Dienstag, 26. März 2019
Navigation öffnen

Medizin

08. Januar 2019 ADHS im Erwachsenenalter: Schwierigkeiten bei Transition und Diagnostik

Die Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung – kurz ADHS – wird in der Gesellschaft wie auch in der Fachwelt nach wie vor primär als eine Störung bei Kindern und Jugendlichen wahrgenommen. Doch ein Großteil der Patienten weist auch nach dem 18. Geburtstag noch Symptome der ADHS auf, sodass oft auch bei Erwachsenen die Notwendigkeit einer Therapie besteht. Der Übergang von der Kinder- und Jugendpsychiatrie in die Erwachsenenpsychiatrie gestaltet sich im Alltag häufig noch schwierig. Welche Hürden bestehen? Wie kann die Transition verbessert und eine Unterversorgung der Betroffenen vermieden werden? Diese und andere Fragen diskutierten ein Kinder- und Jugendpsychiater, ein Erwachsenenpsychiater sowie ein Betroffener auf der Jahrestagung des Berufsverbandes für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie in Deutschland e.V. (bkjpp) bei einer Podiumsdiskussion.
„Es kommt oft vor, dass die ADHS-Patienten bei uns quasi aus dem Nichts auftauchen“, – so beschrieb der Erwachsenenpsychiater Dr. Christian Konkol, Chefarzt an der Fachklinik für Psychiatrie und Psychotherapie in Bad Salzuflen, die Situation. Seine provokante Frage: „Sprecht ihr Kinder- und Jugendpsychiater eigentlich nicht gerne?“ Dem setzte Alexander Gort Golzarandi, Oberarzt an der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie an der Universitätsklinik Köln entgegen: Gerade auf dem Gebiet der pädiatrischen Psychiatrie stünde die Psychotherapie – und damit das Gespräch mit dem Patienten – im Vordergrund. „Durch den fehlenden Austausch leidet am Ende der Patient“, konstatierte dazu N. Müller, ein 21-Jähriger ADHS-Betroffener aus Berlin. Die Probleme, die eine Transition mit sich bringen kann, hat er am eigenen Leib erfahren: Bedingt durch die Aufnahme des Studiums, den damit einhergehenden Wohnortwechsel und die insgesamt geänderte Lebenssituation kamen für ihn weitere Herausforderungen zur ADHS-Problematik hinzu. Er musste sich zunächst selbst strukturieren und sollte dann noch einen neuen Arzt in dieser neuen Umgebung finden. Wie sollte er einem Psychiater, der ihn nicht kannte, seine Krankheitsgeschichte ohne die Unterstützung seines Kinder- und Jugendpsychiaters, der in seiner Heimatstadt niedergelassen ist, umfassend erklären? Würde ihm dieser neue Arzt womöglich misstrauen und die Diagnose anzweifeln? Er unterstrich die Notwendigkeit der Unterstützung des behandelnden Kinder- und Jugendpsychiaters bei der Transition. Sein Fazit: „Es wäre schön, wenn die beiden Ärztegruppen bei der Transition enger zusammenarbeiten und sich in der Übergangsphase austauschen würden.“

Hürden bei der Transition

Eine bessere „Übergabe“ der Patienten von den bisher betreuenden Kinder- und Jugendpsychiatern an die Erwachsenenpsychiater wäre wünschenswert – in diesem Punkt waren sich alle Diskussionsteilnehmer einig. Worin also liegen die Hürden? Hier hängen die Sichtweisen von der jeweiligen Perspektive ab. Als Kinder- und Jugendpsychiater schilderte Golzarandi den „Klassiker“ bei der Transition: Kurz vor oder mit Eintritt der Volljährigkeit bricht der ADHS-Patient die Behandlung beim Kinder- und Jugendpsychiater ab, weil „es auch ohne geht“ und stellt dann mit etwa Mitte 20 fest, dass er doch noch eine Therapie benötigt. Also geht er zum Erwachsenenpsychiater. Doch die Symptomatik verändert sich im Laufe der Zeit. Wenn der Patient nun beim Erwachsenenpsychiater unter Umständen zunächst Symptome schildert, die nicht sofort auf ADHS hinweisen, und der Facharzt sich bei der Therapie an diesen Symptomen orientiert und nicht die psychiatrische Vorgeschichte erfragt, dann kann die ADHS übersehen werden. Erwachsenenpsychiater Dr. Christian Konkol beklagte zudem, dass sich zu wenige aus seiner Facharztgruppe mit der Indikation ADHS beschäftigen würden. Das Krankheitsbild sei hier auch heute eigentlich nicht etabliert, und viele glaubten weiterhin, dass sich eine ADHS quasi „auswachse“.

Unterschiede zwischen der juvenilen und adulten ADHS

Erschwerend kommt hinzu, dass die ADHS des Erwachsenenalters durchaus Unterschiede zur ADHS im Kindes- und Jugendalter aufweist: Die Hypermotorik, die als Leitsymptom der ADHS gilt, zeigt sich meist unauffälliger, bzw. modifiziert: Sie verändert sich in Richtung einer inneren Unruhe. Zudem stellen sich viele dieser Patienten nicht primär wegen ihrer ADHS-Symptomatik, sondern wegen den bei der Erwachsenen-ADHS häufigen Komorbiditäten, wie zum Beispiel mangelnde Impulskontrolle oder Depression, vor. Die richtige Diagnosestellung ist auch deshalb wichtig, weil eine Depression bei einer zugrundeliegenden ADHS anders behandelt werden müsse als ohne ADHS. Auch in der medikamentösen Therapie gibt es Unterschiede: Während für die Behandlung von Kindern und Jugendlichen neben dem Goldstandard  (1) Methylphenidat in unterschiedlich langer Wirkdauer auch Amfetamin, Guanfacin und Atomoxetin eingesetzt werden können, sind bei Erwachsenen ausschließlich retardiertes Methylphenidat und Atomoxetin zugelassen. Allerdings, so die Erfahrungen von Dr. Konkol, kann mit retardiertem Methylphenidat bei einem Großteil der erwachsenen Patienten ein gutes Therapieansprechen beobachtet werden.

