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Gesundheitspolitik
02. Juni 2021

Impfungen für Kinder: Piks muss mehr Nutzen als Risiko bringen

Die Debatte um Corona-Impfungen für Kinder ab 12 Jahren wirft auch Grundsatzfragen auf. Der Infektionsmediziner Reinhard Berner erklärt den Abwägungsprozess der Stiko und gibt Eltern einen klaren Rat.
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Das Kind impfen lassen oder nicht? Diese Frage kann schon bei empfohlenen Standardimpfungen wie Masern und Tetanus für hitzige Diskussionen sorgen. Angesichts der Debatte rund um die Corona-Impfung für Kinder ab zwölf Jahren ist sie wieder aktueller denn je. Doch wie treffen Eltern beim Piks generell die Abwägung?

Der Kinder- und Jugendmediziner Professor Reinhard Berner vom Uniklinikum Dresden ist auf Infektionskrankheiten spezialisiert. Im Interview erläutert er, warum er es für eine „exzellente Idee“ hält, wenn Eltern sich bei Impfungen für ihren Nachwuchs am Kalender der Stiko orientieren. Und warum auch er im Moment keine allgemeine Empfehlung für eine Corona-Impfung für Kinder und Jugendliche zwischen 12 und 15 Jahren aussprechen würde.

Herr Berner, viele Eltern denken bei den Impfungen, die die Ständige Impfkommission – die Stiko – für den Nachwuchs empfiehlt, nicht groß nach und lassen sie ihrem Kind zu den vorgegebenen Zeitpunkten geben. Zurecht?

Reinhard Berner: Ich halte das für eine exzellente Idee, wenn Eltern sich daran halten. Weil es sich die Stiko extrem schwer macht mit der Entscheidung, ob sie eine Impfung allgemein empfiehlt, oder nicht.

Wie kommen die Expertinnen und Experten in der Stiko zu ihren Empfehlungen?

Berner: Sie prüfen alle wissenschaftlichen Daten, die für eine Impfung zur Verfügung stehen und prüfen auch die mögliche Last der Krankheit, die dadurch verhindert werden soll. Auf Basis all dieser Informationen treffen sie eine Risiko-Nutzen-Bewertung. Die Mitglieder der Stiko schätzen diese objektive Datenlage also ein und entscheiden dann per Mehrheitsentscheidung. Das ist die klarste und transparenteste Basis für Impfempfehlungen.

Die allgemeinen Empfehlungen der Stiko sind die Vorlagen, die das jeweilige Bundesland dann individuell umsetzen muss. Die allermeisten Bundesländer halten sich an den Stiko-Impfplan. Eine Ausnahme ist Sachsen, wo es noch mal eine eigene Kommission gibt, die eigene Entscheidungen trifft.

Nicht alle Impfungen sind allgemein für Kinder und Jugendliche empfohlen – das gilt zum Beispiel momentan noch für die Corona-Impfung. Was bedeutet das für Eltern?

Berner: Die Debatte um die Corona-Impfung für Kinder und Jugendliche zwischen 12 und 15 Jahren enthält im Moment oft den Zungenschlag, dass Eltern allein gelassen werden mit der Entscheidung, wenn die Stiko die Impfung nicht allgemein empfiehlt. Und dass das eine neue Situation sei. Aber das ist nicht richtig. Die Situation hat es immer wieder gegeben, dass es von den Behörden zugelassene Impfstoffe gab, die von der Stiko nicht allgemein empfohlen wurden.

Das ist ja auch der Sinn und Zweck der Stiko, sonst würde alleine die Europäische Arzneimittel-Agentur, die EMA, über die Empfehlung von Impfstoffen entscheiden. Aber die EMA hat nur die Aufgabe der Zulassung des Impfstoffs.

Vielen ist auch nicht klar, was eine allgemeine Empfehlung überhaupt bedeutet.

Berner: Das würde in dem Fall bedeuten, dass die Impfung für die Gesamtheit der Kinder und Jugendlichen in dieser Altersgruppe in Deutschland nach Einschätzung der Stiko mehr Nutzen als Risiko bringt und deshalb allgemein empfohlen wird.

