Freitag, 20. April 2018
Navigation öffnen

Aktuelle Infos für Ärzte

11. Januar 2018 Hepatitis-Therapie: Balance zwischen Abwehr und Regeneration durch Kupfferzellen

Über die beste Behandlung der akuten Hepatitis ist sich die Medizin bis heute nicht einig. Wissenschaftler des TWINCORE haben nun neue Erkenntnisse zu den Entzündungsprozessen veröffentlicht: Virushemmende Typ-I Interferone unterstützen gezielt bei der Abwehr der Virusinfektion. Allerdings verlangsamen sie auch die Regeneration der für die Immunbalance wichtigen Immunzellen nach der akuten Infektionsphase.
Anzeige:
„Bislang ist man davon ausgegangen, dass die Hepatitis-Viren selbst für die Zerstörung der Leberzellen verantwortlich sind“, sagt Katharina Borst, Wissenschaftlerin am Institut für Experimentelle Infektionsforschung. „Inzwischen wissen wir, dass auch lokale Entzündungsprozesse zur Schädigung der Leber beitragen.“ Und das ist brisant, denn wenn unser zentrales Stoffwechselorgan nicht durch die Viren selbst, sondern die Entzündung zerstört wird, verbietet es sich eigentlich, das entzündete Organ durch einen Entzündungstrigger wie Typ-I Interferon noch stärker in die Entzündung zu treiben. „Andererseits ist bei akuter Hepatitis die klinische Behandlung mit Typ-I Interferon erfolgreich und schützt die Leber sichtbar vor weiteren Schäden“, wendet Dr. Theresa Frenz, ebenfalls vom Institut für Experimentelle Infektionsforschung, ein. Eine paradoxe Situation, die nach Klärung ruft.

Also haben sich die Translationsforscherinnen die Mechanismen, die hinter dem Einsatz von Typ-I Interferon stehen, genau angesehen. Um diese lokalen Immunantworten in der Leber zu verstehen, haben sie Kupfferzellen untersucht. Kupfferzellen sind Makrophagen, also Fresszellen des Immunsystems, die in der Leber sesshaft sind und sich nicht frei im Blut bewegen. Die Wissenschaftlerinnen haben Lebern mit Vakzinia Virus infiziert, die entweder voll funktionsfähig waren oder kein Typ-I Interferon wahrnehmen konnten, oder nur auf ihren Kupfferzellen oder – in der letzten Variante – nur auf einem bestimmten Zelltyp, den Hepatozyten, kein Typ-I Interferon wahrnehmen können. „Durch diese Versuchsreihe konnten wir sehen, dass die Typ-I Interferone für die Hepatozyten selbst unwichtig sind, denn wir haben keinen Unterschied zu völlig intakten Lebern gesehen“, sagt Katharina Borst. „Das ist verwunderlich, denn immerhin sind die Hepatozyten das Ziel der Virusinfektion.“
Allerdings scheint das Interferon sehr wichtig für die Kupfferzellen zu sein, sagt Theresa Frenz: „Unsere Vermutung ist, dass Interferon die Kupfferzellen veranlasst, die infizierten Zellen aufzunehmen und anschließend den eigenen Zelltod, die Apoptose, einzuleiten, denn überraschenderweise verschwinden die Kupfferzellen im Laufe der Infektion und die Entzündung der Leber geht zurück.“ Diese durch die Infektion verlorenen Kupfferzellen ersetzt das Immunsystem durch Makrophagen, die aus Knochenmarkszellen entstehen. Das sind zwar nicht mehr die ursprünglichen „echten“ Kupfferzellen, sie übernehmen dennoch die gleichen Aufgaben. „Dieser Prozess wird interessanterweise beschleunigt, wenn die Zellen aus dem Knochenmark kein Typ-I Interferon wahrnehmen können“, sagt Katharina Borst. „Typ-I Interferone sind also offensichtlich sehr wichtig, um entzündliche Prozesse und deren Eindämmung zu regulieren.“

„Damit konnten wir belegen, dass die Therapie der akuten Virus-Hepatitis mit Typ-I Interferon sinnvoll ist, denn sie aktiviert offenbar die lokalen Immunzellen und hilft, die Viren zu eliminieren“, schließt Institutsleiter Prof. Ulrich Kalinke. „Allerdings müssen wir, um die Regeneration der entzündeten Leber optimal zu unterstützen, noch viel mehr über das Gleichgewicht zwischen Entzündungsförderung und -hemmung lernen. Nur so können neue Therapieansätze für akute Hepatitiden entwickelt werden.“

