Donnerstag, 14. November 2019
Navigation öffnen
Anzeige:

Medizin

24. Juli 2013 Morbus Niemann-Pick Typ C: Möglichst frühe Diagnosestellung und Therapie als Schlüssel für ein erfolgreiches Krankheitsmanagement

Morbus Niemann-Pick Typ C (NP-C) ist eine seltene, progredient und tödlich verlaufende Stoffwechselerkrankung. NP-C zeichnet sich durch ein breites Spektrum überwiegend neuropsychiatrischer und viszeraler Symptome aus und kann sich sowohl im Kindes- und Jugendalter als auch im Erwachsenenalter manifestieren. Aufgrund der hohen Variabilität im klinischen Erscheinungsbild wird die Diagnose häufig erst verspätet gestellt.

Anzeige:
Fachinformation

Im Rahmen eines Symposiums beim 33. Kongress der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie e. V. (DGKJP) verdeutlichten Experten, dass ein therapeutischer Nihilismus bei Morbus Niemann-Pick Typ C nicht angebracht ist und erläuterten anhand ausgewählter Fallbeispiele aus Klinik und Praxis, wie die Krankheit frühzeitig erkannt und behandelt werden kann*. Denn mittlerweile steht mit dem Wirkstoff Miglustat (Zavesca®) eine krankheitsspezifische Therapieoption zur Verfügung.

Miglustat wirkt als Substratregulator und kann die Progression klinisch relevanter neurologischer Symptome verzögern und den Zustand der betroffenen Patienten stabilisieren. Eine möglichst frühe Diagnose und Therapie ist notwendig, um das therapeutische Potenzial von Miglustat optimal auszuschöpfen. Daher ist es wichtig, das Bewusstsein für Morbus Niemann-Pick Typ C zu schärfen und bei den ersten Anzeichen eine entsprechende Diagnostik in die Wege zu leiten.

Morbus Niemann-Pick Typ C (NP-C) gehört zu der heterogenen Gruppe der lysosomalen Speicherkrankheiten. Die Erkrankung beruht auf einer autosomal-rezessiv vererbten Mutation im NPC1-Gen (95% der Patienten) bzw. im NPC2-Gen (5% der Fälle) (1). Die Folge ist eine Störung des zellulären Cholesterin- und Sphingolipidtransports.

Unverestertes Cholesterin reichert sich in Gehirn, Leber und Milz an, was zu schwerwiegenden neurodegenerativen, psychiatrischen und viszeralen Symptomen führt. Morbus NP-C sei extrem selten und werde meistens erst mehrere Jahre nach dem Auftreten der ersten Symptome diagnostiziert, berichtete Privatdozent Dr. Christian Bachmann, Marburg. Denn die ersten Symptome lassen - vor allem bei Erstmanifestation im Jugend- und Erwachsenenalter - bei vordergründiger Betrachtung an eine psychiatrische Störung denken. Bei Erstmanifestation im Säuglingsalter kann ein prolongierter Ikterus mit Hepatosplenomegalie auf NP-C hinweisen. Im Schulkindalter fallen Lese- und Schreibprobleme sowie zunehmende schulische Leistungseinbrüche auf. Zu Beginn der Adoleszenz und im Erwachsenenalter kommen Halluzinationen, Wahnideen, Desorientiertheit und ein progredienter kognitiver Abbau hinzu. Häufige Fehldiagnosen seien Schizophrenie, psychotische Störungen oder Asperger-Syndrom. Ein Warnzeichen für NP-C sei eine vielschichtige und wechselnde psychiatrische Symptomatik mit begleitenden neurologischen Auffälligkeiten wie Ataxie und Dystonie. "Viele dieser Symptome sind in kein psychiatrisches Störungsbild sauber einzuordnen", so Bachmann.

Psychotische Symptome werden im Kindesalter häufig fehlgedeutet

Im Hinblick auf die differenzialdiagnostische Abklärung rät Prof. Dr. Frank Häßler, Rostock, bei Kindern und Jugendlichen mit Verdacht auf eine schizophrene Symptomatik eine komplette organische Diagnostik durchzuführen, inklusive MRT, EEG und Lumbalpunktion. "Hinter psychotischen Symptomen kann sich im Kindes- und Jugendalter immer auch eine systemische Grunderkrankung verstecken." Mit der Diagnose Schizophrenie sollte man daher äußerst vorsichtig sein. Denn diese bringe eine lebenslange Stigmatisierung mit sich, die wiederum erhebliche Folgen für die soziale Integration nach sich ziehe, warnte Häßler. Um NP-C-Patienten dieses Schicksal zu ersparen, ist es wichtig, das Bewusstsein für die vielschichtigen Symptome dieser Erkrankung zu schärfen, und die Patienten bei Verdacht auf NP-C zur weiteren Diagnostik an ein spezialisiertes Zentrum zu überweisen.

