Dienstag, 23. Januar 2018
Navigation öffnen
Anzeige:

Aktuelle Infos für Ärzte

23. März 2017 Schmerzmedizin: Praxis und Theorie der Versorgung

„Wir brauchen mehr Verständnis für die Komplexität des Fachgebietes Schmerzmedizin“, erklärte Dr. Gerhard Müller-Schwefe, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Schmerzmedizin (DGS) e.V. bei der gestrigen Auftakt-Pressekonferenz des 28. Deutschen Schmerz- und Palliativtages, der vom 23.-25. März  in Frankfurt stattfindet. „Nur wenn wir es schaffen, Ärzte davon zu überzeugen, die Schmerzmedizin als Querschnittsfach zu betrachten und so die Schmerzkompetenz auszubauen, können wir den zahlreichen chronisch erkrankten Schmerzpatienten helfen.“ Die vielen Facetten der Schmerzversorgung Interessierten vorzustellen, sich interdisziplinär auszutauschen und beim Nachwuchs für die wichtige Arbeit der Schmerzmediziner zu werben – das sind die Ziele, die der Deutsche Schmerz- und Palliativtag mit seiner praxisrelevanten Ausrichtung verfolgt.
 
Anzeige:
Jedes Jahr treffen sich beim „Schmerz- und Palliativtag“ Schmerzexperten aus ganz Deutschland – ob Mediziner, Pharmazeuten, Therapeuten oder Pflegekräfte. Gemeinsam wollen sie die Versorgung der Schmerzpatienten in Deutschland verbessern. Denn nach wie vor ist ein Großteil der insgesamt 23 Millionen Schmerzpatienten und etwa 2,8 Millionen der schwersterkrankten Patienten unterversorgt (1). Helfen könnte ihnen ein dafür speziell ausgebildeter Schmerzmediziner, der den Patienten ganzheitlich betrachtet, frühzeitig die Ursache der Beschwerden erkennt und bei Bedarf andere Fachärzte sowie Physiotherapeuten oder Psychologen hinzuzieht, um mit ihnen gemeinsam ein Therapiekonzept zu entwerfen. Aber diese sind rar gesät. Von den wenigen Leuchtturmprojekten der interdisziplinären Zusammenarbeit profitiert am Ende nur ein Bruchteil der Betroffenen. „An der Basis gibt es bislang keine grundlegenden Verbesserungen. Eine interdisziplinäre Zusammenarbeit ist zeitaufwändig und wird zu wenig honoriert“, resümierte Müller-Schwefe.

Hinzu kommt, dass aktuell die Behandlung auf wenigen Schultern und aufgrund des demografischen Wandels auf einer immer älter werdenden Ärztegeneration ruht. Gleichzeitig aber steigt die Anzahl der Patienten. „Wenn wir den Nachwuchs für unser Fachgebiet begeistern können, ist vielen Patienten geholfen“, ist sich Dr. Johannes Horlemann, Vizepräsident der DGS, sicher. In kaum einer anderen Disziplin als der Schmerzmedizin arbeitet der Arzt so interdisziplinär – technisch, pharmakologisch, kommunikativ und psychosomatisch. Dazu ist es eines der dynamischsten Felder mit ständigem Zuwachs an neuem Wissen und neu evaluierten Konzepten. „Mit unserem umfangreichen Fortbildungskonzept wollen wir nicht nur die angrenzenden Fachgebiete, sondern verstärkt auch junge Mediziner erreichen“, so Horlemann.

Chronischer Schmerz ist ein Querschnittsgebiet

Damit die Patientenversorgung nicht an Fachgrenzen scheitert, setzt die DGS auf eine schmerztherapeutische Weiterbildung und Qualifikation von Ärzten aus  allen Fachrichtungen. „Jeder Arzt sollte zumindest Basisfähigkeiten besitzen, um die richtige Behandlung einzuleiten oder rechtzeitig den Zeitpunkt zu erkennen, wann der Patient in die Hände eines Schmerzmediziners gehört“, ist DGS-Vizepräsident Dr. Oliver Emrich überzeugt. „Dafür muss Kommunikation über Fachgebietsgrenzen hinaus stattfinden“, so Emrich weiter.

Ein gut funktionierendes Netzwerk und die wichtigsten Schnittstellen zu identifizieren, sind weitere Ziele der DGS. Die Zusammenarbeit mit den Hausärzten hat dabei für die DGS eine zentrale Bedeutung, denn als erste Anlaufstelle können und sollten bereits beim Hausarzt die Weichen für eine erfolgreiche Behandlung richtig gestellt werden.

Gemeinsam mit dem Deutschen Hausärzteverband veranstaltet die DGS dazu erstmalig im Rahmen eines Pre-Congress eine eigene Vortragsreihe, bei der verschiedene Schmerzarten sowie Folgeerkrankungen wie Angst oder Depression jeweils aus hausärztlicher und aus schmerzmedizinischer Sicht analysiert werden. Die Veranstaltungen seien laut Emrich eine gute Basis, um die jeweils „andere Sicht“ kennenzulernen und so gegenseitiges Vertrauen zu schaffen.

