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Medizin

11. September 2013 Gedächtnisverlust und Persönlichkeitsveränderungen durch Demenz trifft nicht nur Senioren

Manchmal etwas zu vergessen, das gehört für ältere Menschen zum Alltag. Doch wenn das Gedächtnis häufiger versagt, die Orientierung verloren geht und sich die Persönlichkeit verändert, dann lautet die Diagnose oft: Demenz. Mehr als 50 Formen der Erkrankung gibt es. Nach Angaben des Bundesfamilienministeriums leiden rund 1,4 Millionen Menschen in Deutschland daran - Tendenz steigend.

Fast immer sind, wie bei der bekannten Alzheimer-Krankheit, Menschen ab 65 Jahren betroffen. Doch auch Jüngere können an einer Demenz erkranken: "Diese Menschen fallen völlig aus dem Alltag", umschreibt es Prof. Richard Dodel von der Deutschen Gesellschaft für Neurologie (DGN) in Siegen. Wer unter 65 ist, steht meistens noch im Berufsleben, ist in feste Terminpläne eingebunden und gilt noch nicht als Senior. Kollegen, Freunde und Familie denken nicht direkt an eine Krankheit, wenn sich das Verhalten auffällig ändert.

Doch dieses Symptom ist charakteristisch für die Frontotemporale Demenz, kurz FTD. Wie bei allen Formen der Demenz sterben dabei Gehirnzellen, in diesem Fall im Stirnhirn (Frontalhirn) und im Schläfenlappen (Temporalhirn). "5-10% aller Demenzkranken leiden an einer Form der FTD", erläutert DGN-Experte Richard Dodel, Neurologie-Professor an der Philipps-Universität Marburg.

"Bei der Frontotemporalen Demenz können Persönlichkeitsveränderungen, Verhaltens- und Sprachstörungen auftreten", sagt Prof. Dodel. Das zeigt sich sehr unterschiedlich: Betroffene werden fahrig, apathisch, aggressiv, enthemmt. Sie selbst registrierten die Persönlichkeitsveränderung in der Regel nicht, für das Umfeld sind sie extrem belastend. "Es ist der gleiche Organismus, aber ein anderer Mensch", umschreibt es Prof. Christian Haass, Demenzforscher im Deutschen Zentrum für Neurodegenerative Erkrankungen (DZNE) in München.

Bei der Alzheimer-Krankheit, an der zwei Drittel der Demenz-Betroffenen leiden, lassen die kognitiven Fähigkeiten nach. Zu den typischen Erinnerungslücken kommen Orientierungslosigkeit und Konzentrationsschwächen. "Die Krankheit ist vermutlich schon rund 20 Jahre vor Auftreten der Symptome angelegt", erklärt der Biochemiker Haass.

Auch Alzheimer trifft vereinzelt jüngere Menschen. "Dabei handelt es sich immer um eine erbliche Veranlagung", sagt Haass. Vom Hausarzt wird ein Patient mit Demenzverdacht zum Neurologen, Psychologen oder zur Gedächtnisambulanz, auch "Memory Clinic" genannt, geschickt. Dort wird gezielt auf Demenz untersucht. Eine detaillierte neuropsychologische Testung, Blutuntersuchungen, sowie eine Computertomographie (CT) oder eine Magnetresonanztomographie (MRT) des Kopfes runden das Bild ab.

"Damit werden vor allem organische Ursachen für eine Demenz ausgeschlossen", erklärt Prof. Dodel. Denn in allen Altersgruppen kann Demenz auch die Folge von anderen Krankheiten sein, etwa einer Durchblutungs- oder Schilddrüsenstörung und von Schlaganfällen. Ist die primäre Erkrankung behandelbar, bessert sich in der Regel auch die Demenz.

"Sport ist das Einzige, was man gegen Demenz machen kann"

Alzheimer, FTD und die meisten anderen Arten der fortschreitenden Demenz sind jedoch nicht heilbar - auch wenn die Forschung immer neue Erkenntnisse gewinnt. Umso wichtiger ist daher die Betreuung, die laut Bundesfamilienministerium zu zwei Dritteln Angehörige übernehmen. "Gerade bei jüngeren Betroffenen ist es schwierig, sich auf die Einschränkungen einzulassen", erklärt Sozialarbeiterin Susanna Saxl von der Deutschen Alzheimer-Gesellschaft (DalzG), einer bundesweiten Selbsthilfeorganisation für Demenzkranke und deren Angehörige.

Frühe Erkrankungen wie FTD spielen bei der Selbsthilfe eine große Rolle. "10-12% der Anrufer beim Alzheimer-Telefon, unserer Demenz-Hotline, drehen sich darum", berichtet Saxl. Anders als bei Erkrankten im Ruhestand sind dabei zum Beispiel auch die Versorgung von Kindern oder die Regelung der Altersvorsorge noch ein Thema. Auch sind die Frühbetroffenen in der Regel körperlich fitter, denn das Kleinhirn, zuständig für die grundlegenden Körperfunktionen, ist vom Zelltod nicht betroffen.

Körperliche Fitness ist für Betreuer eine besondere Herausforderung. Für die Betroffenen ist sie eine Chance: "Sport ist das Einzige, was man gegen Demenz machen kann", sagt Prof. Haass. "Es ist durch Tierversuche belegt, dass körperliche und geistige Betätigung die Demenz zwar nicht verhindert, aber den Verlauf hinauszögert." Das ist für Betreuer oft von elementarer Bedeutung, denn bei dieser unheilbaren Erkrankung hilft alles, was länger funktioniert: Orientierung, Ernährung und Körperhygiene.

Geistige und körperliche Anregung sollte es für Patienten immer geben, auch in einem Heim. Bei aktiveren Jüngeren sind entsprechende Angebote schwerer zu finden. "Da kann man es mal in einer Behindertenwerkstatt versuchen", schlägt Sozialarbeiterin Saxl vor. Auch Wohneinrichtungen für psychisch Kranke hält sie bei Frontotemporaler Demenz für eine mögliche Alternative zum Altenpflegeheim.

Walking-Gruppen oder Tanzkurse sind ebenfalls denkbar und helfen auch den pflegenden Angehörigen, weil sie den schwierigen Alltag auflockern. "Es gibt auch Urlaubsangebote speziell für Patienten und Betreuer, gemeinsam und getrennt" sagt Susanna Saxl. Solche Angebote sind wichtig, denn die Demenz wird immer schwerer. Sie selbst ist nicht tödlich. Aber sie begünstigt Sekundärerkrankungen, an denen auch Frühbetroffene schon innerhalb von drei Jahren sterben können.


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