Freitag, 19. Oktober 2018
Navigation öffnen

Aktuelle Infos für Ärzte

10. Oktober 2018 Prophylaxe statt Akutbehandlung: Migräneattacken mit Antikörper-Injektion vorbeugen

Zur Prophylaxe von episodischer und chronischer Migräne sind jetzt neue Medikamente zugelassen. Bei diesen handelt es sich um Antikörper, die die Wirkung des Botenstoffs CGRP (Calcitonin Gene-Related-Peptide) blockieren. Dieser ist für Migräneattacken mitverantwortlich. Studien haben die hohe Wirksamkeit und Verträglichkeit der neuen Substanzen gezeigt. Wie genau die CGRP-Antikörper wirken, zu welchen Ergebnissen die Studien im Einzelnen kommen und welche Patienten von dieser neuen Therapie profitieren, diskutieren Experten auf der Pressekonferenz am 18. Oktober anlässlich des Deutschen Schmerzkongresses 2018 vom 17. bis 20. Oktober in Mannheim.
Anzeige:
In Deutschland leiden ca. 6-8% der Männer und ca. 20% der Frauen an Migräne. Die Patienten haben nicht nur pulsierende Kopfschmerzen. Oft ist ihnen übel, sie sind appetitlos, haben Sehstörungen und sind überempfindlich auf Licht und Geräusche. Von einer chronischen Migräne sprechen Ärzte, wenn ein Patient an 15 und mehr Tagen über migränetypischen Kopfschmerz berichtet. Bei episodischer Migräne leiden Betroffene in unterschiedlich großen zeitlichen Abständen an bis zu 14 Tagen monatlich unter Migräne. Während Kopfschmerzen das Symptom einer anderen Erkrankung sein können, ist die Migräne eine idiopathische Erkrankung, sie ist ein selbständiger Krankheitszustand – das Symptom ist zugleich die Krankheit. „Die Ursache der Migräne ist noch nicht bekannt. Eine überzeugende Hypothese ist, dass bestimmte Botenstoffe schmerzwahrnehmende Nervenfasern im Kopfbereich reizen und damit die Migräne auslösen“, sagt PD Dr. Stefanie Förderreuther, Präsidentin der Deutschen Migräne- und Kopfschmerzgesellschaft e.V. (DMKG) und Oberärztin an der Neurologischen Klinik, Ludwig-Maximilians-Universität München. Bei der Analyse der Stoffe, die den Kopfschmerz auslösen, stießen Forscher auf den Botenstoff CGRP (Calcitonin Gene-Related-Peptide), der in der Migräneattacke ausgeschüttet wird. „Der therapeutische Ansatz bestand nun darin, einen Antikörper zu entwickeln, der die Wirkung von CGRP blockiert. Entstanden ist eine ganz neue Medikamentenklasse, die vor allem für die Vorbeugung der Migräne geeignet ist“, betont Förderreuther.
 
3 CGRP-Antikörper zeigten in Studien, dass sie wirksamer sind als Placebo und zu einer signifikanten Abnahme der Migränetage führen. Alle 3 Substanzen, die durch eine Spritze unter die Haut verabreicht werden, führten bereits sehr früh in den ersten 4 Therapiewochen zu einem signifikanten Therapieeffekt und waren zudem gut verträglich. Die in den Studien dokumentierten Nebenwirkungen entsprachen in Art, Schwere und Häufigkeit den Nebenwirkungen, die unter Placebo angegeben wurden. Hauptbeschwerde waren Schmerzen und Rötungen an der Einstichstelle.
 
Eines der 3 Medikamente (Erenumab) ist bereits für die vorbeugende Behandlung von Migräne bei Erwachsenen auf dem europäischen Markt zugelassen und wird vermutlich Ende des Jahres in deutschen Apotheken zur Verfügung stehen. Die beiden anderen Präparate, Galcanezumab und Fremanezumab, sind bereits in den USA zugelassen; für den europäischen Markt wird die Entscheidung in Kürze erwartet. Die DMKG-Präsidentin betont: „Die Studienergebnisse zeigen, dass es sich um gut wirksame und verträglich Substanzen handelt. Heilen können wir die Migräne damit nicht. Aber die Anzahl der Migränetage zu senken, ist bereits ein großer Segen für die Betroffenen.“
 
Da sich die Studiendesigns bei den 3 untersuchten CGRP-Antikörpern Erenumab, Galcanezumab und Fremanezumab sehr unterscheiden, lassen sich ihre Wirkstärken nicht miteinander vergleichen. Unter der Behandlung mit Erenumab kam es bei Patienten mit episodischer Migräne und durchschnittlich ca. 8 Migränetagen pro Monat zu einem Rückgang um ca. 3 Tage. In den Studien zeigten ca. 40% der Patienten eine Besserung der Migräne von mind. 50%. Bei der besonders schwer zu behandelnden chronischen Migräne mit durchschnittlich ca. 18 Migränetagen pro Monat gingen die Kopfschmerztage um 6-7 Tage zurück. Eine mind. 50%ige Besserung war bei ca. 40% Prozent der Patienten zu verzeichnen.

Unter Behandlung mit Fremanezumab wurde bei der hochfrequenten episodischen Migräne mit 8-14 Migränetagen pro Monat ein Rückgang um ca. 6 Tage erreicht. Über 50% der Patienten zeigten eine Besserung um mind. 50%. Bei Patienten mit chronischer Migräne gingen die Kopfschmerztage um 4-5 Tage zurück. Eine mind. 50%ige Besserung war bei ca. 40% der Patienten zu verzeichnen.

