Mittwoch, 20. Februar 2019
Navigation öffnen

Medizin

09. Juli 2012 Entzündliche Herzerkrankungen: Signalweg IKK/NF-κB als Auslöser identifiziert

Oft werden Herzmuskelentzündungen und etwa die schwerwiegendere inflammatorische Kardiomyopathie von Viren wie dem Coxsackie-Erreger oder durch eine verschleppte Grippe ausgelöst. Diese verschiedenen Ursachen haben eine Gemeinsamkeit: Stets ist der molekulare Signalweg IKK/NF-kappaB (IKK/NF-κB) im Herzen aktiviert.

Jetzt haben Wissenschaftler um Dr. Harald Maier und Professor Thomas Wirth von der Uni Ulm herausgefunden, dass bereits die alleinige Aktivierung des Signalwegs ohne Beteiligung von Erregern alle Symptome einer entzündlichen Herzerkrankung hervorrufen kann. Diese am Mausmodell gewonnenen Ergebnisse hat die Arbeitsgruppe aus Medizinern und Naturwissenschaftlern jetzt im Fachjournal PNAS (Proceedings of the National Academy of Sciences) veröffentlicht. „Wir waren überrascht, dass die Aktivierung dieses molekularen Schalters ausreicht, ein Pumpversagen des Herzens und weitere krankhafte Veränderungen auszulösen“, sagt der Erstautor, Harald Maier, vom Ulmer Institut für Physiologische Chemie. Noch verblüffender sei die Tatsache, dass sich selbst lebensbedrohliche Symptome nach Ausschalten des Signalweges wieder vollständig zurückbildeten.

Für ihre Studie haben die Forscher Mäuse mit speziellen genetischen Merkmalen gezüchtet. Dadurch kann im Herzen zu einem beliebigen Zeitpunkt ein wichtiger Aktivator von NF-κB, das Eiweiß IKK, angeschaltet werden. Mit deutlichen Folgen für die betroffenen Mäuse: Untersuchungen zeigten unter anderem, dass ihre gewöhnlich rund einen Zentimeter messenden Herzen stark vergrößert waren – sie brachten auch bis zu 60 Prozent mehr auf die Waage. Um das Krankheitsbild möglichst vollständig zu erfassen, betrachteten die Forscher Mäuseherzen sogar mithilfe des Magnetresonanztomographen (MRT) und konnten eine dramatisch verschlechterte Pumpfunktion nachweisen. In biochemischen und molekularbiologischen Analysen fanden sie außerdem viele Charakteristika der Herzinsuffizienz beim Menschen. Diese Symptome sind nicht nur umkehrbar durch Ausschalten des Aktivators IKK. Sie bleiben gänzlich aus, wenn die Forscher durch einen weiteren molekularen Eingriff NF-κB selbst hemmen. Stehen Harald Maier und seine Kollegen also kurz vor dem Durchbruch für ein neues Herzmedikament? „Wir betreiben reine Grundlagenforschung. Das Funktionsgefüge von IKK/NFκ-B ist noch zu wenig verstanden, um eine gezielte, nebenwirkungsarme Therapie zu entwickeln“, erklärt der Mediziner. Die Gruppe steuere vielmehr einen Mosaikstein zum besseren Verständnis des Signalweges bei. Thomas Wirth sieht interessante Perspektiven, die sich aus der Studie ergeben: „Jetzt gilt es, Zielstrukturen stromabwärts von IKK/NF-κB zu identifizieren, die womöglich in Zukunft medikamentös beeinflusst werden können." IKK/NF-κB steuert unter anderem die Zellantwort bei Infekten. Gemäß einer verbreiteten Hypothese hat erst die chronische Aktivierung des Signalweges im Herzen negative Folgen.

Die Idee zu der jetzt veröffentlichten Studie ist Professor Thomas Wirth, Leiter des Ulmer Instituts für Physiologische Chemie sowie Dekan der Medizinischen Fakultät, und Professor Thomas Braun, Direktor am Max-Planck-Institut für Herz- und Lungenforschung in Bad Nauheim, schon vor einigen Jahren bei einer Tagung gekommen. Für die aktuelle Studie haben sie die Ulmer Expertise im Bereich des IKK/NF-κB-Signalweges mit dem Bad Nauheimer Schwerpunkt Herzerkrankungen kombiniert. Weiterhin waren PD Dr. Cornelia Brunner und Dr. Tobias Schips (jetzt: Cincinnati Children's Hospital Medical Center) von der Uni Ulm sowie Forscher des Universitätsklinikums Tübingen an der Publikation beteiligt.

