Freitag, 14. Mai 2021
Navigation öffnen
Patientenbereich
17. Februar 2020

„Demenzkranke gehören zu unserer Gesellschaft“

„Die optimale Versorgung Demenzkranker ist in einer älter werdenden Gesellschaft eine große Herausforderung“, sagt Prof. Dr. Dorothee Saur, Leitende Oberärztin an der Klinik und Poliklinik für Neurologie am Universitätsklinikum Leipzig (UKL). „Einfach gesagt: Es gibt immer mehr Patienten. Deshalb haben wir vor anderthalb Jahren mit einer Spezialsprechstunde begonnen; die Nachfrage gibt uns recht.“
Anzeige:
Eigenwerbung
 
„Wir behandeln auf Zuweisung von Hausärzten oder Neurologen, wo aus fachlicher Sicht bereits ein Demenzverdacht besteht“, so Prof. Saur. „Denn die, die von sich aus zu einer solchen Sprechstunde kommen würden, haben häufig keine Demenz, sondern spüren eben, dass das Alter auch mit nachlassenden geistigen Fähigkeiten verbunden ist.“
 
Wächst bei einem zuweisenden Arzt der Verdacht, dass bei seinem Patienten eine Demenz vorliegen könnte, ist der betroffene Patient in der Sprechstunde für Demenzerkrankungen gut aufgehoben. Hier wird gemeinsam mit Patienten und Angehörigen entschieden, ob eine ausführlichere stationäre Diagnostik in der Klinik für Neurologie notwendig ist. Bei den Tests der Hirnleistung geht es vor allem um das Gedächtnis, denn bei diesem deuten bestimmte Einschränkungen auf eine Alzheimererkrankung. Aber auch Aufmerksamkeit, Sprachvermögen, Konzentration und räumliche Orientierung werden geprüft, die bei der Alzheimererkrankung ebenfalls betroffen sein können, bei selteneren Demenzerkrankungen sogar zuallererst.
 
„Die Diagnostik ermöglicht es dann festzustellen, beispielsweise durch Untersuchung des Nervenwassers oder auch mit nuklearmedizinischen Untersuchungen, ob bestimmte krankhafte Ablagerungen im Gehirn vorhanden sind“, erklärt die Neurologin. „Damit kann man schon relativ frühzeitig eine Alzheimerdemenz diagnostizieren.“
 
Die Krankheit stoppen ist noch nicht möglich
 
Während es technisch ausgefeilte und erkenntnisreiche Diagnosemöglichkeiten gibt, sind die Therapiemöglichkeiten beschränkt. „Es gibt derzeit leider keine zugelassene verlaufsmodifizierende Behandlung“, so Prof. Saur. „Wir können zwar mit Medikamenten etwas helfen, die kognitiven Leistungen zu verbessern. Aber den Krankheitsverlauf stoppen oder gar zurückdrehen, das ist derzeit noch nicht möglich.“
 
Patienten und Angehörige sind dennoch dankbar, dass die Neurologen des UKL etwas anbieten können, auch wenn damit nur ein geringer Effekt erreicht wird. „Wichtig ist aus meiner Sicht, dass der Patient möglichst lange in einem stimulierenden Umfeld bleibt. Also in seiner Familie, in seiner vertrauten Wohnung. Dabei sind körperliche und geistige Aktivität von Bedeutung, ebenso wie die Teilnahme am tagesaktuellen Geschehen und die Pflege von Hobbys und sozialen Kontakten.“
 
So schwer eine Demenzerkrankung für den Betroffenen ist: Die Angehörigen haben meist die größte Bürde zu tragen, ist sich die Leipziger Neurologin sicher. „Die Familienangehörigen begegnen sich durch die Krankheit nicht mehr auf Augenhöhe. Die Gesunden müssen für den Kranken immer mehr mitdenken und mithandeln. Das ist eine enorme Belastung. Und immer wieder stehen die Angehörigen vor der Frage: Wie lange halte ich das noch aus? Das verstehen wir Ärzte. Auch wenn es unser oberstes Ziel ist, dass der Patient so lange wie möglich zu Hause mit den gewohnten Abläufen lebt: Man muss immer individuelle Entscheidungen fällen.“
 
