Mittwoch, 14. April 2021
Navigation öffnen
Anzeige:
Shingrix
Shingrix
 
Medizin
10. Februar 2021

Prädiabetes: Erkenntnisse zu Erkrankungssubtypen ebnen Weg für individuelle Prävention

Typ-2-Diabetes ist keine Erkrankung, die plötzlich entsteht. Meist entwickelt er sich über Jahre hinweg aus einer Vorstufe heraus, dem Prädiabetes. Auch wenn der Betroffene selbst nichts merkt und die Blutzuckerwerte noch unter dem kritischen Diagnosewert liegen, ist die Regulation des Blutzuckerspiegels schon in dieser Phase leicht beeinträchtigt. Trotzdem bilden Menschen mit Prädiabetes keine homogene Gruppe, wie Mediziner der Universitätsklinik Tübingen, des Instituts für Diabetesforschung und Metabolische Erkrankungen (IDM) des Helmholtz Zentrums München an der Universität Tübingen und des Deutschen Zentrums für Diabetesforschung (DZD) in der Fachzeitschrift Nature Medicine erklären. Im Rahmen einer Langzeitstudie konnten sie 6 Subtypen des Prädiabetes identifizieren, die sich in Bezug auf Risikofaktoren, Krankheitsentstehung und Prognose deutlich unterscheiden. Laut der Deutschen Diabetes Gesellschaft (DDG) und DZD, könnten sich daraus wichtige Ansätze für individuell angepasste präventive und therapeutische Maßnahmen ergeben.
Anzeige:
Medical Cloud
Medical Cloud
 
Ein Lebensstil mit wenig Bewegung, viel sitzender Tätigkeit, unausgewogene Ernährung und Übergewicht gelten als Ursache für einen Typ-2-Diabetes. Seit Jahrzehnten steigt weltweit die Zahl der Betroffenen; allein in Deutschland sind mittlerweile mehr als 8 Millionen Menschen von der gravierenden Stoffwechselstörung betroffen. „Wie rasch sich aus einem Prädiabetes ein manifester Diabetes entwickelt und welches Risiko für Folgeerkrankungen besteht, ist jedoch von Patient zu Patient sehr unterschiedlich“, so Professor Dr. med. Robert Wagner vom Universitätsklinikum Tübingen. Er nutzte die Daten von Probanden der Tübinger Familienstudie und des Tübinger Lebensstilprogramms (TULIP), die Professor Dr. med. Dr. h.c. mult. Hans-Ulrich Häring vor 25 Jahren initiierte, um die ursächlichen Krankheitsmechanismen für Diabetes zu verstehen. Die Studienteilnehmer mit hohem Diabetesrisiko wurden regelmäßig klinisch, laborchemisch sowie in der Kernspintomografie phänotypisiert. „Neben Parametern des Zuckerstoffwechsels wurden nun auch die Insulinsekretion und -sensitivität gemessen, sowie die Verteilung des Körperfetts, die Blutfettwerte und genetische Faktoren analysiert“, erklärt Wagner die Vorgehensweise der Langzeitstudie.

6 Subtypen

Die Daten der rund 900 Probanden dienten als Grundlage für eine Clusteranalyse. Das Ergebnis war eindeutig: „Es zeigten sich bei den Probanden 6 Subtypen, die sich sowohl hinsichtlich ihrer individuellen Risikofaktoren, als auch beim weiteren Krankheitsverlauf – also der Entwicklung eines manifesten Diabetes und des Risikos für Folgeerkrankungen – deutlich unterschieden“, erläutert einer der Studienleiter Professor Dr. med. Andreas Fritsche. Beispielsweise laufe nicht jede Person mit Übergewicht automatisch auch Gefahr, einen manifesten Diabetes zu entwickeln. „Erst die Kombination einzelner Parameter wie Körperfettverteilung oder Insulinsensitivität macht eine klarere Einschätzung möglich. Allein aufgrund der Blutzuckerwerte, auf der die Diagnose von einem Prädiabetes oder Diabetes meist fußt, konnten wir diese Vorhersagen zu einer späteren Manifestation eines Diabetes bei den Probanden jedoch nicht treffen“, so die Studienleiter Häring und Fritsche. Die Studie zeige deutlich, wie wichtig es ist, auch andere Parameter neben den Blutzuckerspiegeln für eine Risikoeinschätzung einzubeziehen. „Aufbauend auf diesen bahnbrechenden Ergebnissen werden wir zukünftig die Mechanismen und maßgeschneiderte therapeutische Strategien in den Hochrisikoclustern untersuchen“, so Professor Dr. med. Andreas Birkenfeld, Ärztlicher Direktor der Klinik für Diabetologie, Endokrinologie und Nephrologie vom Universitätsklinikum Tübingen und DZD-Sprecher.

