Dienstag, 18. Dezember 2018
Navigation öffnen

Aktuelle Infos für Ärzte

12. Juli 2018 Placebo: Ein Signal für das Belohnungssystem im Hirn

Der Placebo-Effekt hat ein enormes Potenzial zur Steigerung unserer körperlichen und geistigen Gesundheit. Neue Forschungen von Professorin Asya Rolls am Technion – Israel Institute of Technology – in Haifa zeigen, wie die Stimulation des Belohnungssystems im Gehirn das Immunsystem im Körper stärken kann. Sie stellte ihre Erkenntnisse heute (8. Juli) auf dem FENS-Forum der Neurowissenschaften in Berlin vor.
Anzeige:
Während oder nach einer stressigen Zeit neigen viele Leute dazu, krank zu werden. Das ist lange bekannt. Nun untersucht Dr. Asya Rolls den umgekehrten Weg: Können neuronale Netzwerke im Gehirn, die an positiven Erfahrungen beteiligt sind, zur Heilung von Krankheiten beitragen?

Dieses Belohnungssystem fördert positive emotionale Zustände und Erwartungen an ein gutes Ergebnis. Das bekannteste Beispiel des Placebo-Effekts stammt aus der Pharmaforschung: Nimmt jemand ein Scheinmedikament ohne Wirkstoff in dem Glauben ein, es handele sich um eine Arznei, nährt das Belohnungssystem seine Erwartungen an eine Genesung, so dass zum Beispiel Schmerzen nachlassen. Das Verständnis der Mechanismen, die das Zusammenspiel zwischen Gehirn und Immunsystem steuern, ist der Schlüssel zu einem neuen Therapieansatz.

„Wir haben das Potenzial des Placebos in der Behandlung und Genesung unterschätzt“, berichtete Rolls. „Die Mechanismen des Placebo-Effekts sind weitgehend unbekannt. Placebos spielen bei vielen medizinischen Vorgängen eine Rolle, bei denen es manchen Leuten besser geht, obwohl sie unwissentlich nur eine Zuckerpille eingenommen haben. Aber wir verstehen nicht, wie ein Placebo funktioniert, und deshalb können wir Ärzte sein therapeutisches Potenzial nicht nutzen.“

Asya Rolls Team setzte bei ihren jüngsten Experimenten an Mäusen eine Kombination aus genetischen Werkzeugen und Medikamenten ein. Damit aktivierte es sogenannte dopaminerge Neuronen – Gehirnzellen, die am Belohnungssystem beteiligt sind. Dann infizierten die Forscher einen Teil der Versuchstiere mit Escherichia-coli-Bakterien und analysierte anschließend die Immunantwort. Sie fanden heraus, dass bei Mäusen mit aktiviertem Belohnungssystem die antibakterielle Aktivität des Immunsystems verstärkt wurde und sie sich schneller erholten als jene Tieren, deren Belohnungssystem nicht aktiviert worden war.

„Wir wissen, dass Gedanken und Emotionen unsere Fähigkeit beeinflussen, Krankheiten zu bewältigen“, erklärte Rolls, „aber wir wissen einfach nicht wie. Tatsächlich beeinflussen alle Gedanken und Emotionen unsere Hirnaktivität. Mit den neuen Techniken können wir nun verstehen, wie diese Aktivität Veränderungen des Immunsystems beeinflusst. Wir können die jeweilige Hirnregion im Sinne einer Belohnung aktivieren und die Auswirkungen auf das Immunsystem beobachten. Wenn wir erst einmal verstanden haben, wie dies im Gehirn funktioniert, können wir die Frage stellen, wie sich dieses Wissen zur Kontrolle der Gehirnaktivität nutzen lässt, um eine Genesung anzukurbeln.“

Heute gibt es viele neue, innovative technische Verfahren wie etwa die transkranielle Magnetstimulation (TMS), mit denen sich die Gehirnaktivität lokal beeinflussen lässt. Solche Werkzeuge können dazu dienen, die Immunaktivität ohne den Einsatz von Medikamenten zu verbessern. Andererseits kann der Einsatz dieser Geräte, die bereits Online angeboten werden, gefährlichere Folgen haben als bisher angenommen.

