Sonntag, 28. Februar 2021
Navigation öffnen
Anzeige:
Pneumovax
Pneumovax

Medizin

23. Februar 2021 Tuberkulose: Biomarker für individuelles Therapieende identifiziert

Die Behandlung der Tuberkulose (TB) ist lang, belastend und teuer. Insbesondere das Auftreten von resistenten Tuberkulosebakterien, das immer mehr zunimmt, erfordert einen langen Atem: Die WHO empfiehlt in diesen Fällen meist pauschal eine Therapiedauer von mindestens 18 Monaten, da es keine zuverlässigen Biomarker für einen vorzeitigen Stopp gibt. Unter der Leitung von DZIF-Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern am Forschungszentrum Borstel ist es nun nach 6 Jahren Forschungsarbeit gelungen, einen Biomarker zu identifizieren, der über die Aktivität von 22 Genen individuell ein Therapieende anzeigt. In vielen Fällen kann damit wahrscheinlich die Behandlung gefahrlos verkürzt werden.
Anzeige:
Pradaxa
Pradaxa
Wann kann man eine Tuberkulosetherapie gefahrlos stoppen, ohne einen Rückfall zu riskieren? Vor dieser Frage stehen die Mediziner immer wieder aufs Neue, denn der fehlende Nachweis des Tuberkuloseerregers Mycobacterium tuberculosis ist keine Gewähr für eine dauerhafte Heilung der Lungeninfektion. Patientinnen oder Patienten, bei denen die Standardtherapie anschlägt, können unter Umständen nach 6 Monaten austherapiert sein. Doch für resistente Fälle werden derzeit mehr als 18 Monate Behandlungsdauer geraten. „Das ist eine sehr lange Zeit für die Betroffenen, die oft mehr als vier Antibiotika täglich einnehmen müssen und unter Nebenwirkungen leiden“, erklärt Prof. Dr. Christoph Lange, Klinischer Direktor am Forschungszentrum Borstel und Leiter der Studie, die im Deutschen Zentrum für Infektionsforschung (DZIF) in Kooperation mit dem Deutschen Zentrum für Lungenforschung (DZL) durchgeführt wurde. „Wir benötigen dringend einen Biomarker, der die Umsetzung einer individuellen Therapiedauer ermöglicht“, betont er. Denn längst nicht jeder Patient brauche eine so lange Zeit bis zur Gesundung.

Alternative Biomarker

Da das Fehlen der Bakterien im Sputum keinen sicheren Therapiestopp rechtfertigt, machte sich das Team um Christoph Lange auf die Suche nach alternativen Biomarkern im Patienten. Gemeinsam mit internationalen Tuberkulosezentren konnte anhand von Patientenkohorten ein Modell für das Therapieende entwickelt werden, das auf einer RNA-Bestimmung im Blut beruht. Es konnten aus vielen Tausend Genen 22 identifiziert werden, deren Aktivität mit dem Krankheitsverlauf korreliert. „Die Produktion der RNA dieser 22 Gene im menschlichen Blut kann uns darüber Aufschluss geben, ob der Patient geheilt ist“, bringt es PD Dr. Jan Heyckendorf vom FZ Borstel auf den Punkt. Gemeinsam mit Maja Reimann und Dr. Sebastian Marwitz zeichnet er als Erstautor für die Studie verantwortlich. „Es ist eine RNA-Signatur aus 22 Genen, die an 2 Kohorten identifiziert wurde und an weiteren drei Kohorten validiert wurde“, ergänzt der Wissenschaftler. Kein anderer publizierter Transkriptom-Marker zeige bislang vergleichbare Eigenschaften.

5 Patientenkohorten

Für die Identifizierung dieses individuellen Biomarkers haben die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler innerhalb des DZIF 5 unterschiedliche Patientenkohorten aufgebaut. Dabei handelte es sich in allen Fällen um Erwachsene, die an Lungentuberkulose erkrankt waren, zum Teil an nicht-resistenten, z.T. an resistenten Formen. Neben Kohorten in Deutschland waren auch Patienten in Bukarest (Rumänien) eingeschlossen, wo das DZIF ein Studienzentrum unterstützt.