Da bei den Corona-Impfstoffen der Bund die Kosten trägt, ist das hier für die Kostenerstattung durch die Krankenkassen nicht relevant. Bei anderen Impfstoffen kann das der Fall sein.

Wie treffen Eltern die Entscheidung, wenn es keine allgemeine Empfehlung gibt?

Berner: Auch wenn eine Impfung nicht allgemein empfohlen ist, kann man im ärztlichen Gespräch mit Eltern und gegebenenfalls dem Kind durchaus zum Ergebnis kommen, dass die Impfung sinnvoll ist. Da gibt es ja noch viele andere Beispiele, etwa Meningokokken-B oder Influenza. Diese Impfungen sind von der Stiko nicht allgemein empfohlen und können doch in bestimmten Fällen sinnvoll sein. Früher galt das auch für die Rotaviren, doch diese Impfung ist inzwischen allgemein empfohlen.

Bei Rotaviren zum Beispiel ist es eine Nutzenabwägung. Die Durchfallerkrankung, die sie auslösen, ist unangenehm, vielleicht auch sehr unangenehm fürs Kind. In Deutschland verursacht sie Krankenhausaufenthalte, ist aber für Kinder nicht lebensgefährlich. Anders ist das in Ländern in der Dritten Welt, wo Kinder daran sterben, weil die medizinische Versorgung nicht gut ist. Dort hat der Impfstoff seine eigentliche Bedeutung. In Deutschland braucht es ihn hingegen nicht zwingend, weshalb die Stiko anfänglich auch keine allgemeine Empfehlung dafür gegeben hat.

Aber wer seinem Kind diese Erkrankung ersparen wollte, konnte ihm diesen Impfstoff verabreichen lassen. Mittlerweile ist er, nachdem mehr Daten zur Sicherheit vorliegen, auch von der Stiko empfohlen.

Noch einmal zurück zur Corona-Impfung für Kinder und Jugendliche. Als auf Infektionskrankheiten in dieser Altersgruppe spezialisierter Mediziner: Wie ist Ihr Standpunkt dazu?

Berner: Zur objektiven Bewertung des Risikos des Impfstoffs haben wir für die Altersgruppe der 12- bis 15-Jährigen bisher nur eine Studie mit einer Kohorte von rund 1.100 Personen. Das ist keine kleine Zahl, aber es ist auch nicht viel.

Man muss sich nur einmal hypothetisch vorstellen, die Impfung würde in der Altersgruppe bei einem von 10.000 Geimpften eine schwere, möglicherweise sogar tödliche Nebenwirkung auslösen. Dann würde sie bei so einer Kohorte nur zufällig entdeckt, oder eben gar nicht. Wenn man dann aber anfängt, flächendeckend zu impfen und Hunderttausende Kinder und Jugendliche die Impfung bekommen, würde bei einigen diese schwere Nebenwirkung auftreten.

Dazu kommt die Abwägung des möglichen Nutzens.

Berner: Genau. Und bei Coronavirus-Infektionen bei Kindern wissen wir, dass nur wenige einen schweren Verlauf bekommen. In Deutschland ist bisher eine ganz geringe Zahl von Kindern daran verstorben. Das wäre anders als zum Beispiel bei Ebola, wo die meisten der Infizierten sterben. Hier käme die Risiko-Nutzen-Bewertung zu einem ganz anderen Ergebnis.

Zu welchem Ergebnis kommen Sie also?

Berner: Wenn ich in die Waagschale werfe, was wir bisher über die Corona-Impfung in dieser Altersgruppe und die Erkrankung in dieser Altersgruppe wissen, würde ich sagen, dass die Abwägung von Nutzen und Risiko noch nicht für eine allgemeine Impfempfehlung ausreicht. Aber es kann sein, dass sich das aufgrund neuer Daten schon in wenigen Monaten ändert und man denselben Impfstoff für Kinder und Jugendliche anders bewerten muss. Und das ist vollkommen in Ordnung. So funktionieren auf wissenschaftlichen Grundlagen vorgenommene Bewertungen eben.

Quelle: dpa


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  • CHMP empfiehlt SARS-CoV-2-Impfstoff von Moderna für Jugendliche von 12-17 Jahren (Quelle: PEI, 23.7.2021)
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