oft unterschätzt. Anlässlich des Internationalen Tages der Händehygiene, den die WHO am 5. Mai begeht, erinnert die Deutsche Gesellschaft für Infektiologie (DGI) daran, dass eine sorgsame Händehygiene das mit Abstand wichtigste und effektivste Mittel ist, um die Übertragung und Ausbreitung von Infektionen zu begrenzen. Dies gilt nicht nur im Alltag, sondern gerade auch in Kliniken und Gesundheitseinrichtungen. Anstatt ineffiziente...

Coronavirus: Die Angst geht um

Coronavirus: Die Angst geht um
© dottedyeti - stock.adobe.com

Das Coronavirus hält die Welt seit Wochen in Atem. Drastische Maßnahmen werden in China, aber zum Beispiel auch in Deutschland ergriffen, um die Ausbreitung der neuen Lungenkrankheit zu verhindern. Auch wenn das Kern-Infektionsgebiet Wuhan rund 8.300 Kilometer Luftlinie von Deutschland entfernt liegt: Bei vielen Menschen weckt das Ängste. So sind in hiesigen Apotheken beispielsweise vereinzelt Mund- und Atemschutzmasken ausverkauft. Michael Falkenstein, Experte für Psychologie von der KKH Kaufmännische Krankenkasse, erklärt, woher solche Ängste kommen...

Tipps für ein gutes Gedächtnis und neue medikamentöse Ansätze gegen Alzheimer

Tipps für ein gutes Gedächtnis und neue medikamentöse Ansätze gegen Alzheimer
© Universitätsklinikum Ulm

Was tun für die Fitness im Kopf? Praktische Tipps geben Ärztinnen, Psychologen und Forscherinnen des Universitätsklinikums Ulm am Mittwoch, 3. April (14:00 – 18:00 Uhr), für alle Interessierten und insbesondere für Menschen über 50 mit und ohne Gedächtnisproblemen. In der Ulmer Villa Eberhardt demonstrieren die Wissenschaftler und Klinikerinnen passende Aktivitäten, wie zum Beispiel Spiele, Puzzles oder kognitive Trainings. Darüber hinaus informieren sie in Kurzvorträgen über einen gesunden Lebensstil für das Gehirn, neue...

Sie können folgenden Inhalt einem Kollegen empfehlen:

"Störung des Schlaf-Wach-Rhythmus: Resynchronisation durch retardiertes Melatonin"

Bitte tragen Sie auch die Absenderdaten vollständig ein, damit Sie der Empfänger erkennen kann.

Die mit (*) gekennzeichneten Angaben müssen eingetragen werden!

Die Verwendung Ihrer Daten für den Newsletter können Sie jederzeit mit Wirkung für die Zukunft gegenüber der rsmedia GmbH widersprechen ohne dass Kosten entstehen. Nutzen Sie hierfür etwaige Abmeldelinks im Newsletter oder schreiben Sie eine E-Mail an: info[at]rsmedia-verlag.de.


Cookies

Diese Webseite benutzt Cookies, um den Nutzern das beste Webseiten-Erlebnis zu ermöglichen. Ausserdem werden teilweise auch Cookies von Diensten Dritter gesetzt. Weitere Informationen erhalten Sie in den Allgemeine Geschäftsbedingungen und in den Datenschutzrichtlinien.

Verstanden