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Gesundheitspolitik

23. Dezember 2019
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Wir sind die Generation Sandwich, na und?

Die meisten Pflegebedürftigen werden zu Hause versorgt – vor allem von Frauen, aber auch von Männern. Wenn die Helfer zusätzlich Kinder im Haus haben, spricht man von der Sandwich-Generation. Doch fühlen sich die Menschen wirklich so eingeengt, wie es das Bild nahelegt?
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Der Wochenplan von Jule Walter ist vollgepackt mit Terminen – so vielen, dass sie kürzlich einen schulfreien Brückentag übersah. Also schickte sie ihren Sohn in den Unterricht. Das Leben der 36-Jährigen aus Ortenberg in Baden ist eng getaktet: Sie arbeitet 15 Stunden wöchentlich als Sozialversicherungskauffrau bei einer Krankenkasse. Sie kümmert sich um ihre drei und sieben Jahre alten Jungs. Sie kümmert sich um den Haushalt. Und lange auch um die kranken Großeltern ihres Mannes im selben Haus. Der "Schwiegeropa" ist unlängst verstorben.

"Ich bin von den alten und den jungen Menschen meiner Familie gleichermaßen gefordert und versuche, alles unter einen Hut zu bringen", sagt Jule Walter.

Damit ist sie eine typische Vertreterin der sogenannten Generation Sandwich, die von Kindern einerseits und zunehmend kränkeren Eltern oder Großeltern andererseits in Anspruch genommen wird. Das Phänomen fand Anfang der 1990er Jahre Eingang in den deutschen Sprachschatz. Demnach bezeichnet es die mittlere Generation, die Verpflichtungen gegenüber der jüngeren und der älteren Generation hat – also wie eine Scheibe Schinken zwischen zwei Brotscheiben eingeklemmt ist.

Zeit ist extrem knapp

Zeit – das ist für die zweifache Mutter Jule Walter etwas Rares. Sie gehört zu der großen Gruppe der Menschen, die Angehörige in den eigenen vier Wänden betreuen. In Deutschland leben nach offiziellen Zahlen rund 3,4 Millionen Pflegebedürftige. Von denen werden gut drei Viertel zu Hause versorgt, zumeist allein durch Angehörige. 74% der Pflegenden sind Frauen.

Nach den Ergebnissen einer Befragung des Instituts für Demoskopie Allensbach von 2015 unterstützen fast alle Frauen mittleren Alters ihre Eltern beziehungsweise Schwiegereltern in irgendeiner Form. Und etwa jede Fünfte dieser Frauen hat demnach auch schon die Pflege eines Eltern- oder Schwiegerelternteils übernommen, sei es vorübergehend oder auf Dauer. Tendenz steigend, urteilt Silke Niewohner, Beraterin für Work-Life-Balance aus Recklinghausen. "Das Phänomen nimmt zu."

Das habe mehrere Gründe: Frauen gebären in höherem Alter. So sind die Kinder noch recht klein, wenn deren Großeltern womöglich der Fürsorge bedürfen. Der Trend werde dadurch verstärkt, dass Kinder später flügge werden als vor 20 Jahren: Auch weil Wohnungen vielerorts knapp und teuer sind, bleibe der Nachwuchs länger im Jugendzimmer.

Nesthocker sind vor allem junge Männer. Das belegt der Mikrozensus des Statistischen Bundesamtes 2017: Mit Erreichen der Volljährigkeit leben noch fast alle jungen Männer als ledige Söhne im Elternhaus. Mit 23 Jahren sind es noch 50%.

Auch der Sohn des 51-jährigen Felix H., der seinen richtigen Namen nicht in den Medien lesen möchte, wohnt zu Hause. Der Vater kann mit dem Bild von der Generation Sandwich viel anfangen. Er kümmert sich um seine krebskranke Mutter und fühlt sich auch für den 19-jährigen Sohn verantwortlich.

Zwei Bedürftige: Mutter, 75, und Sohn, 19

Für seine in einer 30 Kilometer entfernten Gemeinde lebende Mutter erledigt er Einkäufe und Behördenkorrespondenz. Er begleitet die 75-Jährige zu Ärzten und besucht sie, wenn sie ins Krankenhaus muss. Der Zeitaufwand ist für den Selbstständigen aus der Region Stuttgart misslich. "In der Zeit müsste ich eigentlich arbeiten."

Auf der anderen Seite beobachtet Felix H., dass sein Sohn null Bock auf Hilfe im Haushalt hat: "Zu jedem kleinsten Dienst, etwa Mineralwasserkisten holen oder Terrasse kehren, muss man ihn auffordern – meist mehrmals." Von selber komme der 19-Jährige nicht darauf, ihm und seiner voll berufstätigen Frau unter die Arme zu greifen.

Die Konstellation hat für Felix H. gravierende Folgen. "Meine persönliche Freiheit wird eingeschränkt. Die Beine hochlegen kann ich nur selten." Freie Zeit für sich und seine Frau ist Luxus. Ausnahme: Morgendliche gemeinsame Spaziergänge sind den beiden heilig. Auch gelegentliche Verabredungen zum Essen oder Kino helfen dem Paar, die Partnerschaft nicht zu sehr unter der Last der Pflichten zu vernachlässigen.

Jeder darf Auszeiten nehmen

Damit tun sie genau das Richtige, meint Albrecht Wehner vom Gesundheitsmanagement der Techniker Krankenkasse, kurz TK. Er sagt: "Menschen, die unter einer Doppelbelastung leiden, müssen ganz besonders darauf achten, ihre Ressourcen zu stärken." Dazu gehöre, sich bewusst Auszeiten von jeglicher Betreuung zu nehmen.

Auch Jule Walter etwa hält an ihrem Hobby Handball fest. Dabei verbrachte sie bis zum Tod des Großvaters ihres Mannes jeden Tag mindestens eine halbe Stunde bei den pflegebedürftigen Großeltern. Die Sorge für die ältere Generation hinterlässt Spuren. "Da bleibt vieles auf der Strecke, nicht nur die Kinder, sondern auch bei Ehe und Partnerschaft", sagt die Frau mit schulterlangen Haaren und Brille. "Das ist auch für einen Mann nicht so einfach, wenn die Frau immer nur wegrennt und nach allen anderen guckt." Ihrem ein Jahr älteren Mann Thomas fehlt die Spontanität früherer Jahre, die Kurztrips auch ohne Absprache mit anderen Helfern erlaubte.
 
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