Freitag, 16. April 2021
Navigation öffnen
Patientenbereich
Betroffene leiden unter bestehenden Versorgungslücken und Diskriminierung 07. November 2018

Adipositas im Kindes- und Jugendalter

Laut der Studie zur Gesundheit von Kindern und Jugendlichen in Deutschland (KiGGS Welle 2), die vom Robert Koch-Institut durchgeführt wurde, haben nach dem Referenzsystem der Weltgesundheitsorganisation (WHO) 26,3% der 5- bis 17-Jährigen Übergewicht; 8,8% sind von Adipositas betroffen (1). In der Versorgung dieser Kinder und Jugendlichen gibt es erhebliche Defizite: So werden in Deutschland überzeugende, wissenschaftlich-basierte Behandlungs- und Betreuungskonzepte im Gesundheitssystem nicht unterstützt und in der Regel von den Kostenträgern nicht finanziert. Zudem herrschen in der Gesellschaft viele Vorurteile, die den notwendigen, frühen Therapiebeginn häufig sogar ganz verhindern. Welche Versorgungslücken es in Deutschland gibt und welche Folgen die mit der Erkrankung einhergehende Stigmatisierung für die Betroffenen hat, darüber diskutieren Experten auf der Kongress-Pressekonferenz im Rahmen der 12. Diabetes Herbsttagung der Deutschen Diabetes Gesellschaft (DDG) und der 34. Jahrestagung der Deutschen Adipositas-Gesellschaft (DAG). Diese findet am Freitag, den 9. November 2018 in Wiesbaden statt.
Anzeige:
Eigenwerbung
 
„Übergewicht und Adipositas im Kindes- und Jugendalter wirken sich negativ auf die Gesundheit der Heranwachsenden aus. So begünstigt ein hoher Body-Mass-Index (BMI) Störungen des Fett- und Glukosestoffwechsels, was die Wahrscheinlichkeit für die Entstehung eines Typ-2-Diabetes erhöht“, so Professor Dr. med. Martin Wabitsch, Tagungspräsident der Deutschen Adipositas-Gesellschaft. „Zudem gehen Übergewicht und Adipositas mit einem hohen Leidensdruck einher“, ergänzt Wabitsch. Bereits im Kindesalter werden Menschen mit Übergewicht stigmatisiert, das setzt sich im Jugend- und Erwachsenenalter fort. „Betroffene sind tagtäglich Diskriminierung ausgesetzt – in der Familie, am Arbeitsplatz, in den Medien und leider auch im Gesundheitssystem. Unzulässige Zuschreibungen lauten oft: ‚fett, faul und gefräßig‘ sowie ‚charakter- und willensschwach‘“, sagt der Leiter der Sektion Pädiatrische Endokrinologie und Diabetologie am Universitätsklinikum Ulm. „Diese Vorurteile sind häufig auch ein Hindernis beim Einstieg in die Berufswelt. Bei der Einstellung werden junge Heranwachsende aufgrund ihres Äußeren oftmals benachteiligt – und dies bei gleicher oder gar höherer fachlicher Qualifikation.“
 
Die Abwertung und soziale Ausgrenzung, die Menschen mit starkem Übergewicht häufig erfahren, haben oft auch psychische Störungen zur Folge. „Viele Betroffene haben ein geringes Selbstwertgefühl und leiden an Depressionen“, so Stefanie Wirtz, 1. Vorsitzende der AdipositasHilfe Deutschland e. V. Teilweise entwickele sich aus der Stigmatisierung ein wahrer Teufelskreis: „Viele Menschen reagieren auf psychische Belastungen mit einem ungünstigen Essverhalten – dem sogenannten ‚Frustessen‘. Das wiederum führt zur Gewichtszunahme und somit zur Erhaltung und Verschlimmerung der Adipositas“, ergänzt Wabitsch.
 
