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Medizin

01. März 2018
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Aktuelle Erkenntnisse aus der Mikrobiota-Forschung

Beim Freiburger Symposium der Alfred-Nissle-Gesellschaft e.V. am 24. und 25. November 2017 standen aktuelle Erkenntnisse aus der Mikrobiota-Forschung sowie ihre Bedeutung für jetzige und zukünftige therapeutische Anwendungsgebiete von Probiotika im Mittelpunkt. Die Rolle, die das intestinale Ökosystem bei der Pathogenese diverser Erkrankungen spielt, wird erst in jüngerer Zeit (wieder-)erkannt und mit modernen Methoden untersucht. Die Mikrobiota des Darmes ist demnach nicht nur für gastroenterologische Erkrankungen bedeutsam. Vielmehr werden auch extraintestinale Krankheitsbilder, wie z.B. Krebserkrankungen oder das metabolische Syndrom, zunehmend mit einer gestörten Darmökologie in Zusammenhang gebracht. Prof. Dr. med. Jan Wehkamp, Tübingen, leitete als Vorsitzender der Alfred-Nissle-Gesellschaft e.V. das interdisziplinäre Symposium, auf dem ein reger Experten-Austausch zwischen den rund 130 Teilnehmern stattfand.
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Fachinformation
Das vor 100 Jahren entdeckte Bakterium Escherichia coli Stamm Nissle 1917 (EcN) ist das Paradebeispiel für die Entwicklung eines erfolgreichen, probiotischen Arzneimittels. Sein Entdecker und Namensgeber – der Freiburger Arzt Prof. Dr. med. Alfred Nissle – isolierte EcN im Jahr 1917 aus der Stuhlprobe eines Soldaten, der – anders als seine Kameraden – vollkommen darmgesund geblieben war. Mit EcN hatte Nissle ein Darmbakterium mit besonderer „antagonistischer Stärke“ isoliert, welches also in der Lage ist, das Wachstum anderer Bakterien zu behindern oder sogar zu unterbinden. Nissle ließ sich dieses mit EcN gefundene Prinzip des Antagonismus unter dem Handelsnamen Mutaflor® patentieren.

Die Mechanismen wie Probiotika wirken, bleiben weiter Gegenstand aktueller Arbeiten und wurden im ersten Teil des Symposiums erörtert. So stellte Prof. Dr. med. Manuela Raffatellu, San Diego, USA eine aktuelle Veröffentlichung aus der Fachzeitschrift Nature (1) vor, in der belegt wurde, dass E. coli Stamm Nissle 1917 stammspezifisch unter bestimmten Umgebungsbedingungen in der Lage ist, antibiotisch wirksame Substanzen zu sezernieren. Dazu passend regt der Stamm die Darmoberfläche ebenfalls dazu an, körpereigene antimikrobielle Substanzen zu bilden (2). Die Schutzfunktion der Schleimhaut wird so gestärkt und pathogene Mikroorganismen werden verdrängt.

Als Arzneimittel unterliegt Mutaflor® heute den gleichen strengen Anforderungen zum Nachweis von Wirksamkeit und Sicherheit wie jedes andere zugelassene Medikament. Der probiotische Wirkstoff EcN ist nachgewiesenermaßen apathogen, genetisch stabil, durchsetzungsfähig, antagonistisch aktiv gegenüber Fremdkeimen, antientzündlich und immunmodulierend. Seine klinische Wirksamkeit ist anhand von Studien belegt. In einem Graufeld bewegen sich dagegen die im Lebensmittelbereich angebotenen Probiotika, die einerseits als Nahrungsergänzungsmittel vermarktet und andererseits mit pharmakologischen Wirkungen assoziiert werden. Dies wurde auf dem Symposium nicht nur aus rechtlichen, sondern auch aus gesundheitlichen und medizinischen Gründen kritisch diskutiert.

Der Probiotika-Einsatz in der Therapie muss Stamm-spezifisch erfolgen

Die Mikrobiota-Forschung bringe eine Renaissance für die Probiotika-Therapie, erläuterte Prof. Dr. med. Harald Matthes, Berlin. Jedoch gab er zu bedenken, dass dies nicht dazu führen dürfe, dass alle Probiotika grundsätzlich auch für alle Anwendungsgebiete eingesetzt werden könnten. Vielmehr seien die Stamm-spezifischen Eigenschaften eines jeden einzelnen Probiotikums zu berücksichtigen und in der Therapie zu überprüfen. „Denn Probiotika sind nicht gleich Probiotika!“, betonte Matthes. Das heiße, dass die Eigenschaften eines Bakterienstammes nicht auf nahverwandte Stämme übertragbar seien, ebenso wenig wie ihre therapeutische Wirksamkeit, so Matthes. Leider würden viele systematische Reviews und Metaanalysen die Klasse der Probiotika aber immer noch als Ganzes bewerten und ließen dabei die Stamm-spezifischen Eigenschaften einzelner Probiotika-Wirkstoffe außer Acht, sagte er.

Ein ähnliches Vorgehen findet sich auch in deutschen Therapieleitlinien wieder, z.B. in der S3-Leitlinie für gastrointestinale Infektionen. Auch hier wird für Probiotika ein Klasseneffekt vorausgesetzt, trotz einzelner unterschiedlicher Wirkstoffe und damit auch therapeutischer Effekte. Dies führe in der klinischen Bewertung zwangsläufig zu falschen Schlüssen, bemängelte Matthes. Bei der Anwendung eines Probiotikums sei nicht nur auf dessen Stamm-spezifische Eigenschaften, sondern ebenfalls auf die Dosierung und damit auf den Wirkstoffgehalt zu achten. Matthes wies in diesem Zusammenhang auf Nahrungsergänzungsmittel hin, die zwar probiotische Bakterien enthielten, aber häufig in nicht ausreichender Menge.
 
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