Galcanezumab wurde in den Studien ebenfalls bei der episodischen Migräne eingesetzt. Die Migränetage nahmen ausgehend von ca. 9 Migränetagen pro Monat um ca. 4 bis knapp 5 Tage ab und es wurde eine Verbesserung der Migräne um mind. 50% bei ca. 60% der Patienten festgestellt. Bei Patienten mit chronischer Migräne kam es bei durchschnittlich 19 Migränetagen pro Monat zu einer Abnahme um 4-5 Tage. Eine mind. 50%ige Besserung trat bei ca. 30% der Patienten ein.  
 
Die Frage, welche Patientengruppe für die Therapie mit Antikörpern besonders infrage komme, beantwortet PD Dr. Tim Jürgens, Kongresspräsident des Deutschen Schmerzkongresses 2018 und Ärztlicher Leiter des Kopfschmerzzentrums Nord-Ost, Universitätsmedizin Rostock und fasst damit die Meinung der DMKG als der zuständigen Fachgesellschaft zusammen: „In erster Linie sollten diejenigen Patienten mit den neuen Antikörpern behandelt werden, die schwer und häufig von Migräneattacken betroffen sind und bei denen bislang verfügbare Mittel nicht gut gewirkt haben oder die für sie nicht gut verträglich waren“.

Quelle: Deutsche Schmerzgesellschaft e.V

Literatur:

Dodick DW, Ashina M, Brandes JL et al. ARISE: A Phase 3 randomized trial of erenumab for episodic migraine. Cephalalgia. First Published February 22, 2018. doi:10.1177/0333102418759786.
Myers Oakes T M, Skljarevski V, Zhang Q et al. Safety of galcanezumab in patients with episodic migraine: A randomized placebo-controlled dose-ranging Phase 2b study.
First Published January 8. doi:10.1177/0333102417747230.
Goadsby P J, Reuter U, Hallstrom Y et al. A Controlled Trial of Erenumab for Episodic Migraine. N Engl J Med 2017; 377:2123-2132. doi:10.1056/NEJMoa1705848.
Silberstein SD, Dodick DW, Bigal ME et al. Fremanezumab for the Preventive Treatment of Chronic Migraine. N Engl J Med 2017;377:2113-2122. doi:10.1056/NEJMoa1709038.


Das könnte Sie auch interessieren

Rückenschmerzen: Ein Drittel der Deutschen geht mehrfach im Jahr nicht zur Arbeit

Laut einer aktuellen GfK-Umfrage hat mehr als die Hälfte aller Deutschen mindestens zehnmal im Jahr Rückenschmerzen. Die von der Medserena AG beauftragte GfK-Umfrage zeigt, dass 34,5 Prozent aller Deutschen an bis zu sieben Tagen im Jahr aufgrund von Rückenschmerzen nicht ihren alltäglichen Aufgaben nachgehen. Betrachtet man die befragten Berufsgruppen genauer, so liegt der höchste Anteil bei den Angestellten (36,7 Prozent). Das verursacht Jahr für Jahr einen hohen wirtschaftlichen Schaden für die Arbeitgeber. Nur durch verbesserte medizinische Untersuchungsmethoden und zielgerichtete Therapien kann das kostspielige Problem des deutschen Rückenleidens gelöst werden.

Patientenportal für klinische Studien macht medizinische Forschung für alle transparent und zugänglich

In Deutschland werden jedes Jahr über 500 klinische Forschungsstudien zu neuen Therapien und Medikamenten durchgeführt. Ein Großteil betrifft Volkskrankheiten wie Diabetes, Asthma, COPD, Arthrose oder Schuppenflechte und richtet sich an chronisch kranke Patienten. Leider weiß die Mehrheit dieser Patienten nichts über aktuelle Studien und die Möglichkeiten, die sich daraus für sie ergeben können. Hier setzt das Aufklärungsprinzip von Mondosano an und bietet einfach aufbereitete Informationen zu neuen Therapieformen und Forschungsprojekten. Bei Interesse vermittelt Mondosano den Patienten zusätzlich in eine für ihn geeignete Studie.

Vitamin D-Mangel begünstigt Ausbildung von Osteoporose

Osteoporose ist eine Erkrankung des Skeletts, bei der die Knochen an Festigkeit verlieren und leichter brechen. Dann kann es schnell zu einem Knochenbruch kommen. Sehr oft betroffen sind der Oberschenkelhalsknochen oder die Arme. Eine Ursache für ein schwaches Knochengefüge kann Vitamin D-Mangel sein, wie Prof. Andreas Roth, Leiter des Bereichs Endoprothetik der Klinik für Orthopädie, Unfallchirurgie und Plastische Chirurgie am UKL, anlässlich des Welt-Osteoporose-Tages am 20. Oktober erläutert. Doch auch ein Zuviel an Vitamin D kann zu Gefährdungen führen.

Sie können folgenden Inhalt einem Kollegen empfehlen:

"Prophylaxe statt Akutbehandlung: Migräneattacken mit Antikörper-Injektion vorbeugen"

Bitte tragen Sie auch die Absenderdaten vollständig ein, damit Sie der Empfänger erkennen kann.

Die mit (*) gekennzeichneten Angaben müssen eingetragen werden!

Die Verwendung Ihrer Daten für den Newsletter können Sie jederzeit mit Wirkung für die Zukunft gegenüber der rsmedia GmbH widersprechen ohne dass Kosten entstehen. Nutzen Sie hierfür etwaige Abmeldelinks im Newsletter oder schreiben Sie eine E-Mail an: info[at]rsmedia-verlag.de.