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08. Oktober 2018 1. Nürnberger Wundkongress: Interview mit dem Tagungsleiter Prof. Dr. Reichert

Wundbehandlung ist nicht gleich Wundbehandlung. Unterschiedliche Rahmenbedingungen in der stationären und ambulanten Versorgung erschweren die Therapie. Aber auch eine bessere Kommunikation aller am Behandlungsprozess Beteiligten käme letztlich den Patienten zugute. „Beim Thema ‚Wunde‘ sehen wir viele Fortschritte“, sagt Tagungsleiter Prof. Dr. Bert Reichert. Aber auch schier unverwüstliche Hindernisse.
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Prof. Reichert, mit dem 1. Nürnberger Wundkongress soll eine neue Kongress-Tradition entstehen – warum?

Reichert: Ähnliche Veranstaltungen in unterschiedlichen Formaten hat es in den zurückliegenden Jahren im süddeutschen Raum bereits gegeben. Aktuell fehlen sie. Das Thema „Wunde“ ist jedoch viel zu wichtig, um die Situation so hinzunehmen. Wir begründen also eine Tradition, indem wir eine frühere wieder aufgreifen und fortentwickeln.

Was liegt Ihnen am Thema „Wunde“, dass Sie im ersten Jahr die Tagungsleitung übernehmen?

Reichert: Für mich, für uns Plastische Chirurgen insgesamt, ist das Thema „Wunde“ im beruflichen Alltag überall präsent und wichtig. Was nicht heißt, dass wir die Techniken und Behandlungsmöglichkeiten, die wir unseren Patienten anbieten können, als ausreichend erachten dürften! Vielmehr müssen wir verstehen, was benachbarte Disziplinen komplementär vorhalten – und was deren Fortschritt auch für unsere Arbeit bedeutet. Daher besteht ein stetes, großes Interesse daran, sich fortzubilden und sich auszutauschen. Was mir persönlich dabei besonders wichtig ist: dass wir nicht nur die medizinischen Fachbereiche, sondern auch die verschiedenen Berufsgruppen zusammenbringen, damit sie alle eine präzise Vorstellung davon entwickeln, was der jeweils andere ganz konkret mit dem Patienten macht. Das Thema „Wunde“ ist enorm vielfältig und geht so viele Disziplinen und Professionen etwas an. Dabei kann eine bessere Kommunikation untereinander nicht schaden.

Welche Strukturen gibt es dafür jenseits spezialisierter Zentren?

Reichert: Es gibt einige kleinere, vorbildliche regionale oder lokale Lösungen, wo engagierte Menschen das in die Hand nehmen. Aber es existiert darüber hinaus kein überregionales Forum. Ich meine, wenn wir das Problem benennen und erklären, werden viele einräumen, dass da Handlungsbedarf und Spielraum ist. Es wäre ein großer Erfolg, wenn wir mit dem Nürnberger Wundkongress einen Boden bereiten würden, auf dem sich so etwas entwickeln kann.

Angesichts der großen thematischen Vielfalt: Ist Ihnen eine Schwerpunktsetzung schwergefallen?

Reichert: Überhaupt nicht! Unsere Intention für den Nürnberger Wundkongress ist es, Jahr für Jahr Spezialisten ganz unterschiedlicher Fachbereiche in die Hauptverantwortung zu berufen. Sodass es für die Teilnehmer immer aufs Neue anders und spannend sein wird – zugleich aber eine Art Grundbedürfnis immer erfüllt ist. Die Themen, die ich mit meinem fachlichen Schwerpunkt einbringen kann, ergeben sich aus meiner alltäglichen Lebenswirklichkeit von selbst. Chronische Wunden, Dekubitus, Verbrennungsmedizin, innovative Behandlungsmöglichkeiten – es sind eben jene Wunden und Fragen, mit denen wir uns hier tagtäglich beschäftigen.

Das Motto für den 1. Nürnberger Wundkongress heißt „Gemeinsam unterwegs“. Wofür steht es?

Reichert: Wir alle befinden uns ständig auf einem Weg – allerdings ohne endgültig anzukommen. Wir entwickeln uns weiter und sind insoweit eigentlich immer unterwegs. Auch die „Alten Hasen“, zu denen ich mich mittlerweile auch zähle nach 34 Jahren Berufserfahrung, werden kaum jemals sagen: „Das haben wir jetzt mal endgültig verstanden.“ Im Gegenteil spüren wir immer das Bedürfnis, weiter nach Verbesserungen zu suchen. Wenn Menschen aber unabhängig voneinander einem Ziel nachfolgen und dabei unabhängig voneinander die gleichen Fehler wiederholen, werden unnötig Energien vergeudet. Viel besser ist es doch, voneinander zu lernen und zu wissen, was in anderen Gebieten der Medizin an neuen Erkenntnissen gewonnen wurde.

Mit Ihrer langen Berufserfahrung: Welche Entwicklung hat sich in der Wundbehandlung in den letzten Jahren vollzogen? Was hat sich getan, was hat sich nicht getan?

