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Medizin

11. November 2016 Lancet: Lungenentzündungen bei Flüchtlingen durch von Schleusern verabreichtes Benzin

Menschen auf der Flucht sind zahlreichen Gefahren ausgesetzt. Die Schleuser verabreichen den Menschen auf der Bootsüberfahrt teilweise Benzinmischungen, um sie ruhigzustellen. Wissenschaftler des Klinikums rechts der Isar der Technischen Universität München (TUM), der Städtischen Klinikum München GmbH und des Jamaica Hospitals New York berichten in Lancet über lebensbedrohliche Lungenentzündungen, die wahrscheinlich durch das Trinken von Benzin während der Bootsflucht über das Mittelmeer verursacht wurden. Die Veröffentlichung soll Ärzte, die Flüchtlinge behandeln, für diese Erkrankung sensibilisieren, da diese gefährliche Ähnlichkeit mit bakteriellen Lungenentzündungen aufweist.

2015 sind mehr als eine Million Menschen vor Krieg und Vertreibung nach Europa geflüchtet. Auf der gefährlichen Reise über das Mittelmeer sterben jede Woche zahlreiche Flüchtlinge. Die Migration verändert auch den medizinischen Alltag. Neben der mangelhaften medizinischen Versorgung in den meisten Ländern Afrikas und eingeschleppten Erkrankungen birgt die Flucht selbst lebensgefährliche Risiken: Die Schleusung und die Überfahrt von Libyen durch das Mittelmeer nach Griechenland oder Italien erfolgen oft unter entsetzlichen Bedingungen.

Während das hohe Risiko bekannt ist, das die Überfahrt in Schlauchbooten mit sich bringt, wurde eine zusätzliche Gesundheitsgefahr für die Flüchtenden bisher nicht wahrgenommen: das Trinken von Benzin. Die Schleuser verabreichen den Menschen auf der Bootsüberfahrt teilweise Benzinmischungen, um sie ruhigzustellen. Das gesundheitliche Risiko ist hoch: Benzin besteht aus aromatischen Kohlenwasserstoffen und kann schwerste Entzündungen der Lunge und andere Vergiftungen verursachen.

Gefährliche Ähnlichkeit zu bakteriellen Lungenentzündungen

Besonders problematisch ist, dass die Symptome der Erkrankung wie Fieber und Luftnot zunächst einer „normalen“ bakteriellen Lungenentzündung ähneln. Daher werden sie bei der medizinischen Untersuchung nach der Flucht oft verkannt. Auch in Röntgen- und Computertomographie (CT)-Aufnahmen lässt sich kein Hinweis auf die Ursache und die Gefährlichkeit der Erkrankung feststellen. Außerdem treten die Symptome oft erst nach Wochen auf. Die Sprachbarriere zwischen Geflüchteten und Ärzten macht es zusätzlich schwierig, den Zusammenhang herzustellen.

Den Wissenschaftlern um Dr. Christoph Spinner und Prof. Wolfgang Huber von der Klinik für Innere Medizin II des Klinikums rechts der Isar gelang es nach sorgsamer Befragung der Dolmetscher und Patienten sowie gemeinsamer Auswertung von drei Patientenfällen, den mutmaßlichen Zusammenhang zwischen Benzinmischungen und Lungenentzündung bei Boots-Flüchtlingen erstmals zu beschreiben. Einer der Fälle war dabei von einem ehemaligen Mitarbeiter des Klinikums in den USA erfasst worden. Ein Fall verlief tödlich. Mit der Veröffentlichung in The Lancet wollen die Mediziner, von denen einzelne auch zum Deutschen Zentrum für Infektionsforschung (DZIF) gehören, Ärzte in der ganzen Welt für diese Problematik sensibilisieren. Ziel ist es, mit einer rechtzeitigen Differentialdiagnostik eine bessere Patientenversorgung sicherzustellen und frühzeitig gezieltere Behandlungsversuche unternehmen zu können.

Literaturhinweis:
Spinner, Christoph D et al. Severe hydrocarbon pneumonitis in African refugees after fuel ingestion.
The Lancet , Volume 388 , Issue 10058 , 2350 - 2351.
DOI: http://dx.doi.org/10.1016/S0140-6736(16)32130-4

Quelle: Technische Universität München (TUM)


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