Welche Symptomkonstellation sollte an NP-C denken lassen?

"Patienten mit Morbus Niemann-Pick Typ C haben einen erkennbaren Phänotyp",erläuterte PD Dr. Hans-Hermann Klünemann, Regensburg. Dieser Phänotyp sei zum einen durch die Anamnese zu erkennen - in 80% der Fälle findet sich ein transienter neonataler Ikterus - und zum anderen durch das Vorhandensein einer vertikalen supranukleären Blickparese mit Störung der vertikalen sakkadischen Augenfolgebewegungen.

Darüber hinaus entwickeln Patienten mit NP-C typischerweise eine zerebelläre Ataxie und Dystonie, zuweilen auch eine Dysphagie (2). Die ataktischen Symptome erklären sich dadurch, dass Purkinje-Zellen des Cerebellums ausfallen und ganz früh auch die Basalganglien betroffen sind. "Die Kombination von Ataxie und Dystonie ist charakteristisch für Morbus Niemann-Pick Typ C und ist bei anderen Ataxien selten“, betonte Klünemann. Zur Sicherung der Diagnose wird der Filipin-Test zum Nachweis von unverestertem intrazellulärem Cholesterin in Fibroblasten-Kultur und die Sequenzierung der NPC1- und NPC2-Gene empfohlen (1). Zusätzlich können die Oxysterole im Serum bestimmt werden.

Überprüfung von Diagnosen wichtig für Nutzung eines neuen Therapieansatzes

Mit dem oralen Substratregulator Miglustat (Zavesca®) steht die erste und bislang einzige krankheitsspezifische Behandlungsmöglichkeit für die progressiven neurologischen Manifestationen von Morbus NP-C zur Verfügung. Um das therapeutische Potenzial optimal auszuschöpfen sollten Diagnose und Therapie möglichst früh erfolgen. Diesbezüglich wies der Erwachsenenpsychiater Prof. Dr. Dr. Johannes Thome, Rostock, darauf hin, wie wichtig es sein kann eine bestehende Diagnose bei erwachsenen Betroffenen noch einmal in Frage zu stellen. Vor allem, wenn sie sich als scheinbar behandlungsresistent erweisen oder sich sogar eine Progression ihrer Symptome zeigt, sollte der Arzt erneut prüfen, ob den Symptomen eventuell eine seltenere, neurologisch-psychiatrisch bedingte Erkrankug wie Morbus N-PC zugrunde liegen könnte. Sonst können wegen einer fehlerhaften Diagnose Jahre vergehen, in denen man Betroffenen hätte helfen können.

Fazit für die Praxis

Morbus NP-C zeichnet sich durch eine große Heterogenität im klinischen Phänotyp aus. Die Symptomatik umfasst viszerale, neurologische und psychiatrische Symptome. Die Trias aus neonatalem Ikterus, vertikaler Blickparese und zerebellarer Ataxie ermöglicht die Verdachtsdiagnose. Je früher die Erkrankung diagnostiziert wird, desto eher kann eine Therapie mit Miglustat begonnen und die Progression irreversibler neurologischer Schäden verzögert sowie der Zustand der betroffenen Patienten stabilisiert werden. Letztendlich kommt es unter einer Behandlung mit Miglustat
(Zavesca®) zu einer Verlangsamung des Erkrankungsprozesses (3-6).

Literaturhinweise:
(1) Patterson MC et al. Recommendations for the diagnosis and management of Niemann-Pick disease type C: an update. Mol Genet Metab 2012; 106: 330-344
(2) Garver WS et al. The National Niemann–Pick C1 disease database: Report of clinical features and health problems. Am J Med Genet 2007; 143: 1204-1211
(3) Fachinformation Zavesca®, Stand: Oktober 2012
(4) Patterson MC et al. Miglustat for treatment of Niemann-Pick C disease: a randomised controlled study. Lancet Neurol 2007; 6: 765-772
(5) Wraith JE et al. Miglustat in adult and juvenile patients with Niemann-Pick disease type C: Long-term data from a clinical trial. Mol Genet Metab 2010; 99: 351-357
(6) Pineda M. et al. Miglustat in patients with Niemann-Pick disease Type C (NP-C): A multicenter observational retrospective cohort study Mol Genet Metab 2009; 98: 243-249