Reichert: Wir beobachten Fortschritte in den unterschiedlichsten Bereichen der Wundbehandlung. Auch in der Qualifikation der medizinischen Fachberufe, was sehr erfreulich ist. Es gibt Bemühungen um Leitlinien. Was hingegen unvermindert unseren Alltag erschwert ist die Tatsache, dass es völlig unterschiedliche Rahmenbedingungen gibt für die Behandlung von Menschen im stationären und im ambulanten Sektor. Das führt zum Beispiel dazu, dass eine Form von Wundbehandlung, die im Krankenhaus vorgenommen wurde, ambulant nicht fortgesetzt wird. Mit der Entlassung aus der Klinik fangen häufig die Probleme an: Wie kann der niedergelassene Arzt die hier eingeleitete moderne Wundbehandlung noch realisieren, wie lässt sich die gleiche Qualität noch erhalten? Dazu kommen Unterschiede zwischen gesetzlich oder privat versicherten Patienten und solchen, die unter den Folgen eines Arbeitsunfalls leiden, also zwischen den Kostenträgern. In dem Zusammenhang werden wir immer wieder daran erinnert, dass wir stets fragen müssen: Was ist notwendig, was ist zweckmäßig, was ist wirtschaftlich?

Heißt das, wirklich gute Versorgung scheitert an Kosten?

Reichert: Nein. Gesetzlich ist geregelt, dass was sein muss, auch sein soll. Aber eben nicht unbedingt, dass was sein kann, auch sein darf. Beispiel Unterdrucktherapie: Es gibt Institute, die prüfen, ob eine Behandlungsmethode so überzeugend ist, dass man sie den Patienten nicht verweigern kann und die Krankenversicherungen dazu verpflichtet werden, die Kosten dafür auch zu tragen. Diese Untersuchungen sind seit Jahrzehnten für die Unterdrucktherapie unbeantwortet, weil die Studienlage schwierig ist. Andererseits wissen wir im Krankenhaus einfach aus Erfahrung, wie gut diese Behandlung ist. Und wir würden sie uns auch für Patienten im ambulanten Bereich wünschen. Dort ist das aber nur nach Einzelfallprüfung in Ausnahmefällen möglich.

Das Nürnberger Wundzentrum war das erste zertifizierte Zentrum dieser Art in Deutschland. Was ist hier anders, besonders?

Reichert: Wichtigster Ausdruck dieses Zentrums am Klinikum Nürnberg ist das Wundboard, zu dem wir uns verpflichtet haben. Dort finden nach dem Vorbild der mittlerweile seit Jahren vielerorts etablierten interdisziplinären Tumorboards regelmäßig Konferenzen statt, bei denen Ärzte verschiedener Fachrichtungen Patientenfälle vorstellen und gemeinsam besprechen. Allerdings müssen wir dieses wertvolle Instrument noch mehr in den Alltag integrieren. Wir sind da am Anfang, aber auf dem richtigen Weg. Die Idee muss noch mehr in die Köpfe. Der Sinn muss für alle Beteiligten erkennbar sein: der Nutzen für den Patienten, der Nutzen für die beteiligten Kliniken.

Voraussetzung dafür ist auch das Eingeständnis: „Hier komme ich allein nicht weiter“ …

Reichert: Tatsächlich erlebe ich es so, dass die beteiligten Kliniken einen vorbildlich kollegialen Umgang pflegen. Es ist entscheidend wichtig, dass alle sagen: „Wir respektieren die Sachkunde der Dermatologen, der Gefäßchirurgen, der Unfallchirurgen, der Plastischen Chirurgen. Wir sind uns nicht zu schade, andere um ihren hilfreichen Beitrag zu bitten.“ Und das ist in meiner Erfahrung – ungewöhnlich. Gedanken wie die Befürchtung, das könnte mir auch als Zeichen von Schwäche oder Unsicherheit ausgelegt werden, sind uns hier ziemlich fremd.

Der größte Risikofaktor für chronische Wunden ist das Alter. 4 Millionen Menschen leiden heute unter solchen Wunden. Vor dem Hintergrund der demografischen Entwicklung darf man wohl davon ausgehen, dass die Zahl steigen wird?

Reichert: Risikofaktor Alter – völlig richtig. Wenn wir uns nicht vernünftig ernähren, nicht auf Bewegung und Gewicht achten und gleichzeitig trotzdem immer älter werden, dann entstehen Erkrankungen: Diabetes, Gicht, Durchblutungsstörungen. Bluthochdruck ist eine Zivilisationskrankheit, die zum Beispiel die Entstehung von Gefäßverkalkungen fördert und damit eben auch das berüchtigte offene Bein. Salopp gesagt: Man muss nur warten, irgendwann hat die Mehrzahl der Menschen auch Probleme mit Wunden. Konsequenterweise müsste man darauf hinweisen: Gesundheit und Jugend ist ein vorübergehender Zustand. Interessant ist doch, dass gerade diejenigen, die das alles heute noch gar nichts angeht, verstehen sollten, dass sie die Möglichkeit haben, darauf einzuwirken, indem sie ihr Leben vernünftig führen. Die Schwangere, die eine Thrombose hat, kann anschließend das Venenleiden durch eine geeignete Operation beseitigen lassen, sodass sie nicht über den Umweg der Krampfader viel später ein offenes Bein riskiert. Die Frage, wie wir die Menschen vor vermeidbaren Erkrankungen schützen können, lässt sich in diesem Rahmen nicht beantworten. Allerdings will ich nicht ausschließen, dass dies – eingedenk unserer Konzeption des Nürnberger Wundkongresses – in einigen Jahren ein wichtiges Thema sein könnte. Und dass es dann wieder Menschen mit ganz anderen Interessen und Expertisen nach Nürnberg zieht.
 
Anja Blankenburg

Quelle: Conventus


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