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SchwerpunktJuli 2016

01. Juli 2016
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Wie läuft dieses primäre Entstauen bei Ihnen in der Praxis ab?

Wir führen die primäre Entstauung stationär in unserer Klinik zweimal am Tag über 14 Tage durch - dadurch entfernen wir teilweise literweise Wasser. Ambulant kann man das auch 2-3 Wochen lang wenigstens einmal täglich mit einer konsequenten Wickelung durchführen. Findet das nicht statt, dann erzielt man auch keinen Erfolg.Etwa 90% der komplexen physikalischen Entstauungstherapie (KPE) kann ambulant erfolgen.

 
Abb. 3: Lymphödem nach 10 Tagen KPE unter stationären Bedingungen.
Lymphödem nach 10 Tagen KPE unter stationären Bedingungen.


Warum ist die Hautpflege so wichtig?

Bei der Hautpflege ist vor allem darauf zu achten, dass keine Schrunden oder Verletzungen der Haut auftreten, über die Erreger eindringen, die in bis zu 40% Wundrosen verursachen können. Vor allem an den Beinen und Füßen ist es ganz wichtig, dass diese immer hygienisch "in Stand" gehalten werden. Es gibt dafür entsprechende Cremes, die man zum Teil unter den Kompressionsmaterialien auftragen kann. Sinnvollerweise cremt man die Haut abends ein. Wenn nachts konsequent bandagiert wird, kann man am nächsten Tag wieder einen Kompressionsstrumpf anziehen. Außerdem sollte man keine einengenden oder einschnürenden Kleidungsstücke tragen.

Wo findet man solche, auf die Behandlung des Lymphödems spezialisierten Ärzte?

Mittlerweile gibt es ca. 70 Lymphnetzwerke in Deutschland, an die man die betroffenen Patienten überweisen kann. Dort haben sich Ärzte auf die Behandlung des Lymphödems spezialisiert. Eine Übersicht hat die Deutsche Gesellschaft für Lymphologie (DGL) unter www.dglymph.de zusammengestellt.

Und wo finden betroffene Patienten Anleitungen?

Auf den Webseiten der großen Kompressionsstrumpf-Hersteller stehen solche Informationen zur Verfügung. Für ältere Patienten kommt es vor allem auf die direkte Beratung im Sanitätshaus an. Auch eine gute Kommunikation zwischen dem Arzt und dem Patienten ist hier sehr wichtig.

Wie sieht es denn generell mit der Compliance der Patienten aus?

Diese ist generell hoch, aber es gibt auch Ausnahmen - Patienten, die sich gehen lassen, auch wenn sie über die Konsequenzen einer nicht adäquat durchgeführten Therapie aufgeklärt sind. So gibt es beispielsweise Patienten, die zusätzlich zum Lymphödem noch sekundär eine Adipositas entwickeln, da sie sich ungesund ernähren und nicht mehr bewegen. Meist geht dies mit psychischen Problemen einher. Hier ist der Hausarzt als erster Ansprechpartner gefragt, um so etwas frühzeitig in den Griff zu kriegen.

Sind mit Bewegung und Sport bei einem sekundären Lymphödem also maßgebliche Verbesserungen zu erzielen?

Ja, die Patienten sollten unbedingt Sport treiben. Am besten ist eine Bewegung ohne große Belastung. Schwimmen ist hervorragend - und nebenbei bemerkt die beste Lymphdrainage, die es überhaupt gibt, weil schon in 1,60 m Tiefe hohe Kompressionsdrücke von 80-100 mmHg bestehen, die durch keine Kompressionstherapie der Welt zustande kommen. Auch Fahrradfahren ist geeignet, ebenso Joggen und Walken. Der Patient sollte eine Sportart wählen, die ihm persönlich guttut. Dabei ist zu beachten, dass beim Sport - außer beim Schwimmen - immer die Kompressionsstrümpfe getragen werden, damit nicht die reaktive Hyperämie dazu führt, dass in den entsprechenden Körperteilen eine zusätzliche Schwellung produziert wird. Es gibt auch spezielle Lymph-Sportgruppen. Darüber kann man sich gezielt am Wohnort informieren.

 
Abb. 4: Lymphödem Grad III des Armes nach Mammakarzinom.
Lymphödem Grad III des Armes nach Mammakarzinom.


Können durch eine Entstauungstherapie auch noch weiter fortgeschrittene Stadien gut behandelt werden?

Generell schon, allerdings können irreversible Schäden des Lymphsystems nicht immer konservativ beseitigt werden. Nur die sekundären Folgen - wie z.B. Papillomatosen - können verhindert oder gelindert werden. Wichtig ist auch, erst zu entstauen und dann den Kompressionsstrumpf anzupassen.

Welche Optionen gibt es, wenn die konservative Therapie ausgereizt ist?

Wenn die konservative Therapie nicht mehr hilft, dann gibt es noch die operative Option - die Transplantation von Lymphgefäßen oder Lymphknoten, oder auch die lymphovenöse Anastomosierung, also das Einbringen von Lymphgefäßen in Venen für einen besseren Abfluss. Aber das sind extrem späte Therapieoptionen, die auch nur vereinzelt durchgeführt werden. Hier spielt die Kostenübernahme der Krankenkassen eine Rolle und es gibt dafür nur wenige erfahrene Operateure in Deutschland; das ist wirklich die Ultima Ratio und wird nur von sehr wenigen Patienten in Anspruch genommen.

Was kann man aus Ihrer Sicht unternehmen, damit sich die Versorgung von Patienten mit Lymphödem verbessert?

Die Problematik der sekundären Lymphödeme muss allgemein mehr ins Bewusstsein gerückt werden. Denn die Fehlbehandlung in diesem Bereich ist katastrophal. Aufklärung und Schulung der Patienten zum einen und zum anderen die Ausbildung der Ärzte im Studium und die Spezialisierung im Fachbereich sind unabdingbar.

Vielen Dank für das Gespräch!

Die Patienten-Abbildungen wurden freundlicherweise von Herrn Dr. med. Gerd Lulay zur Verfügung gestellt.

Literatur:

(1) Hayes SC, Janda M, Cornish B et al. Lymphedema after breast cancer: incidence, risk factors, and effect on upper body function. J Clin Oncol. 2008;26(21):3536-42.
(2) Rebegea L, Firescu D, Dumitru M et al. The incidence and risk factors for occurrence of arm lymphedema after treatment of breast cancer. Chirurgia (Bucur). 2015;110(1):33-7.
(3) Hopp EE, Osborne JL, Schneider DK et al. A prospective pilot study on the incidence of post-operative lymphedema in women with endometrial cancer. Gynecol Oncol Rep. 2015;15:25-8.
(4) Kemper C, Koller D. Glaeske G 2008, GEK Heil- und Hilfsmittelreport: 49-74.

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