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Gesundheitspolitik

09. März 2018 Ein Jahr Cannabis auf Rezept: Zwischen Goldgräberstimmung und Skepsis

Die Entscheidung kam einer Revolution im deutschem Gesundheitsmarkt gleich: Seit 10. März 2017 können sich schwer Kranke medizinisches Cannabis regulär beim Arzt verschreiben lassen, etwa für Schmerztherapien. Seither ist die Branche in Aufruhr. Ausländische Firmen strömen nach Deutschland in Hoffnung auf das große Geschäft, immer mehr Patienten wollen Cannabis-Therapien – und Ärzte und Krankenkassen ächzen unter dem Andrang.
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Der Wirkstoff von Cannabis ist keineswegs neu. Er kann Spastiken, etwa bei Multipler Sklerose lindern oder Übelkeit nach Chemotherapien und soll auch gegen Epilepsie helfen. Doch Hanf umgibt ein zweifelhafter Ruf, er weckt Assoziationen an kiffende Jugendliche und berauschte Reggae-Sänger. Daher fürchten manche Ärzte um ihren Ruf. Auch ist die medizinische Wirksamkeit von Cannabis teils umstritten.

Bis vergangenen März war medizinisches Cannabis in Deutschland eine Nische, nur rund 1.000 Kranke hatten eine Ausnahmegenehmigung. Doch seit der Freigabe schießt die Nachfrage in die Höhe, zeigen Zahlen des Apothekerverbands ABDA, die der Deutsche Presse-Agentur vorliegen. Demnach wurden 2017 schon rund 44.000 Einheiten Blüten zu Lasten der gesetzlichen Krankenkassen ausgegeben.

"Die Tendenz war von Quartal zu Quartal steigend, sowohl bei Rezepten als auch bei den Abgabeeinheiten", sagt Andreas Kiefer, Präsident der Bundesapothekenkammer. Hätten Apotheken im zweiten Quartal 2017 rund 4.615 Rezepte mit 10.000 Einheiten Blüten verteilt, seien es im Schlussquartal über 12.700 Rezepte mit gut 18.800 Einheiten gewesen.

Die Freigabe habe jenen geholfen, die bisher eine Ausnahmeerlaubnis brauchten. "Patienten werden nicht mehr mit Dossierung und Anwendung alleine gelassen", sagt Kiefer. Auch sei medizinisches Cannabis nun leichter zugänglich und deutlich billiger.

Von dem Boom profitiert auch der bayerische Arzneihersteller Bionorica. Bei seinem Cannabis-Mittel Dronabinol hat sich der Umsatz 2017 mehr als verdoppelt und die Zahl der Patienten fast verdreifacht – Tendenz steigend. Bionorica baut daher die Produktion aus.

Bisher wird der Medizinal-Cannabis vor allem aus Kanada und den Niederlanden importiert. Künftig aber will der Bund den Anbau hierzulande sichern. Eine Cannabis-Agentur unter dem Dach des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) schreibt Aufträge an Unternehmen aus. Es geht um die Lizenzen für 6.600 Kilo medizinisches Cannabis, das über vier Jahre angebaut werden soll.

Mehr als 100 Firmen sollen sich dafür beworben haben, heißt es, etwa zehn in die Endrunde kommen. Schon bald soll eine Entscheidung fallen. Die erste Ernte unter Staatsaufsicht ist 2019 geplant. Die Marge für Firmen dürfte groß sein: Bei Herstellerkosten von wenigen Euro je Gramm dürfte der Apothekenpreis bei mehr als 20 Euro liegen.

Für Anbieter ist Deutschland daher ein attraktiver Markt. Ausländische Firmen drängen in Scharen in die Bundesrepublik. Die kanadische Nuuvera etwa hat schon ein Büro in Hamburg eröffnet und errichtet im nahen Bad Bramstedt einen Tresor zur Cannabis-Lagerung – inklusive Alarmanlage mit Verbindung zur Polizei, Wandstärke Sicherheitsstufe 3 sowie Bewegungs- und Erschütterungsmeldern.

In Kanada gebe es bei 36 Millionen Einwohnern über 200.000 registrierte Empfänger von medizinischem Cannabis, sagt Deutschland-Chef Hendrik Knopp. "Wir sehen auch in Deutschland Potenzial für hunderttausende Patienten". Nuuvera setzt auf Medizinal-Cannabis in Form von Öl und Kapseln, das sei für Ärzte und Patienten leichter zu dosieren als Blüten. Viele Ärzte seien aber skeptisch. Weniger als 1.000 Mediziner stellten Rezepte aus.

Auch bei den Krankenkassen hält sich die Begeisterung in Grenzen. Cannabis-Therapien kosten im Monat im Schnitt 540 Euro, so wird im neuen Gesetz veranschlagt. Bei den drei mitgliederstarken Kassen AOK-Bundesverband, TK und Barmer gingen seit der Freigabe insgesamt schon über 15.700 Anträge ein. Auch die DAK-Gesundheit erklärte, die Zahl der Verschreibungen von Ärzten sei "sprunghaft gestiegen".

Die Kassen berichten von Anlaufproblemen, etwa fehlerhafte oder unvollständige Anträge. Ärzte müssen Cannabis-Verschreibungen genau begründen. Doch teils fehlt Wissen. Bei den vier großen Kassen wurden nach Prüfung durch ihren Medizinischen Dienst rund ein Drittel der Anträge vorerst abgelehnt. Sie fordern dann Informationen nach. Die gesetzlichen Krankenkassen übernähmen aber bei allen zugelassenen rezeptpflichtigen Arzneien die Kosten, betont der Spitzenverband GKV.

Auch Ärztevertreter sind zurückhaltend. "Wir wissen noch viel zu wenig darüber, ob und wie Arzneimittel auf Cannabis-Basis wirken", erklärte Josef Mischo von der Bundesärztekammer. In die Jubelarien von Cannabis-Firmen möchte er nicht einstimmen. Man müsse mit Studien "sehr genau" prüfen, ob Cannabis eine Alternative zu herkömmlichen Therapien sei – gerade angesichts der Hoffnungen vieler Kranker.

Quelle: dpa


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