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07. Juni 2016 Gesichtsverletzungen rückgängig machen: Zwei Kasuistiken

Auf der 66. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie (DGMKG) wurde eine große Bandbreite neuer Forschungsergebnisse und Verfahren präsentiert; zu den Highlights zählten auch eindrucksvolle Kasuistiken.

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Phlegmone und Sepsis nach Bagatellverletzung

Eine Patientin, die Prof. Dr. Dr. G. Gehrke, Hannover vorstellte, hatte einen extrem fatalen Krankheitsverlauf: sie war mit einer kleinen Schnittverletzung an der Stirn mit Anbruch der Schädelbasis in der Notaufnahme erschienen, fachgerecht versorgt und entlassen worden. Am Tag darauf wurde sie dort erneut vorstellig, diesmal klagte sie über Übelkeit, Erbrechen und Doppeltsehen, im Gesicht kam es zunehmend zu Schwellungen, der Allgemeinzustand verschlechterte sich weiter. Die Patientin wurde mit schwerster Phlegmone, einer durch beta-hämolysierende Streptokokken verursachten eitrigen Weichteilentzündung, und dem Vollbild einer Sepsis auf die Intensivstation verbracht. An Kopf und Gesicht wurden 10 Drainagen gelegt und die Wunden gespült, die Durchblutung der Augenlider war durch die starke Gesichtsschwellung nicht mehr gegeben, was den Verlust der Augen zur Folge gehabt hätte. Das rechte Oberlid wurde mit einer Anlage aus dem Stirnlappen versorgt, vom linken Lid die Nekrosen abgetragen und mit Kunsthaut ergänzt.

Abb. 1: Wundverschluss.

Abb. 1: Wundverschluss

 

Gleichzeitig kämpfte die Patientin um das Überleben: es mussten ein Luftröhrenschnitt, eine Lysebehandlung der Unterschenkelarterien im linken Bein sowie Dialyse durchgeführt werden. Dennoch mussten im Verlauf beide Unterschenkel und sämtliche Fingerendglieder amputiert werden. Die Defekte im Gesicht wurden über mehrere Jahre rekonstruiert, unter anderem wurde aus Vollhaut vom Oberarm ein neues rechtes Augenlid. "Das rechtzeitige Erkennen der Schocksymptomatik, die aus der Phlegmone resulierte, ermöglichte der Patientin das Überleben, die durchgeführten Eingriffe, zuletzt auch kosmetischer Natur, ermöglichen ihr heute, wieder am Leben zu partizipieren", so Gehrke.

 

Abb. 2: Zustand nach 3 Tagen. Bildnachweis: Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf, Klinik und Poliklinik für Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie)

Abb. 2: Zustand nach 3 Tagen. Bildnachweis: Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf, Klinik und Poliklinik für Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie)



Granatsplitter ins Gesicht

Ein weiterer Fall, den Gehrke präsentierte, ist der eines 23-jährigen Syrers, der als Unbeteiligter in Daara im April 2015 von einem Granatsplitter getroffen wurde, wodurch Oberlippe und Teile des Oberkiefers zerfetzt wurden. Er wurde in Amman in Jordanien notversorgt. Dort wurden auch erste Rekonstruktionsversuche unternommen, die jedoch nicht den gewünschten Erfolg zeigten: der Patient konnte nicht normal essen, sondern musste über eine perkutane Magensonde ernährt werden. Trotz dieses Handycaps gelang es ihm, mit dem Flüchtlingsstrom über die Balkanroute nach Deutschland zu kommen.

Abb. 3: Bildnachweis: Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf, Klinik und Poliklinik für Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie)

Abb. 3: Bildnachweis: Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf, Klinik und Poliklinik für Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie)



In Hannover wird nun das Gesicht des Patienten wiederhergestellt: die Oberlippe wurde nach dem Verfahren von Abbée in einer anspruchsvollen Gewebeverschiebung mit einem muskulokutanem, zunächst gefäßgestieltem Lappen wiederhergestellt. "Dafür wurde ortsnahes Gewebe mit Bartteilen herangezogen, da der Bart für Muslime ein wichtiger Aspekt ist." Anschließend wurde mikrochirurgisch Gewebe vom Unterarm zum Oberkiefer transferiert und dieser mit Knochen aus dem Becken unterfüttert.

Abb. 3: Bildnachweis: Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf, Klinik und Poliklinik für Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie)

Abb. 4: Bildnachweis: Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf, Klinik und Poliklinik für Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie)


Gehrke wies in diesem Zusammenhang auch noch einmal auf die spektakulären Gesichtstransplantationen hin, die ab und an durch die Presse gehen. Die herkömmlichen Rekonstruktionstechniken seien einer solchen Gesichtstransplantation jedoch aus vielerlei Gründen überlegen:
1. "Die Transplantation eines kompletten Gesichts beinhaltet nur das Weichgewebe ohne die darunterliegenden (knöchernen) Strukturen, während bei Biss- oder Schussverletzungen immer auch tieferliegende Strukturen betroffen sind.
2. Damit Mimik, Tast- und Berührungssensibilität gewährleistet werden können, müssen Nerven weiterhin funktionieren.
3. Das Gesicht stammt von einem Toten - dies ist schon aus psychischen Gründen problematisch für den Empfänger -, und er muss lebenslang Immunsuppressiva einnehmen, mit dem Risiko von Infektionen, Nierenschäden oder Krebserkrankungen.

Der Syrer kann zwar mittlerweile Flüssigkeiten selbstständig zu sich nehmen, aber nach wie vor keine feste Nahrung. Er trägt im Alltag einen Mundschutz, um die Entstellung zu verbergen. In den nächsten 1-2 Monaten sollen abschließende kosmetische und die notwendigen Zahnimplantationen und Zahnersatz-OPs erfolgen. "Danach ist der Patient hoffentlich wiederhergestellt - und kann hier hoffentlich irgendwann sein Jurastudium fortsetzen", schloss Gehrke.

AB

Quelle: DGMGK


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