Rolls interessiert sich auch dafür, wie sich negative, etwa mit Depressionen verbundene Emotionen auf die Immunaktivität auswirken. So verändere zum Beispiel Schizophrenie die Aktivität des Belohnungssystems, die wiederum immunologische Veränderungen bewirke. „Diese Bedingungen“, erklärte sie, „können viel enger miteinander verbunden sein, als wir bisher vermutet haben.“ Ein besseres Verständnis der Wechselwirkung zwischen der Verarbeitung von Emotionen im Gehirn und dem Immunsystem könnte zu neuen Behandlungswegen bei psychiatrischen Erkrankungen führen.

„Unser Ziel ist es, zu verstehen, wie das Gehirn unser Wohlbefinden steuert“, sagte Rolls. „In Experimenten können wir das Belohnungssystem des Gehirns manipulieren und sehen, wie dies die emotionale Verarbeitung beeinflusst.“ In der nächsten Stufe der Forschung sollen verschiedene Techniken am Menschen getestet werden, zum Beispiel TMS und Neurofeedback – bei diesem Verfahren lernen Menschen, gewöhnlich nicht beeinflussbare Körperfunktionen zu verändern. Dann wird sich herausstellen, ob es möglich ist, die Immunaktivität über das Gehirn zu beeinflussen. Aber, so dämpfte Rolls die Erwartungen, dies ist erst der Anfang, und es wird Zeit brauchen, um Forschungsergebnisse für den Menschen nutzbar zu machen. „Diese Forschung ist aber wichtig“, betonte Asya Rolls, „um herauszufinden, wie der Placebo-Effekt als völlig neuer Ansatz zur Behandlung von Infektionen und anderen Krankheiten genutzt werden kann.“


 

Symposium: S16 – Two to tango: Brain immune interactions

Quelle: FENS - Federation of European Neuroscience Societies

Literatur:

Abstract: A Rolls – Reward system regulation of anti-bacterial and anti-tumor immunity


Das könnte Sie auch interessieren

An die Leber denken und Experten befragen: Kostenfreie Telefonaktion zum Deutschen Lebertag am 20. November

Bei einer großen Telefonaktion am 18. Deutschen Lebertag, der unter dem Motto „An die Leber denken!“ steht, beantworten sechs erfahrene Ärzte alle Anrufer-Fragen rund um die Themen Leber, Lebergesundheit und Lebererkrankungen. Am Montag, 20. November 2017, sind die Leber-Spezialisten von 14:00 bis 16:00 Uhr unter der kostenfreien Telefonnummer 0800 666 39 22 für jeden Interessierten und Betroffenen erreichbar. Mit diesem Angebot möchten die Ausrichter des 18. Deutschen Lebertages – Deutsche Leberstiftung, Deutsche Leberhilfe e. V. und Gastro-Liga e. V. – an dem bundesweiten Aktionstag dazu beitragen, dass das lebenswichtige Organ und seine Erkrankungen mehr öffentliche Aufmerksamkeit erhalten. Sie weisen gleichzeitig darauf hin, dass die Beratungsgespräche am Telefon keinen persönlichen Arztbesuch und keine individuelle Diagnose ersetzen.

So kommen Senioren gut durch den Winter

Im Winter neigen vor allem ältere Menschen dazu, sich zu Hause einzuigeln. Aber zu wenig an Bewegung, frischer Luft und Tageslicht können schnell das Immunsystem schwächen, den Stoffwechsel verlangsamen und aufs Gemüt schlagen. „Senioren sollten auch im Winter auf ausreichend Bewegung achten. Andernfalls haben sie es im Frühjahr deutlich schwerer, wieder in Schwung zu kommen“, sagt Klaus Möhlendick, Diplom-Sportwissenschaftler bei der BARMER GEK. Regelmäßige Bewegung ist deshalb so wichtig, weil sie den altersbedingten physiologischen Funktionsverlust verlangsamt und die Lebenserwartung bei guter Gesundheit erhöht.

Sie können folgenden Inhalt einem Kollegen empfehlen:

"Placebo: Ein Signal für das Belohnungssystem im Hirn"

Bitte tragen Sie auch die Absenderdaten vollständig ein, damit Sie der Empfänger erkennen kann.

Die mit (*) gekennzeichneten Angaben müssen eingetragen werden!

Die Verwendung Ihrer Daten für den Newsletter können Sie jederzeit mit Wirkung für die Zukunft gegenüber der rsmedia GmbH widersprechen ohne dass Kosten entstehen. Nutzen Sie hierfür etwaige Abmeldelinks im Newsletter oder schreiben Sie eine E-Mail an: info[at]rsmedia-verlag.de.