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Gesundheitspolitik

20. März 2020 Warum werden Desinfektionsmittel und Atemmasken knapp?

Wie konnte es in Deutschland zu Engpässen bei medizinischen Materialien kommen? Warum werden Desinfektionsmittel und Atemmasken knapp? Der Frankfurter Gesundheitsökonom Prof. Thomas Busse, Professor für Pflegemanagement sowie Leiter des Zentrums für Gesundheitswirtschaft und -recht (ZGWR) an der Frankfurt University of Applied Sciences (Frankfurt UAS) macht dafür die massiven Sparanstrengungen deutscher Krankenhäuser in den letzten Jahren verantwortlich.
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„Die durch die Fallpauschalen ausgelösten massiven Sparanstrengungen deutscher Krankenhäuser der letzten Jahre hatten natürlich auch die sogenannten Materialkosten im Fokus –­ diese betragen etwa zwischen 30 und 40% eines Krankenhausbudgets“, erklärt Busse. Um einen Teil dieses Budgets, nämlich Lagerhaltungs- und sogenannte Kapitalbindungskosten zu reduzieren, hätten Krankenhäuser oft ihre eigene Lagerhaltung massiv verkleinert und die Prozesse so gestaltet, dass relativ kurzfristige, aber dafür häufigere Materialbestellungen beim Lieferanten teure Lagerkapazitäten überflüssig gemacht hätten. Zudem hätten die Krankenhäuser bei der Auswahl primär nur auf den Preis von Materialien geachtet und somit einen großen Preisdruck auf die Lieferanten ausgeübt. Dadurch habe sich die Anzahl der möglichen Lieferanten reduziert und global fast auf die gesamte Welt verteilt. In Folge gäbe es für einige Produkte nur noch wenige Anbieter und diese befinden sich manchmal am anderen Ende der Welt. „Dies fällt uns nun auf die Füße und wird meiner Einschätzung nach nur mittelfristig zu ändern sein“, prognostiziert Busse.

Ob hier ein Sonderfonds des Bundes für Kliniken helfen könnte, der ja bereits Milliardenhilfen für die Wirtschaft zugesichert hat, hält Busse für fraglich: „Sonderfonds oder zusätzliche Finanzspritzen helfen natürlich nur dann etwas, wenn man sich dafür auch das kaufen kann, was in der aktuellen Corona-Krise benötigt wird. Dies wage ich nach dem jetzigen Stand in Bezug auf die dringend notwendigen Schutzmasken, Sicherheitskleidung oder auch Beatmungsgeräte stark zu bezweifeln.“ Generell seien natürlich seitens der Politik solche Gelder schnell versprochen, ob der Bund, die Länder oder die Krankenkassen diese Gelder auszahlen und nach welchen Kriterien dies dann geschieht, ist Busse noch nicht bekannt. Krankenhäuser seien in dieser Hinsicht aus vorherigen kleinen Krisen (z.B. SARS) „gebrannte Kinder und deshalb eher pessimistisch“. Wichtig wäre es jetzt, pragmatische und unbürokratische Wege aufzuzeigen, wie Krankenhäuser ohne großen Aufwand an das benötigte Geld kommen. „Ich könnte mir beispielsweise vorstellen, dass Rechnungen, die Corona-relevante Produkte betreffen, direkt von den Krankenhäusern an die Krankenkassen weitergegeben werden und die Krankenkassen diese ohne große Nachfragen bezahlen.“

Busse spricht sich hingegen deutlich gegen einen Bonustopf aus, mit dem das medizinische Personal für sein Engagement in Zeiten von Corona zusätzlich entlohnt würde: „Ich halte dies ehrlich gesagt für keine gute Idee. Dies würde unterstellen, dass Ärzte oder Pflegekräfte eventuell mehr arbeiten würden, wenn sie einen Bonus erhalten. Ich weiß aus meinen aktuellen Gesprächen vor Ort, dass gerade das medizinische Personal bereits jetzt absolut an der Belastungsgrenze arbeitet und gerade als letztes an mögliche Einkommensverbesserungen denkt.“ Für Busse seien diese Menschen, ebenso wie auch Kassierer/-innen, Polizistinnen und Polizisten oder Busfahrer/-innen und natürlich viele weitere, eigentlich die Helden dieser Krise. „Es sind diese Menschen, die unser System mit hohem Engagement aufrechterhalten und es sind nicht die Investmentbanken, Unternehmensberatungen oder Dax-Vorstände, die ein Vielfaches mehr an Einkommen haben.“ Deshalb schlägt Busse vor, dass wir als Gesellschaft diesen Menschen das Versprechen geben, dass wir uns nach dieser schweren Krise endlich um ein adäquates Einkommen für diese „Helden“ kümmern. Gleiches gelte auch für die auskömmliche Vergütung von Krankenhäusern, „von denen wir jetzt merken, dass sie eben keine reinen Wirtschaftsunternehmen sind. Es sind systemrelevante, für unsere Gesellschaft absolut wichtige Unternehmen, in deren Mittelpunkt die Arbeit mit und für den Patienten steht ­ und die lässt sich im Kleinen, aber auch im Hinblick auf derartige Krisen eben nicht exakt kalkulieren. Für beides – nämlich eine bessere Vergütung und eine auskömmliche Krankenhausfinanzierung –­ müssten wir als Bürgerinnen und Bürger endlich bereit sein, mehr zu bezahlen.“

Quelle: Frankfurt University of Applied Sciences


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