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Gesundheitspolitik

01. Dezember 2016 Studie: Ländliche Gebiete bei Facharztversorgung abgehängt

Mehr als zwei Drittel der Deutschen benötigten innerhalb des letzten Jahres eine fachärztliche Behandlung. Bei der Versorgung mit Facharztpraxen besteht aber weiterhin eine deutliche Kluft zwischen ländlichen Gegenden und urbanen Zentren: Während Patienten in Städten ab einer halben Million Einwohnern weniger als 20 Minuten zu ihrem letzten Facharztbesuch unterwegs waren, benötigten Bewohner von Dörfern mit weniger als 5.000 Einwohnern fast eine halbe Stunde, um die Fachpraxis zu erreichen. Mehr als ein Viertel der Deutschen befürchtet zudem, dass sich die ärztliche Versorgung an ihrem Wohnort in Zukunft verschlechtern wird. Dies sind Ergebnisse der aktuellen Studie "Gesundheitsversorgung 2016" der pronova BKK. Grundlage ist eine deutschlandweite, repräsentative Befragung von insgesamt 1.639 Bundesbürgern ab 18 Jahren.
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Für die Bewohner ländlicher Gegenden dauert die Anreise zu Fachpraxen, wie zum Beispiel für Kardiologie, Orthopädie oder Psychiatrie, Frauen-, Kinder- oder Augenheilkunde, nicht nur länger - sie ist auch komplizierter. "In Ballungszentren sind die Praxen für die Patienten oft zu Fuß oder mit öffentlichen Verkehrsmitteln leicht zu erreichen. In ländlichen Gegenden sind die weiten Strecken hingegen häufig nur mit einem PKW zu bewältigen. Gerade im Fall einer Erkrankung stellt das Autofahren dann aber ein kaum zu vertretendes Risiko dar", sagt Lutz Kaiser, Vorstand der pronova BKK.

Erreichbarkeit der Arztpraxen: Zufriedenheit in den Städten, Frust auf dem Land

Die unterschiedliche Versorgungsdichte zwischen Stadt und Land drückt sich auch in der Zufriedenheit der dort Wohnenden aus: Rund die Hälfte aller Menschen in Städten mit mehr als 50.000 Einwohnern sind mit der Nähe zu Arztpraxen an ihrem Wohnort sehr zufrieden. In Gemeinden mit weniger als 5.000 Einwohnern gilt dies hingegen nicht mal für jeden Dritten. Und die Deutschen rechnen damit, dass sich dieser Trend weiter verstärken wird: Wer die Ärzteversorgung an seinem Wohnort heute schon als sehr oder eher gut ansieht, erwartet auch für die Zukunft überwiegend eine gute Entwicklung. Fast alle, die sich heute mit Praxen schlecht versorgt sehen, erwarten hingegen für die Zukunft eine negative Entwicklung.

Pronova BKK-Vorstand Kaiser teilt diese Ansicht: "Wenn der Gesetzgeber und die Kassenärztlichen Vereinigungen nicht massiv gegensteuern, wird sich der Ärztemangel auf dem Land noch erheblich verschärfen. Zudem müssen die Kommunen selbst mehr attraktive Angebote vor Ort schaffen, um Ärzte von dem Standort zu überzeugen. Das ist der richtige Weg."

Ein weiterer Nachteil in der ländlichen Versorgung ist, dass es für die Patienten schwieriger wird, im Bedarfsfall eine Zweitmeinung einzuholen. Dafür hatten schon 44% der Deutschen Anlass, überwiegend, weil sie hinsichtlich einer Behandlungsempfehlung unsicher waren.

Ärztemangel verschlimmert Landflucht

Die unterschiedliche Dichte der Facharztpraxen wirkt sich zusätzlich negativ durch eine Verstärkung der Landflucht aus. Denn die Nähe zu Arztpraxen spielt für rund ein Viertel der Deutschen eine große Rolle bei der Wahl ihres Wohnortes. Fast jeder Fünfte zieht sogar in Betracht, für eine bessere medizinische Versorgung umzuziehen. Dieser Umzugswille ist bei jungen Leuten viel stärker ausgeprägt als bei älteren Menschen: 39% der Deutschen zwischen 18 und 29 Jahren erwägen, für eine bessere medizinische Versorgung den Wohnort zu wechseln. Ab 60 Jahren gilt dies hingegen nur für jeden Zehnten. Doch mit steigendem Alter nimmt in der Regel auch der Bedarf an medizinischen Behandlungen zu. Dies kann dazu führen, dass in näherer Zukunft der Bedarf an fachärztlichen Behandlungen gerade dort besonders hoch sein wird, wo die Versorgung besonders schlecht ist.

Kreative Lösungswege

Eine Möglichkeit, den Problemen des ländlichen Fachärztemangels zu begegnen, ist der Einsatz moderner Kommunikationstechnologien, um die Notwendigkeit persönlicher Besuche in der Praxis zu Minimieren. Dazu gehören zum Beispiel Videoschaltungen oder die Nutzung von tragbaren Sensoren, die automatisch Daten in die Praxis übertragen. Solchen Methoden stehen die Deutschen aber eher skeptisch gegenüber. Weniger als die Hälfte würden sie in Betracht ziehen.

Deutlich besser kommen Lösungen an, bei denen der persönliche Kontakt bei der Behandlung erhalten bleibt. Den meisten Zuspruch findet mit 75% die Einrichtung mobiler Ärzte und Ärztinnen. Diese würden ihre Sprechstunden nicht nur in einer einzelnen, festen Praxis anbieten, sondern zu regelmäßigen, planbaren Terminen auch in ausgewählten regionalen Zentren, die für mehr Leute besser erreichbar sind. 73% sprechen sich für die Einrichtung von Senioren-Residenzen mit angegliederten Arztpraxen aus. 62% der Deutschen befürworten die Bildung von Fahrgemeinschaften für den Besuch weiter entfernter Praxen.

Ländlichen Facharztmangel gemeinsam angehen

"Die Zahlen zeigen: Das Missverhältnis der Ärztedichte zwischen Stadt und Land steigt", so Lutz Kaiser. "Es braucht eine gemeinsame gesellschaftliche Anstrengung insbesondere von Politik und von den Kassenärztlichen Vereinigungen, die das Wohl der Patienten in den Mittelpunkt stellt. Weitere Kassenarztsitze in den Ballungsregionen zulasten der ländlichen Strukturen sind fehl am Platz."

Zur Studie

Die Studie "Gesundheitsversorgung 2016" untersucht, welche Rolle die medizinische Versorgung bei der Wohnortwahl spielt, wie oft die Deutschen zum Arzt gehen, welche Erfahrungen sie dort machen und wie die heutige und die zukünftige medizinische Versorgung eingeschätzt werden. Die Daten wurden in einer repräsentativen Online-Befragung von 1.639 Bundesbürgern ab 18 Jahren im Auftrag der pronova BKK im Juli und August 2016 erhoben.

Quelle: pronova BKK


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