Mittwoch, 19. Dezember 2018
Navigation öffnen

Aktuelle Infos für Ärzte

07. November 2018 Fortschritte bei Autoimmunenzephalitis: Zuverlässige Diagnostik und wirksame Behandlung

Die Autoimmunenzephalitis ist ein Beispiel für den rasanten Fortschritt der neurologischen Forschung. „Binnen eines Jahrzehnts wurde das vermeintlich mysteriöse Leiden als antikörpervermittelte Hirnentzündung enträtselt, die wir heute zuverlässig diagnostizieren und wirksam behandeln können“, sagt Professor Christian G. Bien, Bielefeld. Der Experte für immunvermittelte Erkrankungen des ZNS präsentierte heute beim Kongress der Deutschen Gesellschaft für Neurologie (DGN) aktuelle Forschungsarbeiten zur Autoimmunenzephalitis. Christian Bien verwies auf die sehr hilfreichen 2016 publizierten internationalen klinischen Diagnosekriterien und warnte gleichzeitig davor, Antikörperbefunde überzuinterpretieren. „Für eine treffsichere Diagnose müssen Labor und Klinik immer zusammenpassen“, betont der Neurologe. Die DGN tagte bis 3. November im Rahmen der Neurowoche 2018 in der Messe Berlin.
Anzeige:
Autoimmunenzephalitiden betreffen jährlich etwa eine von 100.000 Personen. Sie werden durch Antikörper der Immunglobulin-Klasse G (IgG) verursacht. Sind sie im gesunden Organismus an der Abwehr von Infektionen beteiligt, richten sie sich bei der Autoimmunenzephalitis gegen hirneigene Zellen, die sie in ihrer Funktion stören oder sogar zerstören. „Als häufigste Auslöser einer Antikörper-vermittelten Gehirnentzündung wurden Immunglobuline gegen NMDA-Rezeptoren und das sogenannte Leucin-rich glioma inactivated protein 1 (LGI1) identifiziert“, berichtet Christian Bien. NMDA-Rezeptoren sind Empfangsstationen für erregende Reize auf Nervenzellen. LGI1 verbindet Nervenzellen und lässt sie erfolgreich funktionell zusammenwirken.

Symptomatik 

Die Limbische Enzephalitis mit LGI1-Antikörpern äußert sich mit Anfällen und Gedächtnisstörungen. Die Anti-NMDA-Rezeptor-Enzephalitis kann mit Anfällen, psychotischem Verhalten, Bewegungsstörungen und intensivpflichtigen Störungen des vegetativen Nervensystems in Erscheinung treten. Wie unklar die Klinik und wie schwierig die Diagnosefindung sein können, beschreibt der vor wenigen Wochen vom Streamingdienst Netflix veröffentlichte Spielfilm „Feuer im Kopf“. Die auf einem echten Fall basierende Geschichte beschreibt den Leidensweg einer von Anfällen, Amnesie und Psychose geplagten jungen Frau.

Internationale Standards zur Beurteilung von Laborbefunden

Der entscheidende diagnostische Schritt bei immunvermittelten Erkrankungen der grauen ZNS-Substanz ist laut Leitlinie der DGN die Autoantikörperdiagnostik. „Ein Schwerpunkt der gegenwärtigen wissenschaftlichen Diskussion betrifft die Spezifität, also die Treffsicherheit der Antikörperdiagnosen“, berichtet Bien. „Manche Antikörper sind nur diagnostisch relevant, wenn sie eine hinreichend hohe Konzentration im Blut aufweisen oder wenn sie im Nervenwasser und nicht nur im Blut nachgewiesen werden können.“ In der jüngeren Vergangenheit seien – möglicherweise in der Euphorie über die Behandlungserfolge – Laborbefunde überinterpretiert und Patienten mit anderen Erkrankungen ungemessenen, eingreifenden und für sie unwirksamen immunologischen Therapien unterzogen worden. „Fehldiagnosen und Übertherapien können Neurologen vermeiden, wenn sie kritisch prüfen, ob ein gefundener Antikörper zum Krankheitsbild des Patienten passt“, rät Bien. „Zur Diagnose von Autoimmunenzephalitiden wurden internationale Standards formuliert.“ Idealerweise sollten Antikörperbefunde vom Labor nicht nur berichtet, sondern auch hinsichtlich ihrer mutmaßlichen Relevanz im betreffenden Einzelfall bewertet werden, so der Neurologe weiter.

Immunsuppressives Behandlungsschema etabliert

Die Prognose der Autoimmunenzephalitis sei überwiegend gut, berichtet Bien. Für die Behandlung hat sich ein Schema aus Erstlinientherapien (Kortison, intravenöse Immunglobuline, auf Antikörper gerichtete „Blutwäschen“) und, wenn dies nicht ausreicht, Zweitlinientherapien (Rituximab, Cyclophosphamid) etabliert. „Ein solches sequenzielles Vorgehen stellt mehr als 70% der Betroffenen innerhalb von Wochen bis Monaten
weitgehend oder völlig wieder her“, so Bien.

Mögliche Folgeerkrankung einer Herpes-Enzephalitis

Bedeutende Fortschritte wurden auch bezüglich der Ursachenaufklärung von Autoimmunenzephalitiden erzielt. Autoimmunenzephalitiden entstehen nicht nur ohne erkennbare Ursache oder – wie seit Langem bekannt – als Folge einer fehlgeleiteten Immunantwort auf Keimblatttumore, sondern auch als autoimmune Folgeerkrankung nach einer überstandenen Enzephalitis durch Herpes-Viren. Zudem können moderne hochwirksame Krebstherapien mit Checkpoint-Inhibitoren, die die Immunantwort auf Tumoren enthemmen (für sie wurde soeben der Medizin-Nobelpreis vergeben), Autoimmunenzephalitiden nach sich ziehen. Anti-LGI1-Enzephalitiden wiederum treten bei genetisch prädisponierten Menschen gehäuft auf.