TWINCORE – Zentrum für Experimentelle und Klinische Infektionsforschung

Literatur:

K. Borst, T. Frenz, J. Spanier et al.
Type I interferon receptor-signaling delays Kupffer cell replenishment during acute fulminant viral hepatitis.
J Hepatol. 2017 Dec 2. pii: S0168-8278(17)32473-X. doi: 10.1016/j.jhep.2017.11.029.
https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/29274730


Das könnte Sie auch interessieren

Biopharmazeutika sind den meisten Deutschen unbekannt

Naturheilmittel oder neuer Trend der Bio-Welle? 94 Prozent der Deutschen können mit dem Begriff Biopharmazeutika nichts anfangen (1). Oftmals werden hinter dem Begriff Naturheilmittel vermutet. Dabei handelt es sich um Arzneimittel, die biotechnisch hergestellt oder aus gentechnisch veränderten Organismen gewonnen werden und mit dem Ziel der Bekämpfung einer Krankheit in die Vorgänge des Körpers eingreifen. Insulin ist ein bekanntes Beispiel. Wem das erklärt wird, der ist gerne zur Einnahme eines solchen Arzneimittels bereit. Das sind Ergebnisse einer repräsentativen Umfrage unter 1.000 Deutschen zum medizinischen Fortschritt im Auftrag des Biotechnologie-Unternehmens Amgen.

Klinikeinweisung wegen Herzschwäche: Welche Warnsignale müssen Betroffene kennen?

Jedes Jahr werden in Deutschland mehr als 440.000 Patienten mit Herzschwäche in eine Klinik eingewiesen, weil bei ihnen ihr Herz entgleist ist. Damit zählt die Herzschwäche zu den häufigsten Anlässen für einen Krankenhausaufenthalt. „Ganz konkrete Warnsignale zeigen das Entgleisen des Herzens an. Für diese müssen Betroffene wachsam sein, insbesondere für Wassereinlagerungen im Körper, an den Knöcheln, den Unterschenkeln oder im Bauchraum. Diese sogenannten Ödeme sind leicht zu erkennen, wenn man sich täglich wiegt. Überschreitet die Gewichtszunahme zwei Kilo in drei Tagen, sollte man umgehend den Arzt oder eine Klinik aufsuchen“, rät der Herzspezialist Prof. Dr. Thomas Meinertz, Vorstandsvorsitzender der Deutschen Herzstiftung, in dem Experten-Ratgeber „Das schwache Herz“, den man kostenfrei unter www.herzstiftung.de/herzschwaeche-therapie (oder Tel. 069 955128400, E-Mail: bestellung@herzstiftung.de) anfordern kann. Auch bei zunehmender Kurzatmigkeit, wiederholtem Aufwachen wegen Atemnot, Bedarf an immer mehr Kissen um schlafen zu können, sollte man Arzt oder Klinik aufsuchen.

Pilotprojekt: Stuhlkarten-Screening mit einfacher Farbkarte

Genial einfach: Anfang Dezember 2016 wurden 100.000 so genannte Stuhlkarten zur Früherkennung der Gallengangatresie an alle stationären niedersächsischen Geburtskliniken verschickt und dort von Kinderärzten, Gynäkologen und Hebammen in das „Gelbe Heft“ eingelegt. „Dieses Projekt ist ein wunderbares Beispiel dafür, wie mit einfachen Mitteln und ohne großen technischen Aufwand ein maximaler Erfolg erzielt werden kann. Mit übersichtlich gestalteten Karten wird es Eltern leicht gemacht, sich über die Gesundheit ihres neugeborenen Kindes ein Bild zu machen – und so bei Krankheitssymptomen dafür sorgen zu können, dass ihr Kind rasch behandelt und dessen Leben solange wie möglich erhalten werden kann,“ erklärte die Niedersächsische Gesundheitsministerin Cornelia Rundt am Donnerstag, 19. Januar 2017, bei einem Pressegespräch in der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH). Experten der Klinik für Kinderchirurgie und der Techniker Krankenkasse stellten mit Unterstützung der Ärztekammer Niedersachsen die Einführung des bundesweit einmaligen Pilotprojektes vor.

Sie können folgenden Inhalt einem Kollegen empfehlen:

"Hepatitis-Therapie: Balance zwischen Abwehr und Regeneration durch Kupfferzellen"

Bitte tragen Sie auch die Absenderdaten vollständig ein, damit Sie der Empfänger erkennen kann.

Die mit (*) gekennzeichneten Angaben müssen eingetragen werden!