Patientenbedürfnisse im Fokus der Versorger-Gesellschaft

Kontinuierliche Forschung ist wichtig, um neue wissenschaftliche Erkenntnisse zu gewinnen. Diese in die Praxis umzusetzen – darin liege aber die eigentliche Herausforderung, so die langjährige Erfahrung des DGS-Vorstandes. Die Patienten mit ihren Bedürfnissen stärker in den Fokus zu rücken, dafür setzt sich die DGS in Kooperation mit der Patientenorganisation Deutsche Schmerzliga (DSL) e.V. bereits seit vielen Jahren ein. Ein Meilenstein stellt die Online-Plattform „mein-schmerz.de“ dar, über die – via Daten-Einspeisung in das DGS Praxis-Register Schmerz (iDocLive®) – erstmalig auch die Sicht der Betroffenen dokumentiert werden kann. „Bislang waren diese speziellen Schmerzfragebögen nur über ärztliche Einrichtungen erhältlich bzw. Betroffene darauf angewiesen, dass sie einen Behandler finden, der ihnen einen solchen Fragebogen nicht nur zur Verfügung stellt, sondern auch auswertet und mit ihnen bespricht. Ein Prozess, der angesichts der geringen Zahl qualifizierter Schmerztherapeuten in Deutschland meist mit monate-, mitunter auch jahrelangen Wartezeiten verbunden war“, erklärte PD Dr. Michael A. Überall, DGS-Vizepräsident und Präsident der DSL, die Situation.

In diesem Jahr gehen die beiden Organisationen noch einen Schritt weiter und stellen das Thema „Tumorschmerz“ in den Mittelpunkt: Mit der „Praxisumfrage Tumorschmerz“ werden explizit Symptombelastungen bei tumorbedingten Dauer- und Durchbruchschmerzen abgefragt. Laut Überall müssen bei diesen Patienten die zugrundeliegenden Schmerzen kontinuierlich evaluiert werden, um sowohl den Behandlungsbedarf als auch die Behandlungsintensität an das aktuell angestrebte Behandlungsziel anzupassen. Dies sei mit dem von der Deutschen Gesellschaft für Schmerzmedizin und der Deutschen Schmerzliga neu ins Leben gerufenen Online-Fragebogen „Tumorschmerz“ nun möglich.

Mit Schmerzen leben

Über Ängste und Einschränkungen im Alltag berichtete DSL-Vizepräsidentin Birgitta Gibson. Sie ist selbst von chronischen Schmerzen betroffen und weiß, dass für mehr Lebensqualität neben einer kompetenten Schmerzmedizin auch Eigeninitiative nötig ist. Sie setzt auf aktive Mitarbeit des Patienten und eine Arzt-Patienten-Kommunikation auf Augenhöhe. Hierbei spielen auch Selbsthilfegruppen eine wichtige Rolle. Ihre Erfahrung ist: „Der Austausch von Tipps und Tricks sowie gemeinsame Aktivitäten haben schon vielen Betroffenen aus dem Schmerz-Tal zurück in ein relativ „normales“ Leben geholfen.“

Die Theorie in die Versorgung bringen

Damit Patienten stets evidenzbasiert nach den neuesten Erkenntnissen behandelt werden können, entwickelt die DGS PraxisLeitlinien, aktuell zum Fibromyalgiesyndrom, zur Diagnostik und Behandlung von Patienten mit Opioidfehlgebrauch (Prescription opioid misuse) und zu „Tumorschmerz“. Alle DGS PraxisLeitlinien verbinden die bestmögliche Evidenz aus der Literatur mit der Expertenerfahrung und den Meinungen und Haltungen der Patienten zu ihren Schmerzen. Neuere Entwicklungen dazu werden beim Kongress dem Fachpublikum präsentiert.

Deutsche Gesellschaft für Schmerzmedizin e.V. (DGS)


Das könnte Sie auch interessieren

Rückenschmerzen: Ein Drittel der Deutschen geht mehrfach im Jahr nicht zur Arbeit

Laut einer aktuellen GfK-Umfrage hat mehr als die Hälfte aller Deutschen mindestens zehnmal im Jahr Rückenschmerzen. Die von der Medserena AG beauftragte GfK-Umfrage zeigt, dass 34,5 Prozent aller Deutschen an bis zu sieben Tagen im Jahr aufgrund von Rückenschmerzen nicht ihren alltäglichen Aufgaben nachgehen. Betrachtet man die befragten Berufsgruppen genauer, so liegt der höchste Anteil bei den Angestellten (36,7 Prozent). Das verursacht Jahr für Jahr einen hohen wirtschaftlichen Schaden für die Arbeitgeber. Nur durch verbesserte medizinische Untersuchungsmethoden und zielgerichtete Therapien kann das kostspielige Problem des deutschen Rückenleidens gelöst werden.

