Mittwoch, 14. April 2021
Navigation öffnen
Anzeige:
FSME
FSME
Medizin
18. September 2014

DGVS 2014: Clostridium difficile - Mikrobiomtransfer wird neuer Standard bei komplizierten Durchfallerkrankungen

Beim sogenannten Mikrobiomtransfer übertragen Ärzte den Stuhl eines gesunden Spenders in den Darm eines Kranken, um dessen geschädigte Darmflora wiederaufzubauen. Für kompliziert verlaufende, wiederkehrende Infektionen mit dem Bakterium Clostridium difficile ist der Stuhltransfer inzwischen die Methode der Wahl, erklären Experten der Deutschen Gesellschaft für Gastroenterologie, Verdauungs- und Stoffwechselkrankheiten (DGVS). Denn Studien zeigen, dass das Verfahren konventionellen Behandlungsmethoden deutlich überlegen ist. Um Langzeitdaten zur Methode und einheitliche Standards für die Anwendung zu generieren, wird nun das nationale Register "MikroTrans" eingerichtet.

Anzeige:
Medical Cloud
Medical Cloud
 

Die Zahl der Infektionen mit dem Erreger Clostridium difficile wächst hierzulande rasch, vor allem schwere Verläufe nehmen zu. Während im Jahr 2000 noch rund 1300 Patienten stationär behandelt werden mussten, waren es im Jahr 2011 bereits 28 200. Die Bakterien sind vor allem im Zusammenhang mit Antibiotika gefährlich: Stören die Medikamente das Gleichgewicht der gesunden Darmflora, vermehrt sich der Erreger mitunter massenhaft. Schwere Durchfälle sind die Folge. Insbesondere bei älteren Patienten kann die Erkrankung kompliziert und sogar tödlich verlaufen.
 
"Bei einem Teil der Patienten kommt die Erkrankung immer wieder zurück", sagt Dr. med. Ulrich Rosien, leitender Arzt in der Medizinischen Klinik am Israelitischen Krankenhaus in Hamburg. "Diese Betroffenen können durch die Übertragung von fremdem Stuhl nun dauerhaft geheilt werden." Eine im vergangenen Jahr im New England Journal of Medicine veröffentlichte Studie zeigte, dass bei rund 90% der Patienten, bei denen die Erkrankung trotz einer speziell auf sie ausgerichteten Antibiotikatherapie wieder ausgebrochen war, die Stuhlübertragung erfolgreich war. "Das Verfahren ist der konventionellen Behandlung so weit überlegen, dass es bei wiederkehrenden Infektionen mit Clostridium difficile als neuer Standard empfohlen werden kann", sagt Dr. Rosien.
 
Bei dem Verfahren wird der potenzielle Spender zunächst auf Infektionskrankheiten untersucht. Dann wird der Spenderstuhl mit einer Kochsalzlösung verflüssigt, gefiltert und mit einer Sonde in den Darm des Empfängers geleitet. Dort können die Bakterien aus dem Spenderstuhl ihre heilende Wirkung entfalten. Das Verfahren ist auch als mögliche Therapie für verschiedene andere Krankheiten vielversprechend: "In einer Studie wurde beobachtet, dass übergewichtige Menschen nach einem Mikrobiomtransfer von Stuhl von schlanken abnahmen, weil ihr körpereigenes Insulin danach besser wirkte", so Rosien. Auch gegen chronische Darmentzündungen könnte das Verfahren möglicherweise helfen. Hierzu gäbe es bislang aber noch keine gesicherten Erkenntnisse, betont der Experte.
 
"Bislang fehlt auch noch Klarheit darüber, welche längerfristigen Wirkungen und Nebenwirkungen ein Stuhltransfer hat. Zudem gibt es derzeit noch keine Standards, wie der Spender ausgewählt, der Stuhl genau aufbereitet und übertragen werden soll", sagt Rosien. Um Antworten auf solche noch offene Fragen zu erhalten, wurde in diesem Jahr damit begonnen, das nationale Register "MikroTrans" einzurichten. In dieser Internet-basierten Datenbank erfassen Kliniken Patientencharakteristika, Details zu Stuhlübertragungen und deren Ergebnisse.
 