Quelle: Satelliten-Symposium „Organische Ursachen psychiatrischer Erkrankungen und deren Behandlung“, veranstaltet von Actelion Pharmaceuticals Deutschland GmbH im Rahmen des 33. Kongresses der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie e.V. (DGKJP), Rostock, 6. März 2013


Stichwörter

Das könnte Sie auch interessieren

Rauchstopp lohnt sich – trotz zusätzlicher Kilos auf der Waage

Rauchstopp lohnt sich – trotz zusätzlicher Kilos auf der Waage
© Oleg / fotolia.com

Wer darüber nachdenkt, mit dem Rauchen aufzuhören, sollte sich von einer möglichen Gewichtszunahme nicht abhalten lassen. Denn obwohl auch Übergewicht mit Gesundheitsrisiken verbunden ist, überwiegt der gesundheitliche Nutzen durch einen Nikotinverzicht noch immer deutlich. Das ist das Ergebnis einer umfangreichen US-Studie, die kürzlich in der renommierten Fachzeitschrift „New England Journal of Medicine“ erschienen ist. Die Deutsche Gesellschaft für Innere Medizin e. V. (DGIM) nimmt den Forschungsbericht zum Anlass, einmal mehr auf die...

Extreme Hitze: Was müssen Herzpatienten beachten?

Extreme Hitze: Was müssen Herzpatienten beachten?
© Korn V. - stock.adobe.com

Sommerliche Hitze mit sehr hohen Temperaturen über 30 Grad Celsius kann zur Herausforderung besonders für ältere Menschen und diejenigen werden, die bereits wegen Herz- oder Blutdruckproblemen in Behandlung sind. Mögliche Folgen der hohen Temperaturen sind Müdigkeit und Schwindel sowie Blutdruckabfall bis hin zum Kreislaufkollaps, außerdem Herzrhythmusstörungen oder auch Muskelkrämpfe. „Diesen Folgen können Betroffene vorbeugen, indem sie mit ihrem behandelnden Arzt Vorsichtsmaßnahmen besprechen, die je nach Herzerkrankung...

Rückenfit an der frischen Luft

Rückenfit an der frischen Luft
© AGR/BdR

Zum 17. Mal findet am 15. März 2018 der Tag der Rückengesundheit statt. Das diesjährige Motto „Rückenfit an der frischen Luft“ möchte dazu motivieren, sich mehr in der Natur zu bewegen und sportliche Aktivitäten im Freien zu genießen. Frische Luft belebt Körper und Geist und Tageslicht sorgt zusätzlich für gute Laune. Initiiert und organisiert wird der Aktionstag von der Aktion Gesunder Rücken (AGR) e. V. und dem Bundesverband deutscher Rückenschulen (BdR) e. V. Rund um den 15. März finden bundesweit zahlreiche...

12. Diabetes Herbsttagung der Deutschen Diabetes Gesellschaft (DDG) 34. Jahrestagung der Deutschen Adipositas-Gesellschaft (DAG)

12. Diabetes Herbsttagung der Deutschen Diabetes Gesellschaft (DDG)  34. Jahrestagung der Deutschen Adipositas-Gesellschaft (DAG)
© Racle Fotodesign / fotolia.com

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) empfiehlt, pro Woche mindestens 2,5 Stunden an mäßig anstrengender Ausdaueraktivität sowie an mindestens zwei Tagen in der Woche muskelkräftigende Aktivitäten auszuführen. Laut Daten des Robert Koch-Instituts erreicht nur etwa ein Fünftel der Frauen (20,5%) und ein Viertel der Männer (24,7%) in Deutschland beide Empfehlungen. Mehr als die Hälfte der erwachsenen Bevölkerung bewegt sich weniger als 2,5 Stunden pro Woche (1). Doch regelmäßige Bewegung schützt nicht nur vor Übergewicht...

Sie können folgenden Inhalt einem Kollegen empfehlen:

"Morbus Niemann-Pick Typ C: Möglichst frühe Diagnosestellung und Therapie als Schlüssel für ein erfolgreiches Krankheitsmanagement"

Bitte tragen Sie auch die Absenderdaten vollständig ein, damit Sie der Empfänger erkennen kann.

Die mit (*) gekennzeichneten Angaben müssen eingetragen werden!

Die Verwendung Ihrer Daten für den Newsletter können Sie jederzeit mit Wirkung für die Zukunft gegenüber der rsmedia GmbH widersprechen ohne dass Kosten entstehen. Nutzen Sie hierfür etwaige Abmeldelinks im Newsletter oder schreiben Sie eine E-Mail an: info[at]rsmedia-verlag.de.