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Medizin

26. September 2014 Gluten-induzierte Enteropathie: Zöliakie wird unterschätzt

Nicht nur Krankheitszeichen einer Malabsorption müssen im Praxisalltag an eine Zöliakie denken lassen. Die Gluten-assoziierte Enteropathie kann sich mit verschiedensten Symptomen einschließlich extraintestinaler Beschwerden bemerkbar machen. Sie ist oft mit anderen Autoimmun-erkrankungen wie Diabetes mellitus oder Schilddrüsenerkrankungen assoziiert. Die Dunkelziffer ist jedoch hoch. Die Zöliakie wird in ihrer Bedeutung noch unterschätzt, so das Fazit beim Falk Symposium 193 in Amsterdam. Das gilt ebenso für die nicht-gluten-abhängige Weizensensitivität, eine Erkrankung mit hoher Prävalenz, deren Hintergründe bislang erst ansatzweise verstanden werden.

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Fachinformation

Wer denkt schon an eine Zöliakie, wenn der Patient in der Praxis über allgemeines Unwohlsein und eine eingeschränkte Leistungsfähigkeit klagt, aus unbekannten Gründen erhöhte Leberwerte aufweist, leicht depressiv wirkt, neurologische Symptome entwickelt und/oder an einer Autoimmunerkrankung leidet? Bei solchen Patienten muss stets auch eine Gluten-assoziierte Enteropathie in Betracht gezogen werden.

"Die Zöliakie kann sich mit einer großen Vielfalt an Symptomen manifestieren, die zudem ganz unterschiedliche Organsysteme betreffen können“, betonte Dr. Peter H. R. Green, New York. Es handelt sich keinesfalls, wie oft fälschlicherweise angenommen wird, um ein Krankheitsbild, das vor allem Kinder betrifft. Auch Erwachsene entwickeln eine gluten-assoziierte Enteropathie, zeigen dann aber häufig eine etwas andere Symptomatik.

An eine Zöliakie ist laut Dr. Julio C. Bai, Buenos Aires, unter anderem bei Hauterkrankungen wie der Dermatitis herpetiformis, bei Refluxsymptomen, bei Osteopenie und Osteoporose sowie vielen anderen extraintestinalen Symptomen zu denken. Die Erkrankung weist eine ausgeprägte Morbidität auf und schränkt die Lebensqualität der Patienten zum Teil enorm ein.

Sowohl hinsichtlich der Zöliakie, aber auch der nicht-gluten-assoziierten Weizensensitivität gibt es nach Prof. Dr. Dr. Detlef Schuppan, Mainz, noch großen Handlungsbedarf: "Häufig werden die Störungen nicht erkannt. Die Dunkelziffer ist bei der Zöliakie mit 80-95% sehr hoch." Der Grund hierfür ist die zum Teil nicht typische Symptomatik sowie ein möglicherweise subklinischer Verlauf der Erkrankung. Besteht auch nur ein leichtes Verdachtsmoment, so sollte deshalb der Patient eingehend danach befragt werden, ob es eine Assoziation der Beschwerden mit der Ernährung gibt. Nicht selten werden die Betroffenen dann angeben, dass sie beispielsweise Brot schlecht vertragen.

Die Prävalenz der Zöliakie wird mit rund einem Prozent der Bevölkerung - beziffert mit allerdings erheblichen regionalen Schwankungen. In Deutschland dürften, so Schuppan, etwas weniger als 0,5% der Bevölkerung betroffen sein. Warum hierzulande die Prävalenz niedriger ist als in vielen anderen Nationen, ist nicht bekannt.
 
Eigenständige Erkrankung, aber Assoziationen mit Morbus Crohn und Colitis ulcerosa

Kein Zweifel besteht laut Schuppan daran, dass es sich bei der Zöliakie um eine eigenständige Erkrankung handelt, die mit einer chronischen Darmentzündung einhergeht. Sie grenzt sich aber deutlich von den chronisch entzündlichen Darmerkrankungen ab, obwohl es Analogien beim genetischen Hintergrund und den immunologischen Reaktionen gibt. Es wird ferner vermutet, dass die immunologischen Mechanismen, die bei den jeweiligen Krankheitsbildern wirksam sind, sich gegenseitig verstärken können.

Die Zöliakie zu diagnostizieren, erfordert einen gewissen Spürsinn und eine entsprechende Expertise. Zwar ist die Diagnose relativ einfach mittels einer Antikörpertestung zu stellen, komplex aber ist die differentialdiagnostische Abklärung dieser facettenreichen Erkrankung. Die Symptomatik kann nahezu das gesamte Gebiet der Gastroenterologie, der Rheumatologie und vieler weitere Fachbereiche betreffen. "Im Zweifelsfall sollte man sich daher rasch zu einem Antikörpertest entscheiden", rät Schuppan.

Hoffnung auf einen medikamentösen Therapieansatz

Eine glutenfreie Ernährung ist das A und O bei der Behandlung der Zöliakie. Die Patienten brauchen eine konsequente Ernährungsberatung auch im Hinblick auf mögliche Mangelzustände durch die glutenfreie Kost. Der betreuende Arzt sollte deshalb unbedingt einen kompetenten Ernährungsberater hinzuziehen, zumal eine strikte glutenfreie Ernährung nicht leicht einzuhalten ist.

Eine effektive medikamentöse Therapie der Zöliakie existiert bislang nicht. Es wird jedoch intensiv an der Entwicklung von Behandlungsoptionen gearbeitet. Diese werden aber die glutenfreie Ernährung nicht überflüssig machen. Es geht vielmehr darum, die Diät so zu ergänzen, dass geringe Mengen an Gluten, die der Patient aufnimmt, quasi neutralisiert werden können. Als erfolgversprechender Ansatz nannte Schuppan beispielsweise die Entwicklung von Glutenasen, die mit der Nahrung aufgenommen werden. Darüber hinaus werden derzeit weitere Ansätze bis hin zur Entwicklung einer Impfung verfolgt.

Weizensensitivität: Die Ursache sind Amylase-Tryptin-Inhibitoren

Noch weitaus häufiger als die Zöliakie dürfte eine Weizensensitivität sein. Dieses Krankheitsbild ist noch deutlich weniger erforscht, doch es gibt Hinweise darauf, dass es auf einer angeborenen Immunität gegen Amylase-Trypsin-Inhibitoren (ATI) im Weizen beruht. Die ATIs machen etwa 4% der Weizenproteine aus und haben vor allem die Aufgabe, einen Schädlingsbefall des Weizens abzuwehren. Auch bei der Weizensensitivität greifen wie bei der Zöliakie bislang nur diätetische Maßnahmen: "Wir gehen derzeit davon aus, dass wahrscheinlich bis zu 10% Prozent der Bevölkerung von einer weizenreduzierten Ernährung profitieren würden", so Schuppan.

Quelle: Falk Symposium 193 „Celiac Disease and Other Small Bowl Disorders“ 05.-06. September 2014 in Amsterdam


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