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Gesundheitspolitik
04. Februar 2020

Digitalisierung: Risiken sind kalkuliert

Digitale-Versorgung-Gesetz, elektronisches Rezept, digitale Gesundheitsanwendung, elektronische Patientenakte – einiges wurde schon auf den Weg gebracht, um die Digitalisierung im Gesundheitswesen voranzutreiben. Was sind die nächsten Schritte und wo gibt es Hürden? Diese Fragen standen im Mittelpunkt einer Veranstaltung, in der Dr. Gottfried Ludewig (CDU), Abteilungsleiter Digitalisierung und Innovation des Gesundheitswesens im Bundesministerium für Gesundheit (BMG), Rede und Antwort stand.
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Ludewig referierte im Rahmen des Spreestadt-Forums, einer interdisziplinären Vortragsreihe der Technischen Universität Berlin. Zunächst wiederholte er die bekannten Positionen des BMG: Digitalisierung ist kein Selbstzweck und sie muss schnell umgesetzt werden. Klare Verantwortlichkeiten statt runder Tische, agile Prozesse sowie internationale Standards statt deutscher Sonderwege.

„Dramatisch“ war eins der – positiv konnotierten – Wörter, die Ludewig mit Blick auf die Zukunft am häufigsten verwendete. Er sprach von einem Kulturwandel, der kommuniziert und über die Legislaturperiode hinausgedacht werden müsse. Schon während seines Vortrags wurde klar, dass es sich um ein Heimspiel handelte: Der Saal war so voll, dass Zuhörer stehen mussten, und immer wieder gab es Zwischenapplaus. Auch in der Diskussion zeigte sich, dass es manchem mit der Digitalisierung nicht schnell genug geht.

Datennutzung, Datenschutz, Datenspende

Ein Schwerpunkt war das Thema Daten. Die Frage aus dem Publikum, ob dem Bundesdatenschutzbeauftragten klar sei, dass ein absolut gesetzter Datenschutz im Gesundheitswesen auch zu Schaden führen kann, war für Ludewig eine Steilvorlage. „In vielen Debatten ist Datenschutz eine Ausrede“, sagte er. Die Debatte werde dominiert von Skeptikern und Kritikern, zudem seien Fehlinformationen im Umlauf. Deshalb werde ein Code of Conduct für Gesundheitsdaten in Europa gebraucht. Dieser soll mit der deutschen EU-Ratspräsidentschaft ab Juli 2020 auf die Tagesordnung kommen. Weder das chinesische Datenmodell (mit dem Social-Scoring-System) noch das amerikanische seien ein Vorbild für Deutschland, betonte der Politiker. Das Geld dürfe nicht schon fließen, wenn Daten verkauft werden, sondern erst, wenn auf Basis der Daten neue Therapien evaluiert worden sind: „Die Monetarisierung findet erst statt, wenn es dadurch eine bessere Therapie gibt.“

Anknüpfend an Ludewigs Aussage, dass Deutschland in der Versorgungsforschung international einen der letzten Plätze belegt, wurde die Qualität der Abrechnungsdaten hinterfragt, die von der Gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) an das neue Forschungsdatenzentrum übermittelt werden sollen. Ludewig bestätigte, dass ein Bias möglich sei, wenn aus Abrechnungsgründen falsche Diagnosen gestellt würden. Um den Pool mit qualifizierten strukturierten Daten zu erweitern, werde zunächst das Thema Datenspende und im nächsten Schritt die Zusammenführung mit Registerdaten angegangen.

Sollten Mitglieder des solidarisch finanzierten Krankenversicherungssystems zur Datenspende verpflichtet oder mit Prämien dazu motiviert werden? Diesen Überlegungen erteilte Ludewig eine klare Absage. Entscheidend sei es, den Nutzen klar zu machen, so der Politiker. Schon heute gebe es Projekte, für die 70-80% der Patienten ihre Daten aus einer Genomsequenzierung der Pharmaindustrie zur Verfügung stellen, weil sie dazu beitragen möchten, eine Krankheit besser behandeln zu können. Ludewig wies auch darauf hin, dass nicht nur die Daten von kranken, sondern auch von gesunden Menschen wertvoll sind, um Zusammenhänge herzustellen. „Diese Daten haben andere Player wie Amazon oder Apple.“

Aus dem Publikum wurde mit Hinweis auf die Apple Heart Studie eingeworfen, dass die digitale Verarbeitung von Gesundheitsdaten auch zu Verschiebungen im Gesundheitssystem führen kann. Wenn die Diagnose einer Herzrythmusstörung viel früher gestellt und therapiert wird, würden „gesunde Kranke“ geschaffen. Derartige Entwicklungen könnten zur Überlastung des Gesundheitssystem führen.

Digitale Gesundheitsanwendungen (DiGA) im Praxistest

Die Frage, ob nicht fehlerhafte Anreize entstehen, wenn Gesetzliche Krankenkassen gleichzeitig unternehmerisch tätig werden, wurde von Ludewig verneint. Er stellte klar, dass Investitionen „limitiert und kontrolliert“ nur in Fonds möglich sind, aber nicht in einzelne Apps. Zudem verteidigte er den Ansatz, einen Nutzennachweis für DiGA zeitgleich zum realen Betrieb zu führen. Es handle sich um ein vertretbares Risiko, bei dem notwendige Anpassungen einkalkuliert seien. Er betonte, dass DiGA eine eigene, neue Produktkategorie darstellen, „kein Arzneimittel und auch kein klassisches Medizinprodukt“.

Elektronische Patientenakte (ePA): Start als PDF-Sammelordner

Auch die ePA soll während des laufenden Betriebs weiterentwickelt werden. Sie startet laut Ludewig 2021 „als PDF-Sammelordner“ und wird dann sukzessive mit stärker strukturierten Daten, wie z.B. dem Medikationsplan, erweitert.

Anne Krampe-Scheidler

Quelle: Spreestadt-Forum


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