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Medizin

25. Juni 2012 «Veraltet und absurd» – Kinderärzte wollen andere Vorsorge

Dicke Kinder – und dann eine Überweisung zur Krankengymnastik? Für Kinderärzte ist das ein falsches Rezept. Sie fordern Reformen bei der Vorsorge. Die Kassen sehen das kritisch.

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Fachinformation

Deutschlands Kinderärzte schlagen Alarm: In ihre Praxen kommen immer mehr dicke Kinder, oft mit Bewegungsdefiziten und Sprachstörungen. Auf ihrem Jahreskongress in Berlin (bis 24. Juni) nennen sie das Phänomen «soziale Krankheiten». «Was wir sehen, hat oft mit einer Unterforderung von Kindern zu tun», berichtet Ulrich Fegeler, Sprecher des Berufsverbands der Kinder- und Jugendärzte. Die heutigen Vorsorgeuntersuchungen seien zu veraltet, um diese Probleme anzugehen. Deutschlands Kinderärzte fordern deshalb neue Richtlinien, die ihnen bei der Vorsorge zum Beispiel eine Ernährungsberatung ermöglichen. Die gesetzlichen Krankenkassen sehen darin allerdings einen Versuch der Ärzte, noch mehr Geld zu kassieren.

Vorsorgeuntersuchungen (U1 bis U11) für Kinder werden in Deutschland nach Angaben der rund 6.000 Kinderärzte hierzulande sehr gut angenommen. 95 Prozent der Eltern kommen wegen Impfungen oder Tests zur geistigen und körperlichen Entwicklung ihrer Kinder in die Praxen, berichtet Hermann-Josef Kahl, Präventionsbeauftragter des Verbands. «Wir sehen fast alle Kinder.» Doch das nutzt nicht immer etwas. Bei Problemen reichten die veranschlagten 15 Minuten pro Untersuchung oft nicht aus, um Eltern ausführlich zu beraten und weitere Hilfen aufzuzeigen, ergänzt Kahl.

«Die Richtlinien sind nicht nur veraltet, sie sind teilweise auch absurd, zum Beispiel ein Flüstertest», sagt Verbandspräsident Wolfram Hartmann. Ein solcher Test nütze einem Kind, das in einem bildungsfernen Elternhaus nicht richtig sprechen lerne, nichts. Eine Überweisung zum Logopäden sei aber auch der falsche Weg. «Wir können pädagogische Probleme nicht zu medizinischen erklären», kritisiert Hartmann. Früher hätten fünf bis sechs Prozent der Kinder eines Jahrgangs Hilfen wie Krankengymnastik oder Logopädie erhalten. «Heute sind es 30 bis 40 Prozent.» Ärzte setzen hier aus Mangel an Alternativen Methoden ein, die dafür nicht gedacht seien.

15 bis 20 Prozent der Kinder in den Praxen hätten Übergewicht, berichtet Klaus Keller, wissenschaftlicher Leiter des laufenden Kinder- und Jugendärztetags. Weitere 6 bis 10 Prozent neigten bereits zur Fettsucht mit Folgekrankheiten. «Ich hätte früher nicht gedacht, dass wir einen Typ-2-Diabetes bei Kindern diagnostizieren würden», sagt er. «Das war mal eine typische Erwachsenenkrankheit.» Den Ärzten bereiten aber nicht nur Eltern Sorgen, die ihrem Nachwuchs zu wenig geistige Anregung oder Lust auf Bewegung bieten. «Wir sehen auch Helikopter-Eltern, die ihre Kinder überfordern, vom Babyschwimmen bis zum Kindersprachkurs», ergänzt Keller.

«Wir brauchen eine Art Elternerziehung und Elternschulen», ergänzt er. Gesunde Kinderernährung vom Stillen bis zum Jugendalter und Grundfertigkeiten wie selbstgekochtes Essen müssten manchen Familien erst wieder vermittelt werden. «Natürlich können Ärzte dieses Problem nicht allein lösen. Wir brauchen Netzwerke», ergänzt er.

Bei den gesetzlichen Krankenkassen stoßen die Kinderärzte mit ihren Präventionsideen allerdings auf wenig Gegenliebe. Bei der geforderten Ausweitung von Vorsorgeuntersuchungen auf 30 Minuten kam es bisher zu keiner Einigung. Nach Angaben der Ärzte geht es dabei um Honorare, die von 30 auf 50 Euro steigen würden. Die Kassen sehen das kritisch. «Wir müssen aufpassen, dass das Thema Prävention von den Ärzten nicht als Einfallstor dafür genutzt wird, um schlicht noch mehr Geld von den Beitragszahlern zu bekommen», sagte Claudia Widmaier, Sprecherin des Spitzenverbands der Gesetzlichen Krankenkassen, am Freitag.

Der Sinn von Ernährungsberatung durch einen Arzt bei allen Kindern, auch ohne Übergewicht, könne zumindest angezweifelt werden. «Es gibt keine Studien, die einen Nutzen solcher Beratungen zeigen», ergänzte Widmaier. Die Krankenkassen wollten Menschen erreichen, bevor sie zum Arzt gehen – zum Beispiel mit Ernährungskursen in Kindergärten und Schulen.


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