UKL nimmt an europaweiter Studie zur Erprobung einer Behandlung teil
 
Demenzkranke gehören zu unserer Gesellschaft, genauso wie schreiende Babys und trotzige Jugendliche, betont Prof. Saur. „Leider können viele Menschen nicht gut damit umgehen. Wenn in einem Zugabteil ein Baby schreit, nervt das zwar, aber die meisten halten das aus, wenn sie sehen, wie sich die Mutter bemüht. Wenn aber ein rüstiger älterer Herr zum wiederholten Mal fragt, wohin der Zug fährt, fangen die meisten an, mit den Augen zu rollen oder zu murren.“
 
Für die wachsende Zahl von Patienten mit Demenzerkrankungen müssen aus der Sicht der Ärztin Strukturen aufgebaut werden - und die Spezialsprechstunde in der Klinik und Poliklinik für Neurologie am UKL ist hierfür ein kleiner Baustein. „Natürlich ist es für unsere Patienten von Vorteil, dass sie hier teilhaben können an den neuesten Therapieentwicklungen“, sagt Prof. Saur. „Dazu zählt eine Studie, bei der europaweit eine verlaufsmodifizierende Behandlung der Alzheimererkrankung erprobt wird. Wir sind eines der Studienzentren, in dem mit ärztlicher Begleitung ein Medikament erprobt wird, das die Nervenzellen vor den krankhaften Ablagerungen schützen und die Kommunikation zwischen den Nervenzellen anregen soll. Teilnehmen an dieser Studie können Patienten im frühen Verlauf der Alzheimererkrankung.“
 

Universitätsklinikum Leipzig


Anzeige:
Eigenwerbung
 
Weitere Beiträge zum Thema
Trotz Allergie mit Katzen leben
Trotz Allergie mit Katzen leben

Mit fast 15 Millionen Tieren sind Katzen die beliebtesten Haustiere der Deutschen. Leider ist das Zusammenleben mit dem Schmusetiger nicht immer ungetrübt: Bei Allergikern kann schon der Aufenthalt im selben Zimmer gerötete Augen, Schnupfen, Asthma und Atemnot hervorrufen. Die wirksamste, aber auch schwerste Gegenmaßnahme ist es, das Tier abzugeben. Nun haben Wissenschaftler eine ganz neue Lösung für das Problem entwickelt: Ein allergenreduzierendes Katzenfutter. Was es damit auf sich hat, beschreibt ein neuer Ratgeber der Deutschen Haut- und Allergiehilfe e.V.

Tattoos bergen Risiken – auch fürs Herz
Tattoos bergen Risiken – auch fürs Herz
©Prostock-studio - stock.adobe.com

Mindestens jeder 5. Bundesbürger ist tätowiert, schätzt das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR). Doch auch wenn Tattoos inzwischen alltäglich erscheinen: Harmlos sind die Farbinjektionen nicht. Bei 0,5 bis 6% aller Tätowierten kommt es epidemiologischen Studien zufolge zu einer Infektion – mit mehr oder weniger schweren Folgen. Schwerwiegend können die Auswirkungen für Herzpatienten sein: Werden die Keime in die großen Blutbahnen gespült, können sie auch andere Organe wie das Herz angreifen. „Besonders leicht befallen...