Literaturhinweise:
Hagel S. Nationales Register “Stuhltransplantation” bei rezidivierender C. diff.-Infektion. Zeitschrift für Gastroenterologie. 2014; 52: 515
Van Nood al., Duodenal infusion of donor feces for recurrent Clostridium difficile. N Engl J Med 2013; 368:407-15
Schmelz R und Hampe J., Übertragung von Darmflora (“Stuhltransplantation”): wann und für wen? Deutsche Medizinische Wochenschrift. 2014; 139: 1237-1239
P. Lynen Jansen, A. Stallmach, A. W. Lohse, M. M. Lerch, Entwicklung infektiöser Durchfallerkrankungen zwischen den Jahren 2000 und 2012, Z Gastroenterol 2014; 52: 549-557

Quelle: Viszeralmedizin 2014


Anzeige:
OFEV
OFEV

Das könnte Sie auch interessieren

Depression – verstecken ist kein Ausweg

Depression – verstecken ist kein Ausweg
© www.deinwegraus.de

Unter dem Titel „Depression – verstecken ist kein Ausweg“ macht das Freiburger Bündnis gegen Depression mit einer Kampagne auf sein Anliegen aufmerksam. Prof. Berger, Vorsitzender des Freiburger Bündnisses e.V. gegen Depression betont, dass depressive Störungen, obwohl sie zu den häufigsten Erkrankungen in Deutschland gehören, hinsichtlich ihrer Bedeutung noch immer stark unterschätzt werden. Dabei hat gerade erst eine weltweit durchgeführte Studie der WHO („Global burden of disease“) gezeigt: Depressionen sind eine der...

Warum alltägliche und seelische Belastungen wichtig werden können

Warum alltägliche und seelische Belastungen wichtig werden können
© Sebastian Kaulitzki / Fotolia.com

Fast jeder kennt Kreuzschmerzen. Sie sind in den meisten Fällen harmlos und gehen nach kurzer Zeit von alleine wieder weg. Halten die Schmerzen jedoch länger an, fragen sich viele Betroffene, woher ihre Beschwerden kommen. Wichtig für Sie zu wissen ist: Auch alltägliche, seelische oder berufliche Probleme können Kreuzschmerzen hervorrufen und deren Verlauf beeinflussen. Deshalb soll Ihre Ärztin oder Ihr Arzt Sie vor und während der Behandlung gezielt auf Belastungen im Privatleben und am Arbeitsplatz ansprechen.

10 Fakten über Psychotherapie

10 Fakten über Psychotherapie
© hollandog / fotolia.com

Psychotherapie ist ein effektiver und sinnvoller Weg aus Krisen und Problemen. Wäre da nicht das Imageproblem. Um dieser Stigmatisierung entgegenzuwirken, wurde mit dem 5. Februar der Tag des Psychotherapeuten ausgerufen. Ein wichtiger Jahrestag, der zur Aufklärung von Missverständnissen beiträgt und das Bewusstsein für die lebenswichtige Arbeit schärft, die von Therapeuten täglich geleistet wird. Dr. Anabel Ternès ist Gründerin der digitalen Service-Plattform Psychologio, die Betroffenen einen vereinfachten Zugang zu einer...

Rolle der Selbstmotivation bei schweren Lungenerkrankungen wie Asthma und COPD

Rolle der Selbstmotivation bei schweren Lungenerkrankungen wie Asthma und COPD
© Sebastian Kaulitzki / Fotolia.com

Neben den oft schweren körperlichen Einschränkungen leiden Patienten mit einer chronischen Lungenerkrankung häufig auch an starken seelischen und psychischen Belastungen. Die Angst vor Atemnot, vor dem Fortschreiten der Krankheit oder vor sozialer Ausgrenzung kann auf Dauer Mutlosigkeit und Depressionen nach sich ziehen. Ein Teil der Therapie kann daher auch die Behandlung psychischer Belastungen sein sowie das Erlernen von Ansätzen, sich in schwierigen Zeiten selbst zu motivieren.

Sie können folgenden Inhalt einem Kollegen empfehlen:

"DGVS 2014: Clostridium difficile - Mikrobiomtransfer wird neuer Standard bei komplizierten Durchfallerkrankungen"

Bitte tragen Sie auch die Absenderdaten vollständig ein, damit Sie der Empfänger erkennen kann.

Die mit (*) gekennzeichneten Angaben müssen eingetragen werden!

Die Verwendung Ihrer Daten für den Newsletter können Sie jederzeit mit Wirkung für die Zukunft gegenüber der Medical Tribune Verlagsgesellschaft mbH - Geschäftsbereich rs media widersprechen ohne dass Kosten entstehen. Nutzen Sie hierfür etwaige Abmeldelinks im Newsletter oder schreiben Sie eine E-Mail an: info[at]rsmedia-verlag.de.


EILMELDUNGEN zu SARS-CoV-2 und COVID-19
  • Kabinett beschließt Bundes-Notbremse: Nächtliche Ausgangssperren und geschlossene Läden
  • Kabinett beschließt Bundes-Notbremse: Nächtliche Ausgangssperren und geschlossene Läden