Weitere prospektive Studien

Für DDG und DZD sind diese neuen Erkenntnisse ebenfalls Grundlage für weitere prospektive Studien. „Es ist von immenser Bedeutung, die Frühphase der Stoffwechselerkrankung weiter zu erforschen – auch angesichts der weiter steigenden Zahlen der Diabeteserkrankten. Erst so können individuell angepasste Präventions- und Therapiemaßnahmen entwickelt und eingeleitet werden“, sagt DDG-Präsidentin Professor Dr. med. Monika Kellerer. „Die Ergebnisse sind ein wichtiger Schritt in Richtung Präzisionsmedizin. Daran arbeiten wir im DZD weiter", betont DZD-Vorstand Professor Dr. Dr. h.c. mult. Martin Hrabě de Angelis. Die aktuelle Studie zeige auch beispielhaft, wie wichtig die Verzahnung von Biochemie, Bioinformatik und universitärer klinischer Forschung sei – letztlich zum Wohle der Patienten.

Lesen Sie hierzu auch: Neue Diabetes-Typen und Subklassen

Quelle: DDG


Anzeige:
OFEV
OFEV

Das könnte Sie auch interessieren

Fleisch und Milchprodukte günstig, raffinierte Kohlenhydrate schlecht

Fleisch und Milchprodukte günstig, raffinierte Kohlenhydrate schlecht
© M.studio / fotolia.com

Eine Studie mit mehr als 218.000 Teilnehmern aus über 50 Ländern zeigt: Nicht nur Obst, Gemüse und Nüsse sind herzgesund und verlängern das Leben, sondern auch nicht-verarbeitetes Fleisch und Milchprodukte. Die konsumierte Menge raffinierter Kohlenhydrate sollte begrenzt werden. Diese Studienergebnisse dürfen allerdings nicht als Freibrief für exzessiven Konsum für Fleisch und fetten Käse gesehen werden, sondern als Plädoyer für eine ausgewogene Ernährung, sagen deutsche Kardiologen.

Oft unerkannt: Frauenkrankheit Lipödem

Oft unerkannt: Frauenkrankheit Lipödem
© vanillya / fotolia.com

Etwa jede zehnte Frau in Deutschland leidet unter einem Lipödem, auch als Reiterhosenphänomen bekannt. Hierbei treten symmetrische schwammige Schwellungen an den Beinen und in 30 Prozent der Krankheitsfälle auch an den Armen auf. Die Ursache: eine Fettverteilungsstörung, die mit Wassereinlagerungen einhergeht. Lipödempatienten stehen aus mehreren Gründen unter einem sehr hohen Leidensdruck. Sie haben nicht nur sehr starke Berührungs- und Druckschmerzen, sondern auch Spannungsgefühle, sodass bereits einfache Tätigkeiten wie Haare föhnen oder...

Sie können folgenden Inhalt einem Kollegen empfehlen:

"Prädiabetes: Erkenntnisse zu Erkrankungssubtypen ebnen Weg für individuelle Prävention"

Bitte tragen Sie auch die Absenderdaten vollständig ein, damit Sie der Empfänger erkennen kann.

Die mit (*) gekennzeichneten Angaben müssen eingetragen werden!

Die Verwendung Ihrer Daten für den Newsletter können Sie jederzeit mit Wirkung für die Zukunft gegenüber der Medical Tribune Verlagsgesellschaft mbH - Geschäftsbereich rs media widersprechen ohne dass Kosten entstehen. Nutzen Sie hierfür etwaige Abmeldelinks im Newsletter oder schreiben Sie eine E-Mail an: info[at]rsmedia-verlag.de.


EILMELDUNGEN zu SARS-CoV-2 und COVID-19
  • Kabinett beschließt Bundes-Notbremse: Nächtliche Ausgangssperren und geschlossene Läden
  • Kabinett beschließt Bundes-Notbremse: Nächtliche Ausgangssperren und geschlossene Läden