Hauterkrankungen als lebenslange Begleiter: Wie moderne Medikamente die Lebensqualität bei chronisch-entzündliche Dermatosen erhöhen
Hauterkrankungen als lebenslange Begleiter: Wie moderne Medikamente die Lebensqualität bei chronisch-entzündliche Dermatosen erhöhen
©photo_pw - stock.adobe.com

Von Schuppenflechte und Neurodermitis sind hierzulande Menschen allen Alters betroffen. Für viele wird die chronisch-entzündliche Hauterkrankung zum lebenslangen Begleiter, der nicht nur durch Symptome wie Juckreiz und Schuppung belastet, sondern auch die Lebensqualität mindert. Die Sichtbarkeit dieser Dermatosen führt oft zu einer Stigmatisierung. Welche Erkenntnisse zur Entstehung dieser Hautkrankheiten die Behandlungsoptionen maßgeblich verändert haben und wie Patientinnen und Patienten von der Therapie mit Biologika profitieren, erläutern Experten...

Welt-Parkinson-Tag: AbbVie ruft Parkinson-Check ins Leben
Welt-Parkinson-Tag: AbbVie ruft Parkinson-Check ins Leben
©Alessandro Grandini - stock.adobe.com

Der Welt-Parkinson-Tag soll ein tieferes Verständnis für die Lebenssituation von Betroffenen und ihren Angehörigen schaffen, um die Versorgung von Menschen mit Parkinson weiter zu verbessern. Ein wichtiger Aspekt dabei ist die rechtzeitige Anpassung der Behandlung im Verlauf der fortschreitenden Erkrankung. Zu verstehen, wann Parkinson als fortgeschritten eingestuft und entsprechende Maßnahmen ergriffen werden sollten, ist dabei ausschlaggebend. Das Portal Parkinson-Check.de hilft PatientInnen bei der Einordnung und Vorbereitung auf das Arztgespräch.

Für gut befunden: App „Atemwege gemeinsam gehen“
Für gut befunden: App „Atemwege gemeinsam gehen“
©rh2010 - stock.adobe.com

Die App „Atemwege gemeinsam gehen“ (AGG) von AstraZeneca erhielt als eine der ersten pneumologischen Apps das kürzlich eingeführte PneumoDigital Siegel der Atemwegsliga e.V. Es ist die erste, gemeinsam mit LungenfachärztInnen und SportwissenschaftlerInnen speziell entwickelte Trainings-App für Menschen mit (schwerem) Asthma. Die Übungen für die NutzerInnen erläutert die sportliche AGG-Botschafterin Heike Drechsler in kurzen Videos. Das PneumoDigital Siegel stuft die App als übersichtlich gestaltet, gut anwendbar und motivierend ein.

Endoprothesenregister Deutschland veröffentlicht erstmals Patienteninformation
Endoprothesenregister Deutschland veröffentlicht erstmals Patienteninformation

Die Publikation enthält zentrale Ergebnisse der Datenauswertung aus dem Jahresbericht 2020 – kurz und patientenverständlich zusammengefasst. Totalendoprothesen (vollständiger Ersatz des Gelenkes) stellen die am häufigsten verwendete Prothesenform bei Hüft- und Knieimplantationen dar. Bei künstlichen Kniegelenken wird zunehmend die Rückfläche der Kniescheibe ersetzt. Patientenbezogene Faktoren wie Alter, BMI oder Vorerkrankungen beeinflussen das Risiko für eine Wechseloperation deutlich.

Das könnte Sie auch interessieren

Tipps für ein gutes Gedächtnis und neue medikamentöse Ansätze gegen Alzheimer

Tipps für ein gutes Gedächtnis und neue medikamentöse Ansätze gegen Alzheimer
© Universitätsklinikum Ulm

Was tun für die Fitness im Kopf? Praktische Tipps geben Ärztinnen, Psychologen und Forscherinnen des Universitätsklinikums Ulm am Mittwoch, 3. April (14:00 – 18:00 Uhr), für alle Interessierten und insbesondere für Menschen über 50 mit und ohne Gedächtnisproblemen. In der Ulmer Villa Eberhardt demonstrieren die Wissenschaftler und Klinikerinnen passende Aktivitäten, wie zum Beispiel Spiele, Puzzles oder kognitive Trainings. Darüber hinaus informieren sie in Kurzvorträgen über einen gesunden Lebensstil für das Gehirn, neue...