Gerade bei Kindern und Jugendlichen liege die Schuld an einem zu hohen Körpergewicht nicht bei ihnen selbst. „Welches Körpergewicht ein Mensch hat, ist zunächst genetisch bedingt und wird in der frühen Kindheit geprägt“, so der Facharzt für Kinderheilkunde. „Die Lebensbedingungen, unter denen Kinder und Jugendliche heute aufwachsen, also ein überreichliches, zu fettes, zu süßes, zu salziges Angebot hoch verarbeiteter Lebensmittel sowie der weit verbreitete Bewegungsmangel unterstützen dann die Ausprägung der Adipositas und wirken sich ungünstig auf den Stoffwechsel aus.“ In betroffenen Familien komme es darüber hinaus häufig zu Konflikten. „Eltern versuchen zwar, ihren Kindern zu helfen, haben aber meist keine Anlaufstelle, um sich Unterstützung zu holen. Die Hilflosigkeit entlädt sich oft in Form von Vorwürfen und endet im Streit“, so Wirtz.
 
Jugendliche mit extremer Adipositas (BMI über 30) sind dann medizinisch nur noch schwer zu erreichen. „Nur ein kleiner Prozentsatz sucht aktiv nach einer Behandlung“, so Wabitsch. „Warum das so ist, ist nicht klar. Hierfür mag es viele Gründe geben, zum Beispiel das junge Alter der Betroffenen, ein überwiegend niedriges Bildungsniveau und ein niedriger Sozialstatus. Auch funktionelle Beeinträchtigungen infolge eingeschränkter körperlicher Mobilität und psychische Begleiterkrankungen können Ursache dafür sein. Häufig sind die Jugendlichen nach erfolglosen Versuchen des Abnehmens auch einfach frustriert“, sagt der Experte.
 
Die Behandlung von Jugendlichen mit extremer Adipositas ist sehr aufwändig und es bedarf neuer Wege. „Konventionelle verhaltenstherapeutische Gewichtsreduktionsprogramme bleiben meist erfolglos. Bariatrisch-chirurgische Maßnahmen sind aufgrund der notwendigen strengen Indikationsstellung oft nicht möglich“, so Wabitsch. Im Rahmen der JA-Studie, die das Bundesministerium für Bildung und Forschung im Rahmen des Kompetenznetzes Adipositas seit 2012 fördert, wird deshalb für Jugendliche im Alter von 14 bis 21 Jahren mit einem BMI über 30 eine neue, umfassende Versorgung in fünf verschiedenen Kliniken in Deutschland angeboten. „Jugendliche mit extremer Adipositas nehmen über verschiedene Zugangswege – einschließlich sozialer Institutionen sowie medizinischer Behandlungseinrichtungen und Patientenregister – an dem Projekt teil“, erklärt Wabitsch. Im Rahmen der Studie werden die Jugendlichen auch dabei unterstützt, einen Ausbildungs- oder Arbeitsplatz zu finden.
 
Welche Maßnahmen notwendig sind, um die Therapie von Kindern und Jugendlichen mit starkem Übergewicht zu verbessern und um der Stigmatisierung innerhalb der Gesellschaft entgegenzuwirken, erläutern die Teilnehmer der gemeinsamen DDG Herbsttagung und DAG Jahrestagung im Rahmen einer Kongress-Pressekonferenz am 9. November 2018 in Wiesbaden. Die Tagung findet vom 9. bis 10. November 2018 im RheinMain CongressCenter Wiesbaden statt. Alle Informationen zur Tagung sind im Internet unter www.herbsttagung-ddg.de zu finden.

DDG Herbsttagung/DAG Jahrestagung

Literatur:

(1) Robert Koch-Institut: Die allgemeine Gesundheit von Kindern und Jugendlichen in Deutschland – Querschnittergebnisse aus KiGGS Welle 2 und Trends. https://www.rki.de/DE/Content/Gesundheitsmonitoring/JoHM/2018/JoHM_Inhalt_18_01.html
(2) Jugendliche mit extremer Adipositas. Medizinische und psychosoziale Folgen der extremen Adipositas bei Jugendlichen – Akzeptanz und Wirkung einer strukturierten Versorgung: Die JA-Studie. www.ja-studie.de


Anzeige:
Eigenwerbung
 
Weitere Beiträge zum Thema
Von aktuellen Erkenntnissen zum Nocebo-Effekt bis zum richtigen Verhalten in Notfällen: Patiententag am 17. April findet online statt
Von aktuellen Erkenntnissen zum Nocebo-Effekt bis zum richtigen Verhalten in Notfällen: Patiententag am 17. April findet online statt
©tadamichi - stock.adobe.com