Individualisierung der Therapiedauer

„Die Individualisierung der Therapiedauer ist ein wichtiger Meilenstein auf dem Weg zur Präzisionsmedizin bei der Tuberkulose“, bekräftigt Christoph Lange. Sogar ohne Verlaufswerte könne man bei einem Patienten anhand dieser RNA-Bestimmung ein Ende der Therapie wagen. Als nächsten Schritt planen die Forscher eine prospektive Studie im DZIF. Dabei sollen Patientinnen und Patienten in dem einen Studienarm die Therapie so lange bekommen, wie der Biomarker es vorschlägt, Patienten in dem anderen Arm erhalten die Therapie so lange, wie es das nationale Tuberkuloseprogramm empfiehlt. Die Wissenschaftler wollen dann schauen, ob der Biomarker eine kürzere Behandlungsdauer möglich macht. Das Team um Christoph Lange ist zuversichtlich.
„Es ist dann hoffentlich möglich, dass Patienten mit einer multiresistenten Tuberkulose im Durchschnitt circa ein Drittel der Therapie einsparen können“, so Lange.

Quelle: DZIF


Anzeige:
Xelevia
 

Das könnte Sie auch interessieren

Risikogruppe schützen: Digitale Weltdiabetestag-Patientenveranstaltung 2020

Risikogruppe schützen: Digitale Weltdiabetestag-Patientenveranstaltung 2020
Dmitry Lobanov / Fotolia.com

Seit 2009 richtet die gemeinnützige Organisation diabetesDE – Deutsche Diabetes-Hilfe unter der Schirmherrschaft des Bundesgesundheitsministeriums die Zentrale Patientenveranstaltung zum Weltdiabetestag am 14. November aus. Im letzten Jahr war das mit dem Kirchheim-Verlag neu erarbeitete Konzept des „Weltdiabetes-Erlebnistag“ nach dem Motto: „Raus aus dem Konferenzsaal, rein in die Stadt“ mit über 7000 Teilnehmenden im Berliner Sony Center besonders erfolgreich. Aufgrund der Corona-Krise haben sich die Veranstalter vorausblickend schon jetzt...

Pilotprojekt: Stuhlkarten-Screening mit einfacher Farbkarte

Pilotprojekt: Stuhlkarten-Screening mit einfacher Farbkarte
© jolopes / Fotolia.com

Genial einfach: Anfang Dezember 2016 wurden 100.000 so genannte Stuhlkarten zur Früherkennung der Gallengangatresie an alle stationären niedersächsischen Geburtskliniken verschickt und dort von Kinderärzten, Gynäkologen und Hebammen in das „Gelbe Heft“ eingelegt. „Dieses Projekt ist ein wunderbares Beispiel dafür, wie mit einfachen Mitteln und ohne großen technischen Aufwand ein maximaler Erfolg erzielt werden kann. Mit übersichtlich gestalteten Karten wird es Eltern leicht gemacht, sich über die Gesundheit ihres neugeborenen...

Wie komme ich als Herzkranker gut durch den Winter?

Wie komme ich als Herzkranker gut durch den Winter?
© BillionPhotos.com - stock.adobe.com

Die Corona-Pandemie stellt den Alltag von Millionen Herz-Kreislauf-Patienten in Deutschland vor große Herausforderungen mit vielen Ängsten und offenen Fragen. Wie gefährlich eine COVID-19-Ansteckung bei bestehender Herz-Kreislauf-Erkrankung werden kann, variiert von Fall zu Fall. Zuverlässige Daten darüber, welche Auswirkungen Art und Schweregrad der Vorschädigung haben, gibt es zwar noch keine. Allerdings beläuft sich die Häufigkeit von Herz-Kreislauf-Komplikationen bei schweren Verläufen nach Schätzungen derzeit auf 5-10% der...

Sie können folgenden Inhalt einem Kollegen empfehlen:

"Tuberkulose: Biomarker für individuelles Therapieende identifiziert"

Bitte tragen Sie auch die Absenderdaten vollständig ein, damit Sie der Empfänger erkennen kann.

Die mit (*) gekennzeichneten Angaben müssen eingetragen werden!

Die Verwendung Ihrer Daten für den Newsletter können Sie jederzeit mit Wirkung für die Zukunft gegenüber der Medical Tribune Verlagsgesellschaft mbH - Geschäftsbereich rs media widersprechen ohne dass Kosten entstehen. Nutzen Sie hierfür etwaige Abmeldelinks im Newsletter oder schreiben Sie eine E-Mail an: info[at]rsmedia-verlag.de.


EILMELDUNGEN zu SARS-CoV-2 und COVID-19
  • Risikogruppen: Empfehlungen der STIKO
  • Risikogruppen: Empfehlungen der STIKO