Verbraucherschutz: Blei und Cadmium in Modeschmuck, Pestizide in Kräutern

Verbraucherschutz: Blei und Cadmium in Modeschmuck, Pestizide in Kräutern
© Alexander Raths / Fotolia.com

Erneut gerieten preiswerte Modeschmuckartikel ins Visier der Überwachungsbehörden. Nachdem das Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL) im vergangenen Jahr auf die erhöhten Nickelgehalte in den untersuchten Proben hingewiesen hatte, kritisierte das Bundesamt die Funde von Blei und Cadmium oberhalb der geltenden Grenzwerte. BVL-Präsident Helmut Tschiersky stellte dazu fest: „Die Hersteller und Importeure von Modeschmuck müssen eindeutig mehr tun, um Gesundheitsrisiken zu vermeiden.“ Nach mehreren Einzelfunden von preiswertem...

Leukämiekranke brauchen Hilfe – Jetzt!

Leukämiekranke brauchen Hilfe – Jetzt!
© freshidea - stock.adobe.com

Aufgrund der Coronavirus-Pandemie fehlen der Stiftung Aktion Knochenmarkspende Bayern in diesem Jahr 20.000 Stammzellspender für Leukämiepatienten. Die dringend erforderliche Neuregistrierung von 20.000 Stammzellspendern pro Jahr ist durch die bedrohliche Situation extrem gefährdet. Für viele an Leukämie erkrankte Menschen ist aber die Stammzellspende eines passenden Spenders oft die einzige Chance auf Heilung. Leukämie ist eine Krankheit, die keinen Aufschub duldet. Zeit ist ein maßgeblicher Faktor für Erkrankte, die in Zeiten der Pandemie als...

6 von 10 Menschen in Deutschland nicht ausreichend mit Vitamin D versorgt

6 von 10 Menschen in Deutschland nicht ausreichend mit Vitamin D versorgt
© den-belitsky - stock.adobe.com

Sind Patienten müde, kraftlos und infektanfällig, kann gerade in der sonnenarmen Winterzeit ein Vitamin D-Defizit der Grund sein. Wie akut diese Gefahr ist, deutet eine vom Robert Koch-Institut durchgeführte Studie an. Hier wurde die Konzentration von 25-Hydroxy-Vitamin-D (25(OH)D) bei 6.995 Teilnehmern im Blutserum gemessen: Insgesamt wiesen 30,2 % der Erwachsenen zwischen 18 und 79 Jahren 25(OH)D-Serumkonzentrationen < 30 nmol/l und damit eine mangelhafte Versorgung auf. Eine ausreichende Versorgung mit 25(OH)D-Serumkonzentrationen von ≥ 50 nmol/l erreichten...

Sie können folgenden Inhalt einem Kollegen empfehlen:

"„Demenzkranke gehören zu unserer Gesellschaft“"

Bitte tragen Sie auch die Absenderdaten vollständig ein, damit Sie der Empfänger erkennen kann.

Die mit (*) gekennzeichneten Angaben müssen eingetragen werden!

Die Verwendung Ihrer Daten für den Newsletter können Sie jederzeit mit Wirkung für die Zukunft gegenüber der Medical Tribune Verlagsgesellschaft mbH - Geschäftsbereich rs media widersprechen ohne dass Kosten entstehen. Nutzen Sie hierfür etwaige Abmeldelinks im Newsletter oder schreiben Sie eine E-Mail an: info[at]rsmedia-verlag.de.


EILMELDUNGEN zu SARS-CoV-2 und COVID-19
  • Corona-Regeln werden für Geimpfte und Genesene gelockert
  • Corona-Regeln werden für Geimpfte und Genesene gelockert