Der Patiententag der Deutschen Gesellschaft für Innere Medizin (DGIM) in Kooperation mit der Stadt Wiesbaden blickt bereits auf eine 15-jährige Tradition zurück. In diesem Jahr findet die beliebte Veranstaltung, auf der sich Patientinnen und Patienten, Angehörige und Interessierte über aktuelle Gesundheitsthemen informieren können, aufgrund der Corona-Pandemie erstmals online statt. Am Samstag, den 17. April 2021, erwarten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer zahlreiche Vorträge von renommierten Expertinnen und Experten aus dem gesamten Bundesgebiet. Das...

Erstes digitales DGU-Patientenforum
Erstes digitales DGU-Patientenforum
© Sebastian Kaulitzki / Fotolia.de

Auch in Zeiten digitaler Kongresse kümmert sich die Deutsche Gesellschaft für Urologie e.V. (DGU) um Patientinnen und Patienten: Statt der traditionell angebotenen Vor-Ort-Patientenveranstaltung anlässlich einer jeden DGU-Jahrestagung geht die PatientenAkademie der Fachgesellschaft neue Wege und bietet nun kostenlos und frei verfügbar das erste digitale Patientenforum in der Deutschen Urologie an. „Im Rahmen des 72. DGU-Kongresses, der vom 24. bis 26. September 2020 als Live-Stream aus dem Congress Center Leipzig gesendet wurde, haben wir 6 ausgewiesene Experten...

Tag gegen den Schlaganfall: COVID-19 kann einen Hirninfarkt begünstigen
Tag gegen den Schlaganfall: COVID-19 kann einen Hirninfarkt begünstigen
©SciePro - stock.adobe.com

Schwere Atemwegserkrankungen und Lungenentzündungen – das sind bekannte gravierende Auswirkungen von COVID-19. Doch das Virus kann – insbesondere bei schweren Verläufen – auch zu einem Schlaganfall führen. Darauf macht die Deutsche Schlaganfall-Gesellschaft (DSG) anlässlich des Tages gegen den Schlaganfall aufmerksam, der am 10. Mai als bundesweiter Aktionstag stattfindet. Zudem betont die DSG, dass ein Schlaganfall immer ein medizinischer Notfall ist und Erkrankte ihre Anzeichen ernst nehmen und sich in Behandlung begeben sollten – auch...

Risikogruppe schützen: Digitale Weltdiabetestag-Patientenveranstaltung 2020
Risikogruppe schützen: Digitale Weltdiabetestag-Patientenveranstaltung 2020
Dmitry Lobanov / Fotolia.com

Seit 2009 richtet die gemeinnützige Organisation diabetesDE – Deutsche Diabetes-Hilfe unter der Schirmherrschaft des Bundesgesundheitsministeriums die Zentrale Patientenveranstaltung zum Weltdiabetestag am 14. November aus. Im letzten Jahr war das mit dem Kirchheim-Verlag neu erarbeitete Konzept des „Weltdiabetes-Erlebnistag“ nach dem Motto: „Raus aus dem Konferenzsaal, rein in die Stadt“ mit über 7000 Teilnehmenden im Berliner Sony Center besonders erfolgreich. Aufgrund der Corona-Krise haben sich die Veranstalter vorausblickend schon jetzt...

Patiententag auf dem DKOU: Was Arthrose-Patienten wissen sollten
Patiententag auf dem DKOU: Was Arthrose-Patienten wissen sollten
© wavebreak3 - stock.adobe.com

Arthrose ist die häufigste Erkrankung der Gelenke. Ihre Häufigkeit nimmt mit dem Alter zu. Im 6. Lebensjahrzehnt weist nahezu jeder Fünfte im Röntgenbild eine Knie- oder Hüftgelenksarthrose auf. Doch nur 20 bis 30 % dieser Patienten haben zu diesem Zeitpunkt bereits Beschwerden. Die kürzlich aktualisierte Leitlinie Hüftarthrose zeigt auf, wann und wie Patienten mit und ohne Symptome behandelt werden sollten und was sie selbst zu einer gelungenen Therapie beitragen können. Auf dem Patiententag des Deutschen Kongresses für Orthopädie und...