Urologen geben Entwarnung: Sorgen vor Zeugungsunfähigkeit sind unbegründet

Eine neue Studie zur männlichen Fruchtbarkeit, veröffentlicht in der Fachzeitschrift "Human Reproductive Update", sorgt derzeit für Aufsehen. Die Untersuchungen von Mediziner Hagai Levine und seinem Team der Hebräischen Universität Jerusalem zeigen, dass die Spermienanzahl von Männern aus westlichen Ländern immer weiter abnimmt. Laut den Wissenschaftlern ist die Spermienanzahl pro Milliliter Sperma um etwa 52 Prozent gesunken. Bei der Gesamtzahl der Spermien pro Samenerguss gaben die Forscher sogar einen Rückgang von nahezu 60 Prozent an. Dennoch sieht die Deutsche Gesellschaft für Urologie e.V. (DGU) die Zeugungsfähigkeit in westlichen Industrienationen nicht akut gefährdet.

Wenn die Eltern trinken: Über 2,6 Millionen Kinder wachsen mit alkoholabhängigem Elternteil auf

Kinder von alkoholkranken Eltern haben keinen normalen Alltag und ihre Sorgen beschränken sich nicht mehr auf Schule oder Freizeit-Aktivitäten. Oftmals müssen sie sich viel zu früh Aufgaben und Sorgen eines Erwachsenen stellen und sind der Situation ausgeliefert. In Deutschland leben mehr als 2,6 Millionen Kinder in einer solchen Situation. Mindestens ein Elternteil dieser Kinder ist alkoholabhängig.

Rund 40 Prozent der Angstpatienten brechen MRT-Untersuchung ab

Klaustrophobie hält 15 Prozent der Patienten davon ab, sich trotz starker Schmerzen mittels der Magnetresonanztomografie untersuchen zu lassen. Dies hat für Ärzte, Therapeuten und Krankenkassen kostenintensive Folgen. Am schlimmsten betroffen ist jedoch der Patient selbst: Statt sich einer Diagnose zu stellen, leidet er oftmals monatelang unter starken Schmerzen. Eine aktuelle Umfrage zeigt, dass Angstpatienten die MRT-Untersuchung akzeptieren, wenn Fachpersonal sie vor und während des Termins persönlich intensiv begleitet und berät. Zudem ist es wichtig, dass sie aus dem MRT-Gerät herausschauen können wie bei dem innovativen Upright-MRT. Dagegen brechen mehr als ein Drittel der Befragten (39 Prozent) eine Untersuchung in einer geschlossenen MRT-Röhre mittendrin ab und im „Sandwich“-MRT steigen 16,6 Prozent aus. Das hat eine Diplomarbeit „Klaustrophobie in der MRT oder die Angst vor der Röhre“ in einer aktuellen Studie1 herausgefunden. Eine umfassende Beratung bei Bedenken vor der MRT-Untersuchung bietet den Betroffenen das neue Webportal www.angst-im-mrt.de.

Verbraucherschutz: Blei und Cadmium in Modeschmuck, Pestizide in Kräutern

Erneut gerieten preiswerte Modeschmuckartikel ins Visier der Überwachungsbehörden. Nachdem das Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL) im vergangenen Jahr auf die erhöhten Nickelgehalte in den untersuchten Proben hingewiesen hatte, kritisierte das Bundesamt die Funde von Blei und Cadmium oberhalb der geltenden Grenzwerte. BVL-Präsident Helmut Tschiersky stellte dazu fest: „Die Hersteller und Importeure von Modeschmuck müssen eindeutig mehr tun, um Gesundheitsrisiken zu vermeiden.“ Nach mehreren Einzelfunden von preiswertem Modeschmuck mit erhöhten Blei- und Cadmiumgehalten ist die Produktgruppe im Jahr 2015 verstärkt durch die amtliche Überwachung kontrolliert worden. Von den 262 durch die Kontrolleure genommenen Proben wiesen 32 Proben (12 Prozent) Bleiwerte oberhalb des geltenden Höchstgehalts von 500 mg/kg auf. Bei einer untersuchten Kette waren die beiden Karabinerhaken sogar vollständig aus Blei gefertigt. Bei 26 Proben (10 Prozent) überschritt der Cadmiumgehalt den Grenzwert von 100 mg/kg.

Sie können folgenden Inhalt einem Kollegen empfehlen:

"Schmerzmedizin: Praxis und Theorie der Versorgung"

Bitte tragen Sie auch die Absenderdaten vollständig ein, damit Sie der Empfänger erkennen kann.

Die mit (*) gekennzeichneten Angaben müssen eingetragen werden!