Mittwoch, 15. Juli 2020
Navigation öffnen
Anzeige:

Gesundheitspolitik

18. Februar 2016 Servicerobotik: Deutschland verpasst Zukunftsmarkt

In ihrem jüngsten Jahresgutachten, das am 17. Februar der Bundeskanzlerin in Berlin übergeben wurde, geht die Expertenkommission Forschung und Innovation (EFI) auch auf gravierende Veränderungen in dem Innovationsfeld "Robotik" ein. "Nach rund 50 Jahren Einsatz von Robotern in der industriellen Fertigung und dort vorrangig in der Automobilproduktion stehen wir vor ihrem Sprung in weitere Bereiche der Gesellschaft", so Prof. Ingrid Ott vom Karlsruher Institut für Technologie und Mitglied der Kommission.

Anzeige:

"In der jüngsten Vergangenheit hat es bedeutende technische Fortschritte in der Robotik gegeben. Dadurch werden Industrieroboter nicht nur immer kleiner, leichter, billiger und flexibler im Einsatz, sondern sie verlassen auch zunehmend die Sicherheitsräume in der Massenproduktion und arbeiten direkt mit Menschen zusammen."

In Deutschland werde das Potenzial moderner Roboter jedoch bislang nicht hinreichend ausgeschöpft: Deutschland sei zwar im internationalen Vergleich beim Robotereinsatz in der industriellen Fertigung - insbesondere im Fahrzeugbau - derzeit gut aufgestellt. "Außerhalb des verarbeitenden Gewerbes ist die Zahl der genutzten Roboter heute jedoch noch ausgesprochen gering", so Ingrid Ott. "Diese Fokussierung auf die Industrie verstellt jedoch die Sicht auf aktuelle Robotik-Entwicklungen und damit die Potenziale verbundener Technologien für deren Einsatz im Servicebereich." Der verengte Blick auf das produzierende Gewerbe sei auch deshalb gefährlich, weil mittlerweile die Dienstleistungsbranche in Deutschland fast 74% aller Erwerbstätigen beschäftige: "Und hier steht die Automatisierung erst an ihrem Anfang."

Sogenannte Serviceroboter, die beispielsweise in der klinischen Pflege assistieren, als logistische Systeme Transportaufträge abwickeln oder in Geschäftsräumen und Privathaushalten Reinigungsarbeiten verrichten, "werden mit ihren neuen Einsatzgebieten in Deutschland von der Politik bisher wenig wahrgenommen. Und das, obwohl sie schon in wenigen Jahren ein höheres weltweites Marktvolumen erreichen werden als die klassische Industrierobotik. Gleich mehrere global agierende Unternehmen schicken sich mit massiven Forschungsanstrengungen an, robotische Assistenzsysteme in allen Lebensbereichen zu verankern." Prof. Ott verwies darauf, dass beispielsweise Google zwischen Dezember 2013 und April 2014 innerhalb kürzester Zeit acht Robotik-Firmen aufgekauft habe, "obwohl keines der Unternehmen zuvor in nennenswerter Zahl Systeme verkauft hatte." Google sehe in modernen Roboter-Assistenten "nicht nur die Hilfe für die Menschen, sondern zugleich auch die "Datensammler der Zukunft"!"

Nach neuesten Zahlen wurden 2014 noch zehnmal mehr Industrieroboter verkauft als gewerbliche Serviceroboter (etwa 230.000 zu 24.000 Einheiten), man dürfe jedoch die Dynamik dieses neuen Marktes auf keinen Fall unterschätzen: "Marktprognosen besagen, dass die Servicerobotik die Industrierobotik hinsichtlich des weltweiten Marktvolumens bereits um das Jahr 2020-2025 einholen wird."

Bedenklich ist für die Expertenkommission, dass die Förderung der Robotik in Deutschland noch ausgesprochen fragmentiert, mit geringen Mitteln und mit Fokus auf industrielle Anwendungen erfolgt. Deutschland drohe damit nicht nur den Anschluss an die führenden Robotik-Nationen, insbesondere die USA, zu verlieren. Im Bereich der Grundlagenforschung haben sowohl Südkorea als auch China Deutschland bereits überholt. In der Anwendungsforschung holen beide Länder rapide auf - und zwar nicht nur in der Industrierobotik, sondern insbesondere auch in der Servicerobotik. Prof. Ott untermauert den Aufholprozess am Beispiel des Einsatzes von Industrierobotern in China: "2011 hatte China einen Bestand von nicht mehr als etwa 45.000 Einheiten, während Deutschland einen Bestand von knapp 143.000 hatte. In nur drei Jahren hat China mit einem dramatischen Wachstum (plus 218%) nahezu an den Bestand Deutschlands aufgeschlossen." Die Expertenkommission unter dem Vorsitz von Prof. Dietmar Harhoff vom Max-Planck-Institut für Innovation und Wettbewerb mahnte daher nachdrücklich an, "die Förderung der Robotik grundlegend zu überdenken und Kräfte zu bündeln".