Quelle: MEDICE

Literatur:

(1) Kemmerich, R. (2017) ADHS von A bis Z: Kompaktes Praxiswissen für Betroffene und Therapeuten. 1. Auflage, Kohlhammer GmbH, Stuttgart, 2017: 53 und 239.


Das könnte Sie auch interessieren

Grippeviren im Anmarsch - Tipps zum Schutz vor Ansteckung

Grippeviren im Anmarsch - Tipps zum Schutz vor Ansteckung
© ERGO Group

Jedes Jahr aufs Neue rollen gegen Ende des Jahres die ersten Grippewellen an: Laut dem Robert-Koch-Institut erkranken während einer saisonalen Grippewelle in Deutschland zwischen zwei und zehn Millionen Menschen. Dr. Wolfgang Reuter, Gesundheitsexperte der DKV Deutsche Krankenversicherung, erklärt den Unterschied zwischen Erkältung und echter Grippe, der sogenannten Influenza. Zudem gibt er Tipps zu Schutzmaßnahmen gegen Grippeviren.

Jeder 12. Junge süchtig nach Computerspielen

Jeder 12. Junge süchtig nach Computerspielen
© Photographee.eu / Fotolia.com

In Deutschland ist jeder zwölfte Junge oder junge Mann süchtig nach Computerspielen. Nach einer neuen DAK-Studie erfüllen 8,4 Prozent der männlichen Kinder, Jugendlichen und jungen Erwachsenen im Alter zwischen 12 bis 25 Jahren die Kriterien für eine Abhängigkeit nach der sogenannten „Internet Gaming Disorder Scale“. Bei den Betroffenen verursacht die exzessive Nutzung von Computerspielen massive Probleme. Der Anteil der betroffenen Mädchen und jungen Frauen liegt mit 2,9 Prozent deutlich niedriger. Das zeigt der Report „Game over“...

Patientenbroschüre informiert über Schlaganfallrisiko bei Vorhofflimmern

Patientenbroschüre informiert über Schlaganfallrisiko bei Vorhofflimmern
© sudok1 / Fotolia.com

Die bewährte Patientenbroschüre „Schlaganfallrisiko bei Vorhofflimmern. Erkennen. Handeln. Vorbeugen“ ist jetzt in einer überarbeiteten Neuauflage verfügbar. In patientengerechter Sprache erfahren Betroffene und ihre Angehörigen, was Vorhofflimmern ist, wie es behandelt wird und wie sie selbst das individuelle Schlaganfallrisiko senken können. Die Neuauflage hat durch das Institut für hausärztliche Fortbildung im Deutschen Hausärzteverband (IHF) e. V. das IHF -Patientensiegel „Zertifizierte Inhalte – Für Patienten...

Die wichtigsten Tipps zur Grippe-Impfung

Die wichtigsten Tipps zur Grippe-Impfung
© Konstantin Yuganov / fotolia.com

Es geht wieder los: Die Grippe-Zeit beginnt! Insbesondere ältere Patienten sind durch Influenza-Viren gefährdet. Aber auch Schwangere, Kinder und Pflegepersonal sind besonders betroffen. Deswegen raten Experten jetzt zur gezielten Grippeschutzimpfung. „Für ältere Menschen eignen sich insbesondere die sogenannten tetravalenten Impfstoffe, die nun auch von den Krankenkassen bezahlt werden“, sagt Dr. Andreas Leischker (Foto), Impfexperte der Deutschen Gesellschaft für Geriatrie (DGG) sowie Chefarzt der Klinik für Geriatrie des Alexianer-Krankenhauses...

Klinikeinweisung wegen Herzschwäche: Welche Warnsignale müssen Betroffene kennen?

Klinikeinweisung wegen Herzschwäche: Welche Warnsignale müssen Betroffene kennen?
© freshidea / Fotolia.com

Jedes Jahr werden in Deutschland mehr als 440.000 Patienten mit Herzschwäche in eine Klinik eingewiesen, weil bei ihnen ihr Herz entgleist ist. Damit zählt die Herzschwäche zu den häufigsten Anlässen für einen Krankenhausaufenthalt. „Ganz konkrete Warnsignale zeigen das Entgleisen des Herzens an. Für diese müssen Betroffene wachsam sein, insbesondere für Wassereinlagerungen im Körper, an den Knöcheln, den Unterschenkeln oder im Bauchraum. Diese sogenannten Ödeme sind leicht zu erkennen, wenn man sich täglich wiegt....

Sie können folgenden Inhalt einem Kollegen empfehlen:

"ADHS im Erwachsenenalter: Schwierigkeiten bei Transition und Diagnostik "

Bitte tragen Sie auch die Absenderdaten vollständig ein, damit Sie der Empfänger erkennen kann.

Die mit (*) gekennzeichneten Angaben müssen eingetragen werden!

Die Verwendung Ihrer Daten für den Newsletter können Sie jederzeit mit Wirkung für die Zukunft gegenüber der rsmedia GmbH widersprechen ohne dass Kosten entstehen. Nutzen Sie hierfür etwaige Abmeldelinks im Newsletter oder schreiben Sie eine E-Mail an: info[at]rsmedia-verlag.de.