Literaturhinweis:
Harald J. Maier, Tobias G. Schips, Astrid Wietelmann, Marcus Krüger, Cornelia Brunner, Martina Sauter, Karin Klingel, Thomas Böttger, Thomas Braun, and Thomas Wirth: Cardiomyocyte-specific IκB kinase (IKK)/NF-κB activation induces reversible inflammatory cardiomyopathy and heart failure. Proceedings of the National Academy of Sciences.
http://www.pnas.org/content/early/2012/06/29/1116584109.full.pdf+html?with-ds=yes

 

Quelle: Universität Ulm


Stichwörter

Das könnte Sie auch interessieren

Darmkrebsmonat März: Alkohol ist ein wichtiger Risikofaktor für Darmkrebs

Darmkrebsmonat März: Alkohol ist ein wichtiger Risikofaktor für Darmkrebs
© karepa / Fotolia.com

Das Trinken von Alkohol ist gesellschaftlich breit akzeptiert, trotz der Risiken, die mit seinem Konsum einhergehen. Alkohol ist an der Entstehung von mehr als 200 Erkrankungen beteiligt, so die Autoren des Alkoholatlas Deutschland 2017. Leberschäden gehören dabei zu den weitgehend bekannten Folgen. Doch auch das Risiko für Darmkrebs steigt. Anlässlich des Darmkrebsmonats März macht die Deutsche Gesellschaft für Gastroenterologie, Verdauungs- und Stoffwechselkrankheiten (DGVS) darauf aufmerksam, dass auch der vergleichsweise moderate Konsum von Alkohol das...

12. Diabetes Herbsttagung der Deutschen Diabetes Gesellschaft (DDG) 34. Jahrestagung der Deutschen Adipositas-Gesellschaft (DAG)

12. Diabetes Herbsttagung der Deutschen Diabetes Gesellschaft (DDG)  34. Jahrestagung der Deutschen Adipositas-Gesellschaft (DAG)
© Racle Fotodesign / fotolia.com

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) empfiehlt, pro Woche mindestens 2,5 Stunden an mäßig anstrengender Ausdaueraktivität sowie an mindestens zwei Tagen in der Woche muskelkräftigende Aktivitäten auszuführen. Laut Daten des Robert Koch-Instituts erreicht nur etwa ein Fünftel der Frauen (20,5%) und ein Viertel der Männer (24,7%) in Deutschland beide Empfehlungen. Mehr als die Hälfte der erwachsenen Bevölkerung bewegt sich weniger als 2,5 Stunden pro Woche (1). Doch regelmäßige Bewegung schützt nicht nur vor Übergewicht...

Neue Version der Patientenleitlinie "Unipolare Depression" veröffentlicht

Neue Version der Patientenleitlinie "Unipolare Depression" veröffentlicht
© imagesetc / Fotolia.com

Depressionen sind weltweit häufige Erkrankungen. Allein in Deutschland sind innerhalb eines Jahres rund 6,2 Millionen Menschen betroffen. Gleichzeitig ist die Dunkelziffer hoch: Oft werden depressive Erkrankungen nicht festgestellt, weil Betroffene keine fachliche Hilfe suchen oder die Krankheit nicht erkannt wird. Dabei stehen heute evidenzbasierte Therapieverfahren zur Verfügung, mit denen sich Depressionen in den meisten Fällen gut behandeln lassen.

10 Fakten über Psychotherapie

10 Fakten über Psychotherapie
© hollandog / fotolia.com

Psychotherapie ist ein effektiver und sinnvoller Weg aus Krisen und Problemen. Wäre da nicht das Imageproblem. Um dieser Stigmatisierung entgegenzuwirken, wurde mit dem 5. Februar der Tag des Psychotherapeuten ausgerufen. Ein wichtiger Jahrestag, der zur Aufklärung von Missverständnissen beiträgt und das Bewusstsein für die lebenswichtige Arbeit schärft, die von Therapeuten täglich geleistet wird. Dr. Anabel Ternès ist Gründerin der digitalen Service-Plattform Psychologio, die Betroffenen einen vereinfachten Zugang zu einer...

Sie können folgenden Inhalt einem Kollegen empfehlen:

"Entzündliche Herzerkrankungen: Signalweg IKK/NF-κB als Auslöser identifiziert"

Bitte tragen Sie auch die Absenderdaten vollständig ein, damit Sie der Empfänger erkennen kann.

Die mit (*) gekennzeichneten Angaben müssen eingetragen werden!

Die Verwendung Ihrer Daten für den Newsletter können Sie jederzeit mit Wirkung für die Zukunft gegenüber der rsmedia GmbH widersprechen ohne dass Kosten entstehen. Nutzen Sie hierfür etwaige Abmeldelinks im Newsletter oder schreiben Sie eine E-Mail an: info[at]rsmedia-verlag.de.