Sonntag, 31. Mai 2020
Navigation öffnen

Gesundheitspolitik

10. Februar 2020 Gefälschte Medikamente und deren tödliche Folgen eindämmen

„Ein großer Teil der global vertriebenen Arzneimittel ist gefälscht“, sagt Wirtschaftsinformatiker Jens Mattke von der Universität Bamberg. „Schädliche oder inaktive Inhaltsstoffe in gefälschten Medikamenten verursachen weltweit schätzungsweise eine Million Todesfälle pro Jahr.“ Die sogenannte Blockchain-Technologie soll verhindern, dass Fälschungen beispielsweise in Apotheken landen. Ob und wie das gelingen kann, haben vier Wissenschaftler vom Lehrstuhl für Wirtschaftsinformatik, insbesondere Informationssysteme in Dienstleistungsbereichen, an der Universität Bamberg untersucht. In einer Fallstudie erforschten sie das Blockchain-Projekt „MediLedger“. Ihre Ergebnisse haben sie im Dezember 2019 in der wirtschaftsinformatischen Fachzeitschrift „MIS Quarterly Executive“ veröffentlicht. Hauptautor Jens Mattke fasst den Inhalt zusammen: „Anhand des ‚MediLedger‘-Projekts zeigen wir, welche Herausforderungen mit der neuen Blockchain-Technologie einhergehen. Und wir geben den Unternehmen, die diese Technologie selbst einführen möchten, Handlungsempfehlungen.“
Anzeige:
Fachinformation
Eine Blockchain ist eine Datenbank, die auf vielen Rechnern verteilt ist und digitale Transaktionen dokumentiert. Ursprünglich wurde die Idee der Blockchain für die Kryptowährung Bitcoin entwickelt. Alle Zahlungen mit Bitcoin werden über diese öffentliche, dezentrale Datenbank ausgeführt, ohne dass eine zentrale Instanz, wie eine Bank, die Kontrolle hat. „Unternehmen aus fast allen Branchen experimentieren mit Blockchain-Projekten“, schildert Dr. Christian Maier, Mitautor der Studie. „Allerdings schöpfen nur wenige Unternehmen die Vorteile dieser Technologie komplett aus.“ Ein Beispiel für ein erfolgreich angelaufenes Projekt sei „MediLedger“, entwickelt im Jahr 2017 von dem Technologieunternehmen Chronicled. Ziel von „MediLedger“ ist eine transparente und einheitliche Blockchain-Plattform, die alle Einheiten – jedes Arzneimittel, jeden Impfstoff – und ihre Transportwege anonymisiert vermerkt. Dadurch kann jeder abgleichen, ob ein Arzneimittel von verifizierten Unternehmen kommt, sodass Fälschungen eingedämmt werden.

Wirtschaftsinformatiker geben Unternehmen Empfehlungen

Die Bamberger Forscher haben das „MediLedger“-Projekt mit einer Fallstudie wissenschaftlich begleitet. Zwischen 2017 und 2019 interviewten sie Mitglieder des „MediLedger“-Projekts, verschiedene Pharmaunternehmen und Blockchain-Experten. Durch diese Studie können sie Unternehmen, die selbst ein Blockchain-Projekt planen, Empfehlungen geben, worauf sie bei der Einführung achten sollten. Eine Empfehlung betrifft die Projektorganisation: „Bisher ist es üblich, dass alle Blockchain-Teilnehmer zusammen die Plattform verwalten“, erklärt Mitautor Axel Hund. „Aus organisatorischen und rechtlichen Gründen ist es aber – je nach Anwendungsszenario – sinnvoller, dass die Teilnehmer eine zentrale Anlaufstelle bestimmen.“ In ihrer Veröffentlichung nennen die Wissenschaftler diese Person einen „wohlwollenden Diktator“, der die laufenden Geschäftsaktivitäten in Übereinstimmung mit allen Beteiligten ausführt.

Eine weitere Erkenntnis der Wirtschaftsinformatiker: Blockchain-Anwendungen können angepasst werden, sodass Konkurrenten, die normalerweise kein gemeinsames IT-System verwenden würden, zusammen Daten in einer Blockchain abspeichern. „Im Moment befürchten viele Firmen, dass Konkurrenten in einem gemeinsamen System Rückschlüsse auf ihre Geschäftsaktivitäten ziehen können“, so Jens Mattke. Das führe zu einer Vielzahl an IT-Systemen mit uneinheitlichen Daten, die es ermöglichen, dass gefälschte Medikamente in Umlauf geraten. Um das Eindringen von gefälschten Medikamenten zu verhindern, sei es jedoch notwendig, dass alle Konkurrenten ihre Daten in einem gemeinsamen IT-System abspeichern. Das „MediLedger“-Projekt hat einen Algorithmus entwickelt, der dafür sorgt, dass nur Transaktionen zwischen verifizierten Unternehmen genehmigt werden, aber Blockchain-Teilnehmer nicht einsehen können, welche Unternehmen beteiligt waren. „Beispielsweise kann ein Großhändler überprüfen, ob das von ihm gekaufte Arzneimittel seit der Herstellung nur von verifizierten Unternehmen gehandelt wurde, ohne herauszufinden, welche Zwischenhändler beteiligt waren“, erläutert Jens Mattke.