Tipps für ein gutes Gedächtnis und neue medikamentöse Ansätze gegen Alzheimer
Tipps für ein gutes Gedächtnis und neue medikamentöse Ansätze gegen Alzheimer
© Universitätsklinikum Ulm

Was tun für die Fitness im Kopf? Praktische Tipps geben Ärztinnen, Psychologen und Forscherinnen des Universitätsklinikums Ulm am Mittwoch, 3. April (14:00 – 18:00 Uhr), für alle Interessierten und insbesondere für Menschen über 50 mit und ohne Gedächtnisproblemen. In der Ulmer Villa Eberhardt demonstrieren die Wissenschaftler und Klinikerinnen passende Aktivitäten, wie zum Beispiel Spiele, Puzzles oder kognitive Trainings. Darüber hinaus informieren sie in Kurzvorträgen über einen gesunden Lebensstil für das Gehirn, neue...

Das könnte Sie auch interessieren

Pflege: „24-Stunden-Betreuung“ nicht wörtlich verstehen

Pflege: „24-Stunden-Betreuung“ nicht wörtlich verstehen
© Halfpoint - stock.adobe.com

Auch wenn es so klingt: Bei Angeboten einer „24-Stunden-Betreuung“ zu Hause kann die Pflegekraft nicht rund um die Uhr zur Verfügung stehen. Es gilt das Arbeitszeitgesetz, erklärt die Verbraucherzentrale Berlin. Somit sei ein Arbeitstag in der Regel nach maximal 10 Stunden zuzüglich Pause vorbei, auch wenn die Pflegekraft mit im Haus wohnt. Wer tatsächlich auf 24 Stunden Betreuung Wert legt, muss für die Ruhe- und Pausenzeiten der Pflegekraft genügend Ersatz einplanen.

Wenn Verwandte von Krankheitserregern Gutes tun

Wenn Verwandte von Krankheitserregern Gutes tun
© science photo / fotolia.com

Es gibt Bakterien, die Wasserstoff und Naturstoffe produzieren, was sowohl für die Umwelt als auch für die Medizin wichtig ist. In Jena hat ein Forschungsteam nun die Fähigkeit zur Wasserstoff- und Naturstoffproduktion in einer Gruppe von Bakterien nachgewiesen, die bis dahin eher als Krankheitserreger bekannt waren. In Gemeinschaft mit einem methanproduzierenden Bakterium konnten diese Bakterien Milchsäure zu Methan umwandeln.

Der Patienten- und Pflegebeauftragte der Bayerischen Staatsregierung rät zur Patientenverfügung

Der Patienten- und Pflegebeauftragte der Bayerischen Staatsregierung rät zur Patientenverfügung
© Pixelot / fotolia.com

Die Patientenverfügung ist wichtig, wenn durch Unfall, Krankheit oder Alter der eigene Wille nicht mehr ausgedrückt werden kann. Denn: Angehörige dürfen im Ernstfall keine medizinischen Entscheidungen treffen. Darauf weist Christian Bredl, Chef der Techniker Krankenkasse (TK) in Bayern, hin. Er rät deshalb dazu, rechtzeitig eine Patientenverfügung schriftlich zu fixieren.  

Sie können folgenden Inhalt einem Kollegen empfehlen:

"Adipositas im Kindes- und Jugendalter"

Bitte tragen Sie auch die Absenderdaten vollständig ein, damit Sie der Empfänger erkennen kann.

Die mit (*) gekennzeichneten Angaben müssen eingetragen werden!

Die Verwendung Ihrer Daten für den Newsletter können Sie jederzeit mit Wirkung für die Zukunft gegenüber der Medical Tribune Verlagsgesellschaft mbH - Geschäftsbereich rs media widersprechen ohne dass Kosten entstehen. Nutzen Sie hierfür etwaige Abmeldelinks im Newsletter oder schreiben Sie eine E-Mail an: info[at]rsmedia-verlag.de.


EILMELDUNGEN zu SARS-CoV-2 und COVID-19
  • Impfen in der Hausarztpraxis: Spezifische Bestellung des COVID-Impfstoffs möglich
  • Impfen in der Hausarztpraxis: Spezifische Bestellung des COVID-Impfstoffs möglich