„Neurologische Erkrankungen werden zur entscheidenden gesundheitlichen Herausforderung unserer Gesellschaft. Sie zu verhüten und zu behandeln ist die große Aufgabe der Neurologie“, sagt Bien. Zwar stehe die Medizin in vielen Bereichen trotz jahrzehntelanger Forschung vor großen, noch immer ungelösten Rätseln. Die Autoimmunenzephalitis sei aus Sicht der Neurowissenschaft jedoch ein Glücksfall. „Erkrankungen, die in ihren Mechanismen verständlich und damit erfolgreich therapierbar sind, können Modellcharakter für die Aufklärung noch unverstandener Störungen haben“, so der Arzt und Forscher.

Quelle: Deutsche Gesellschaft für Neurologie

Literatur:

  • Armangue T, Spatola M, Vlagea A et al. (2018) Frequency, symptoms, risk factors, and outcomes of autoimmune encephalitis after herpes simplex encephalitis: a prospective observational study and retrospective analysis. Lancet Neurol 17:760-772.
  • Bien CG (2018) Overinterpretation and Overtreatment of Low-Titer Antibodies Against Contactin- Associated Protein-2. Front Immunol 9:703.
  • Dubey D, Pittock SJ, Kelly CR et al. (2018) Autoimmune encephalitis epidemiology and a comparison to infectious encephalitis. Ann Neurol 83:166-177.
  • Pressemitteilung der Deutschen Gesellschaft für Neurologie (DGN).
  • Graus F, Titulaer MJ, Balu R et al. (2016) A clinical approach to diagnosis of autoimmune encephalitis. Lancet Neurol 15:391-404.
  • Mueller SH, Farber A, Pruss H et al. (2018) Genetic predisposition in anti-LGI1 and anti-NMDA receptor encephalitis. Ann Neurol 83:863-869.
  • Shah S, Dunn-Pirio A, Luedke M et al. (2018) Nivolumab-Induced Autoimmune Encephalitis in Two Patients with Lung Adenocarcinoma. Case Rep Neurol Med 2018:2548528.


Das könnte Sie auch interessieren

Depression – verstecken ist kein Ausweg

Unter dem Titel „Depression – verstecken ist kein Ausweg“ macht das Freiburger Bündnis gegen Depression mit einer Kampagne auf sein Anliegen aufmerksam. Prof. Berger, Vorsitzender des Freiburger Bündnisses e.V. gegen Depression betont, dass depressive Störungen, obwohl sie zu den häufigsten Erkrankungen in Deutschland gehören, hinsichtlich ihrer Bedeutung noch immer stark unterschätzt werden. Dabei hat gerade erst eine weltweit durchgeführte Studie der WHO („Global burden of disease“) gezeigt: Depressionen sind eine der größten Volkskrankheiten.

Aktionsbündnis Patientensicherheit e.V. (APS) vergibt Deutschen Preis für Patientensicherheit 2018

In deutschen Krankenhäusern sterben jährlich etwa 15 000 Patienten an Infektionen. Damit diese weitestgehend vermieden und Patienten schnellstmöglich behandelt werden können, ist ein gutes Infektions-management notwendig. Das Kompetenzzentrum „Mikrobiologie und Hygiene" der St. Franziskus-Stiftung Münster verfolgt dazu seit 2014 ein umfassendes interdisziplinäres Gesamtkonzept für mehr Patientensicherheit. Der Fokus liegt dabei auf der Infektionsvermeidung, dem Infektionsmanagement und sowie dem Schutz vor Keimübertragung. Das Aktionsbündnis Patientensicherheit e.V. (APS) würdigte dieses und zwei weitere Projekte nun mit dem Deutschen Preis für Patientensicherheit 2018. Zudem wurde dieses Jahr erstmalig ein Sonderpreis vergeben. Die Preise wurden am 3. Mai 2018 in Berlin im Rahmen der 13. Jahrestagung des APS verliehen und sind mit insgesamt 19.500 Euro dotiert.

Patientenportal für klinische Studien macht medizinische Forschung für alle transparent und zugänglich

In Deutschland werden jedes Jahr über 500 klinische Forschungsstudien zu neuen Therapien und Medikamenten durchgeführt. Ein Großteil betrifft Volkskrankheiten wie Diabetes, Asthma, COPD, Arthrose oder Schuppenflechte und richtet sich an chronisch kranke Patienten. Leider weiß die Mehrheit dieser Patienten nichts über aktuelle Studien und die Möglichkeiten, die sich daraus für sie ergeben können. Hier setzt das Aufklärungsprinzip von Mondosano an und bietet einfach aufbereitete Informationen zu neuen Therapieformen und Forschungsprojekten. Bei Interesse vermittelt Mondosano den Patienten zusätzlich in eine für ihn geeignete Studie.

Sie können folgenden Inhalt einem Kollegen empfehlen:

"Fortschritte bei Autoimmunenzephalitis: Zuverlässige Diagnostik und wirksame Behandlung "

Bitte tragen Sie auch die Absenderdaten vollständig ein, damit Sie der Empfänger erkennen kann.

Die mit (*) gekennzeichneten Angaben müssen eingetragen werden!

Die Verwendung Ihrer Daten für den Newsletter können Sie jederzeit mit Wirkung für die Zukunft gegenüber der rsmedia GmbH widersprechen ohne dass Kosten entstehen. Nutzen Sie hierfür etwaige Abmeldelinks im Newsletter oder schreiben Sie eine E-Mail an: info[at]rsmedia-verlag.de.