Gleichzeitig seien Bedenken der Bevölkerung auszuräumen, dass durch zunehmenden Robotik-Einsatz Beschäftigungschancen oder Löhne gesenkt werden. Prof. Uschi Backes-Gellner von der Universität Zürich und Mitglied der Expertenkommission führte dazu aus: "Wie die Vergangenheit zeigt, hat technologischer Fortschritt insgesamt immer mehr Arbeitsplätze und Wohlstand geschaffen." Technischer Fortschritt bedeute, dass sich Berufe ändern, aber nicht notwendigerweise ganz verschwinden. In vielen Berufen steige sogar die Produktivität der Arbeitnehmer durch technologischen Fortschritt. "Deutschlands Arbeitsmärkte waren insbesondere dank des dualen Berufsbildungssystems mit seiner regelmäßigen Aktualisierung der Lehrpläne besser als jene im angelsächsischen Sprachraum in der Lage, erforderliche Anpassungsprozesse zu meistern", erklärt Prof. Backes-Gellner abschließend. "Damit dies weiter gelingt, sind allerdings auch weiterhin kontinuierliche Aktualisierungen in der Berufsbildung erforderlich. Gleichzeitig sind in Zukunft systematisch mehr Weiterbildungsanstrengungen notwendig, um flexibel auf sich wandelnde Tätigkeitsprofile reagieren zu können."

Quelle: Expertenkommission Forschung und Innovation


Anzeige:

Stichwörter

Das könnte Sie auch interessieren

Arzneimittelbehörden rufen weltweit zur verstärkten Meldung von Nebenwirkungen auf

Arzneimittelbehörden rufen weltweit zur verstärkten Meldung von Nebenwirkungen auf
© nmann77 / fotolia.com

In einer gemeinsamen Kampagne fordern derzeit Arzneimittelbehörden weltweit Patientinnen und Patienten dazu auf, ihnen verstärkt Verdachtsfälle von Nebenwirkungen zu melden. Ein besonderer Fokus liegt in diesem Jahr auf dem Appell, Verdachtsfälle von Nebenwirkungen bei Kindern zu melden. Weitere Zielgruppen sind Schwangere sowie stillende Frauen, die eine sichere Anwendung von Arzneimitteln sowie die Meldung möglicher Nebenwirkungen sensibilisiert werden sollen. In Deutschland werden diese Meldungen durch das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte...

Wenn das Herz stockt: Herzinfarkt erkennen und behandeln

Wenn das Herz stockt: Herzinfarkt erkennen und behandeln
© psdesign1 - stock.adobe.com

Nach wie vor stellen Erkrankungen des Herz-Kreislauf-Systems in Deutschland die häufigste Todesursache dar. Dennoch lässt sich in den vergangenen Jahren ein deutlicher Mortalitätsrückgang verzeichnen. Laut Deutschem Zentrum für Herz-Kreislauf-Forschung e. V. ist die Zahl der Todesfälle rückläufig und hat sich seit dem Jahr 1980 sogar halbiert. „Aufgrund der guten Notfallversorgung können wir viele Patienten schnell und zielgerichtet behandeln“, erklärt Priv.-Doz. Dr. Wolfgang Fehske, Chefarzt der Kardiologie und Inneren Medizin...

Oft unerkannt: Frauenkrankheit Lipödem

Oft unerkannt: Frauenkrankheit Lipödem
© vanillya / fotolia.com

Etwa jede zehnte Frau in Deutschland leidet unter einem Lipödem, auch als Reiterhosenphänomen bekannt. Hierbei treten symmetrische schwammige Schwellungen an den Beinen und in 30 Prozent der Krankheitsfälle auch an den Armen auf. Die Ursache: eine Fettverteilungsstörung, die mit Wassereinlagerungen einhergeht. Lipödempatienten stehen aus mehreren Gründen unter einem sehr hohen Leidensdruck. Sie haben nicht nur sehr starke Berührungs- und Druckschmerzen, sondern auch Spannungsgefühle, sodass bereits einfache Tätigkeiten wie Haare föhnen oder...

Lückenschluss zwischen ambulanter und stationärer Versorgung

Lückenschluss zwischen ambulanter und stationärer Versorgung
© upixa - stock.adobe.com

Das Universitätsklinikum Leipzig (UKL) erweitert sein Angebot für Patienten mit chronischen Schmerzen durch die Eröffnung einer neuen Schmerztagesklinik. Die Patienten kommen jeden Morgen zur Behandlung und erhalten nach einem individuellen Behandlungsplan ihre Therapien. In Seminaren erfahren sie Wissenswertes über krankheits- und schmerzbezogene Themen. Am Nachmittag gehen die Patienten dann wieder nach Hause. Sie bleiben somit in ihrem häuslichen Umfeld integriert – mit allen Aufgaben und Belastungen – und können beispielsweise ihre...

Sie können folgenden Inhalt einem Kollegen empfehlen:

"Servicerobotik: Deutschland verpasst Zukunftsmarkt"

Bitte tragen Sie auch die Absenderdaten vollständig ein, damit Sie der Empfänger erkennen kann.

Die mit (*) gekennzeichneten Angaben müssen eingetragen werden!

Die Verwendung Ihrer Daten für den Newsletter können Sie jederzeit mit Wirkung für die Zukunft gegenüber der rsmedia GmbH widersprechen ohne dass Kosten entstehen. Nutzen Sie hierfür etwaige Abmeldelinks im Newsletter oder schreiben Sie eine E-Mail an: info[at]rsmedia-verlag.de.


EILMELDUNGEN zu SARS-CoV-2 und COVID-19
  • England führt Maskenpflicht im Handel ein – Maßnahme gilt ab 24. Juli 2020 (dpa, 14.07.2020).
  • England führt Maskenpflicht im Handel ein – Maßnahme gilt ab 24. Juli 2020 (dpa, 14.07.2020).

Cookies

Diese Webseite benutzt Cookies, um den Nutzern das beste Webseiten-Erlebnis zu ermöglichen. Ausserdem werden teilweise auch Cookies von Diensten Dritter gesetzt. Weitere Informationen erhalten Sie in den Allgemeine Geschäftsbedingungen und in den Datenschutzrichtlinien.

Verstanden