Die Studienergebnisse sind laut Christian Maier nicht nur für die Pharmabranche hilfreich: „Unsere Empfehlungen können auch auf andere Branchen übertragen werden, zum Beispiel auf die Finanz- oder Automobilbranche.“

Weitere Informationen unter: www.uni-bamberg.de/isdl/forschung/blockchain-technologie-und-kryptowaehrung

Quelle: Otto-Friedrich-Universität Bamberg

Literatur:

Jens Mattke, Christian Maier, Axel Hund und Tim Weitzel. 2019. How an Enterprise Blockchain Application in the U.S. Pharmaceuticals Supply Chain is Saving Lives. MIS Quarterly Executive, dx.doi.org/10.17705/2msqe.00019


Das könnte Sie auch interessieren

Diabetes geht auch auf die Knochen: Osteoporose vorbeugen, Brüche vermeiden

Diabetes geht auch auf die Knochen: Osteoporose vorbeugen, Brüche vermeiden
© lev dolgachov / Fotolia.com

Die Osteoporose ist in Deutschland weit verbreitet: Etwa 6,3 Millionen sind davon betroffen. Die Techniker Krankenkasse fand im Jahr 2009 bei nahezu einem Viertel der über 50-jährigen Frauen in Deutschland einen Osteoporose-bedingten Knochenbruch oder knochenstabilisierende Medikamente. Auch Menschen mit Diabetes Typ 1 und Typ 2 haben ein erhöhtes Osteoporoserisiko und dadurch auch für Knochenbrüche. Diese können Folgeerkrankungen wie Immobilität, Lungenentzündungen oder Langzeitbehinderung nach sich ziehen. Folgeerkrankungen sind mit erheblichen...

Rauchen ist Hauptursache für chronische Lungenkrankheit, die nicht heilbar ist

Rauchen ist Hauptursache für chronische Lungenkrankheit, die nicht heilbar ist
© Eric Limon / Fotolia.com

COPD – diese vier Buchstaben stehen für eine chronische Lungenkrankheit (chronic obstructive pulmonary disease). Sie stehen gleichzeitig auch für die weltweite Nummer Drei unter den Todesursachen. Bei 90 Prozent aller Fälle hierzulande ist die Hauptursache ziemlich klar bestimmt: das Rauchen. Zum Welt-COPD-Tag am 15. November weist Prof. Hubert Wirtz, Leiter der Abteilung für Pneumologie am UKL, auf unangenehme Wahrheiten rund um diese Krankheit hin: "COPD verkürzt die Lebenserwartung. Es ist nicht heilbar."

Oft unerkannt: Frauenkrankheit Lipödem

Oft unerkannt: Frauenkrankheit Lipödem
© vanillya / fotolia.com

Etwa jede zehnte Frau in Deutschland leidet unter einem Lipödem, auch als Reiterhosenphänomen bekannt. Hierbei treten symmetrische schwammige Schwellungen an den Beinen und in 30 Prozent der Krankheitsfälle auch an den Armen auf. Die Ursache: eine Fettverteilungsstörung, die mit Wassereinlagerungen einhergeht. Lipödempatienten stehen aus mehreren Gründen unter einem sehr hohen Leidensdruck. Sie haben nicht nur sehr starke Berührungs- und Druckschmerzen, sondern auch Spannungsgefühle, sodass bereits einfache Tätigkeiten wie Haare föhnen oder...

Opioid-Abhängigkeit: Notstand in USA ausgerufen

Opioid-Abhängigkeit: Notstand in USA ausgerufen
© Eisenhans / Fotolia.com

Nachdem der amerikanische Präsident Donald Trump aufgrund der massiven Zunahme an Drogentoten den nationalen Notstand bezüglich Opioiden erklärt hat, gibt die Deutsche Gesellschaft für Schmerzmedizin e.V. (DGS) Entwarnung: In Deutschland sei aktuell kein Gesundheitsnotstand aufgrund von Opioid-Abhängigkeit zu befürchten. Die gesetzlichen Regelungen sowie die vorhandenen Leitlinien zum Einsatz von Opioiden verhinderten in den meisten Fällen die Entwicklung einer Abhängigkeit.

Sie können folgenden Inhalt einem Kollegen empfehlen:

"Gefälschte Medikamente und deren tödliche Folgen eindämmen"

Bitte tragen Sie auch die Absenderdaten vollständig ein, damit Sie der Empfänger erkennen kann.

Die mit (*) gekennzeichneten Angaben müssen eingetragen werden!

Die Verwendung Ihrer Daten für den Newsletter können Sie jederzeit mit Wirkung für die Zukunft gegenüber der rsmedia GmbH widersprechen ohne dass Kosten entstehen. Nutzen Sie hierfür etwaige Abmeldelinks im Newsletter oder schreiben Sie eine E-Mail an: info[at]rsmedia-verlag.de.


EILMELDUNGEN zu SARS-CoV-2 und COVID-19
  • Trump bricht US-Beziehung zur WHO ab – Weil er die WHO neben China als verantwortlich für die SARS-CoV-2-Pandemie erachtet, hat der US-Präsident den Austritt der USA aus der WHO beschlossen (dpa, 30.05.2020).
  • Trump bricht US-Beziehung zur WHO ab – Weil er die WHO neben China als verantwortlich für die SARS-CoV-2-Pandemie erachtet, hat der US-Präsident den Austritt der USA aus der WHO beschlossen (dpa, 30.05.2020).

Cookies

Diese Webseite benutzt Cookies, um den Nutzern das beste Webseiten-Erlebnis zu ermöglichen. Ausserdem werden teilweise auch Cookies von Diensten Dritter gesetzt. Weitere Informationen erhalten Sie in den Allgemeine Geschäftsbedingungen und in den Datenschutzrichtlinien.

Verstanden